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04. Okt. 2012

„Erdöl bleibt zentrale Ressource im globalen Energiemix“

Abdallah Salem El-Badri, Generalsekretär der OPEC

Das Zeitalter des Erdöls ist noch lange nicht vorüber. Die Bedeutung des Öls wird in den kommenden Jarzehnten sogar noch zunehmen, prognostiziert OPEC-Chef El-Badri. Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, müssen allerdings immer schwieriger zugängliche Lagerstätten erschlossen werden. El-Badri folgte einer Einladung der DGAP und der Wintershall Holding zur Energiedebatte.

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Die Ressource Erdöl ist endlich. Wie lässt sich dem Problem der Knappheit begegnen?

Zunächst einmal: Für die absehbare Zukunft gibt es mehr als genug Erdölvorkommen, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Den immer wieder beschworenen „peak oil“, also den Höhepunkt der Förderung, erwarten wir nicht in der nächsten Zeit. Jüngste Schätzungen des Geoforschungsinstituts des USA gehen von noch nutzbaren Lagerstätten im Umfang von 3.500 Milliarden Barrel aus. Man muss sich vor Augen führen, dass die gesamte bisherige Ölproduktion weniger als ein Drittel dieser Menge umfasst.

Die beiden entscheidenden Faktoren, um Ölvorkommen zu erschließen und zu entwickeln, sind, heute wie früher, die passende Technik und die menschliche Arbeitskraft. Erfindergeist war immer die treibende Kraft für technologische Innovationen. Über die entsprechende Technik zu verfügen, wird der Schlüssel sein, um schwierig zugängliche Lagerstätten zu erschließen und Kosten zu senken.

Welche Bedeutung hat die Förderung schwer zugänglicher Lagerstätten angesichts der Erschöpfung traditioneller Reserven?

Die Ölindustrie fördert mehr und mehr in immer weiter entfernten, unwirtlichen Gegenden und an immer tiefer gelegenen Orten. Das ist eine schon länger andauernde Entwicklung, die Unternehmen haben die Grenzen des Machbaren stets weiter hinausgeschoben.

In einigen leichter zugänglichen Gegenden gehen die Vorräte natürlich langsam zur Neige, aber das trifft nicht auf alle Lagerstätten zu. Viele Mitgliedsländer der OPEC verfügen noch über beachtliche traditionelle Quellen. Insgesamt verfügt die OPEC heute über mehr als 80 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Künftig werden allerdings sämtliche Ölquellen von Bedeutung sein, um der Nachfrage gerecht zu werden. Vor dem Hintergrund der bisherigen Geschichte unserer Industrie bin ich mir sicher, dass in Zukunft der Anteil schwer zugänglicher Ressourcen an der Förderung weiter steigen wird.

Welchen Beitrag kann die OPEC zur Sicherheit der Transportwege leisten?

Da die Ölindustrie weltweit tätig ist, sind die Transportrouten für uns lebenswichtig. Damit Erdölprodukte bis in alle Ecken der Welt kommen können, sind wir auf Stabilität angewiesen. Als zwischenstaatliche Organisation ist die OPEC nicht unmittelbar mit Sicherheitsaspekten befasst. Unser Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Forschung und der Ölwirtschaft. Generell aber kann keine Institution oder kein Land allein die Sicherheit gewährleisten, das ist eine Aufgabe für die gesamte Staatengemeinschaft.

Wie kann die OPEC die Ölversorgung noch unabhängiger von politischen Ereignissen in einzelnen Mitgliedsländern, wie dem Zusammenbruch in Libyen oder den Sanktionen gegen Iran, machen?

Das ist natürlich die Angelegenheit des jeweiligen Landes, dazu kann das OPEC-Sekretariat nicht direkt Stellung nehmen. Aber was den Aufstand in Libyen letztes Jahr angeht, so ist es den anderen OPEC-Ländern gelungen, in die Bresche zu springen und zu helfen, die Nachfrage zu befriedigen, als dort die Produktion fast völlig zum Erliegen kam.

Seit September 2011 hat Libyen dann erfolgreich daran gearbeitet, die Produktion wieder aufzunehmen. Am Jahresende förderte man schon wieder eine Million Barrel pro Tag, was eine beachtliche Leistung darstellt. Heute hat man das Vorkriegsniveau von 1,6 Millionen Barrel wieder erreicht. Es gab also für die Abnehmer von Erdöl keine Ausfälle, wir konnten der Nachfrage entsprechen. Was die Sanktionen gegen Iran betrifft, so hoffe ich, dass man bald zu einer freundschaftlichen Lösung gelangt, diese Weltregion hat nun genug Konflikte gehabt!

Wie stark gefährden Förderländer, die nicht der OPEC angehören, die Preispolitik Ihrer Organisation?

Die OPEC verfolgt überhaupt kein Preisziel. Wir meinen, der Ölpreis sollte sich auf dem Weltmarkt bilden, aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Unser Ziel ist Marktstabilität als die Voraussetzung für einen funktionierenden Markt. Die OPEC fühlt sich überhaupt nicht bedroht von irgendwelchen Ländern, die nicht unserer Organisation angehören, beide Welten kommen ja miