Amerikas Energiewende

Der Druck auf die USA steigt, den Ölkonsum zu drosseln und auf Alternativen zu setzen

31. October 2012 - 0:00 | von Josef Braml

Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 4, Oktober 2012, S. 551-561

Kategorie: Rohstoffe & Energie, Vereinigte Staaten von Amerika

Fast 40 Prozent ihres Energiebedarfs decken die USA mit Erdöl. Ein Großteil davon muss aus Krisenregionen importiert werden. Auch mit neuen Fördermethoden lässt sich die Eigenproduktion nicht im gewünschten Maße steigern. Die Abhängigkeit vom Importöl aber kostet die US-Wirtschaft wichtige Wachstumspunkte und macht sie krisenanfällig. Und sie schränkt die politische Handlungsfähigkeit Washingtons ein. Die USA müssen energiepolitisch umsteuern. Sie könnten dabei eine Vorreiterrolle übernehmen.

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Erneuerbare Energien: „New Frontier“ für die US-Wirtschaft?

Öldorado?

Wer den Hurra-Meldungen der Medien Glauben schenkt, wähnt Amerika vor einem „goldenen Zeitalter“ (Wolf 2012): Dank neuer Bohrtechniken zur Gewinnung von Öl aus Schiefergestein, dem so genannten fracking, seien die USA auf dem Weg zur „Energieunabhängigkeit“ (Chazan 2012), sie betrieben einen „finanziellen und politischen Kraftakt“, um zur „Ölmacht“ zu werden (Jahn 2012, S. 6). Ehedem vom Aussterben bedrohte Prärieregionen erlebten nunmehr einen wahren Ölrausch und Wirtschaftsboom (Buchter 2012).

Nüchtern betrachtet ergibt die Analyse der Fakten ein anderes Bild: Wirtschaft und Transportsektor in den USA sind massiv vom Erdöl abhängig, das auf absehbare Zeit zu einem Gutteil aus instabilen Weltregionen wie dem Mittleren Osten und Afrika importiert werden muss. Selbst wenn die Weltmacht ihren Importanteil merklich reduzieren könnte, bliebe ihre Wirtschaftskraft verwundbar durch steigende und volatile Preise, die nicht auf vollkommenen Märkten gebildet, sondern mehr oder weniger von Saudi-Arabien bestimmt werden.

Die Ölmonarchie ist bislang der einzige Ölproduzent, der in der Lage ist, die „vitalen Interessen“ der USA – zum Preis seiner Regimestabilität – vor den Ansinnen anderer, weniger wohlgesinnter OPEC-Staaten zu schützen. Selbst wenn dieser amerikanisch-saudische Pakt („Sicherheit für Öl“) von den Umwälzungen in der Region unberührt bleiben sollte, werden die weltwirtschaftlichen Entwicklungen und die daraus resultierenden geopolitischen Machtverschiebungen die Vereinigten Staaten nötigen umzusteuern: weg von fossilen Kraftstoffen, hin zu erneuerbaren Energien und energiesparenden Umwelttechnologien.1

Süchtig nach Öl

In seiner Ansprache zur Lage der Nation im Januar 2006 machte Präsident George W. Bush seine Landsleute auf ein „ernsthaftes Problem“ aufmerksam: Amerika ist süchtig nach Öl, das größtenteils aus instabilen Regionen der Welt importiert wird (White House 2006). Doch in seiner achtjährigen Amtszeit hat er wenig dazu beigetragen, hier Abhilfe zu schaffen. Auch Obama gelang es bislang nicht, seine Versprechen in die Tat umzusetzen und eine Kurskorrektur vorzunehmen.

Die US-Bürger stellen nur knapp 5 % der Erdbevölkerung, doch die Vereinigten Staaten von Amerika verursachen mehr als ein Fünftel des globalen Energiekonsums (Energy Information Administration 2011a, S. 310). In den letzten sechs Jahrzehnten hat sich der Energieverbrauch der USA beinahe verdreifacht.

Der erhöhte Energiebedarf wird in erster Linie durch Öl gedeckt: 2010 betrug der Anteil des Mineralöls nach Angaben der amerikanischen Energiebehörde (Energy Information Administration 2011a, S. 9)2 knapp 40 % des Gesamtenergieverbrauchs in den USA. Zwar ist in den 1970er Jahren der Verbrauch von Gas und Kohle ebenfalls gestiegen, aber deren Anteil an der Deckung des Gesamtenergieverbrauchs ist seit den 1980er Jahren mit etwa einem Viertel bzw. einem Fünftel relativ konstant. Nuklear- und erneuerbare Energie tragen mit 9 bzw. 8 % nur wenig zur Deckung des Gesamtenergiebedarfs bei.

Ökonomisch betrachtet werden alternative Energien benachteiligt, da die amerikanische Regierung seit den 1980er Jahren nukleare und insbesondere fossile Brennstoffe subventioniert (Elhefnawy 2006, S. 101–114). Wenn die Regierung diesen Wettbewerbsvorteil fossiler Kraftstoffe nicht ausgleicht, also massiv in die Forschung und Entwicklung alternativer Energien investiert, wird sich am derzeitigen Energiemix wenig ändern und die Abhängigkeit der USA von importiertem Öl weiter wachsen.

Importabhängigkeit

Trotz anderslautender Medienberichte, die von der Ölindustrie finanzierte Studien bemühen, wonach durch neue Fördertechniken und Funde „Amerikas Ölunabhängigkeit“ erreicht werden könne, lässt sich der ständig steigende Ölbedarf in den USA nicht annähernd durch die inländische Produktion decken. Zwischen 1950 und 2010 erhöhte sich der Anteil amerikanischen Mineralöls zwar von 5,9 auf 7,5 Millionen Fässer pro Tag3 (Energy Information Administration 2011a, S. 133), doch bei insgesamt 19 Millionen Fässern, die heute in den USA täglich benötigt werden, ist dieser Anstieg viel zu gering.

Allein der amerikanische Transportsektor – dessen Fahrzeugflotte fast ausschließlich mit Flugbenzin, Benzin und Diesel angetrieben wird – verbrauchte 2010 knapp 14 Millionen Fässer Erdöl pro Tag. Auf den Verkehrssektor entfallen mittlerweile über 70 % des gesamten Ölverbrauchs (Energy Information Administration 2011a, S. 162, 361). Bei der starken Abhängigkeit des amerikanischen Transportwesens von fossilen Kraftstoffen und der Zeit, die es kostet, neue markttaugliche Technologien zu entwickeln, ist abzusehen, dass die Vereinigten Staaten noch für mehrere Dekaden auf den Import von Öl angewiesen sein werden (Council on Foreign Relations 2006, S. 14).

Die Abhängigkeit der Weltmacht USA vom Import des Erdöls hat – anders als beim Energieträger Gas4 – deutlich zugenommen: Deckten die USA 1950 ihren Bedarf noch überwiegend durch die Gewinnung eigener Ressourcen, so wurden 2010 über 60 % des Gesamtölverbrauchs importiert, insbesondere aus den Nachbarstaaten der westlichen Hemisphäre und aus den Ländern am Persischen Golf.

Tabelle 1

US-Hauptimportländer von Mineralöl von 1965 und 2010. (Quelle: Energy Information Administration 2011a, S. 141; eigene Berechnung und Darstellung)

 

1965

2010

 

In 1000 Fässern pro Tag

In % der Gesamtimporte

In 1000 Fässern pro Tag

In % der Gesamtimporte

Kanada

323

13,1

2532

21,5

Mexiko

48

1,9

1280

10,9

Staaten am Persischen Golf

345

14,0

1708

14,5

Nigeria

15

0,6

1025

8,7

Venezuela

994

40,3

987

8,4

Die amerikanische Energiebehörde (Energy Information Administration 2011b, Executive Summary) prognostiziert, dass die derzeitige Importmenge bis 2035 nur wenig, nämlich von 10 auf 9 Millionen Fässer pro Tag, sinken wird, und zwar selbst dann, wenn die inländische Biokraftstoffproduktion auf 2,5 Millionen Fässer pro Tag steigen sollte. An der massiven Importabhängigkeit wird sich also in absehbarer Zeit nicht viel ändern. Die Lieferanten haben sich über Jahre längst darauf eingestellt und ihre Marktmacht forciert, insbesondere durch die Zusammenarbeit im OPEC-Kartell, der 1960 gegründeten Organisation erdölexportierender Länder, der neben den Golfstaaten mit Venezuela und Nigeria weitere für die USA wichtige Energielieferanten angehören.

  • 1. Eine ausführlichere Analyse der energetischen Auswirkungen auf die Wirtschaft und Außenpolitik der USA hat der Autor soeben beim Siedler-Verlag unter dem Titel „Der amerikanische Patient“ veröffentlicht.
  • 2. Der nächste Annual Energy Review 2011 wird von der Energiebehörde erst im Herbst 2012 veröffentlicht.
  • 3. Ein Fass entspricht 159 Litern.
  • 4. Die USA beziehen netto derzeit nur etwa 10 % ihres Gasverbrauchs von außerhalb (Energy Information Administration 2011a S. 192).

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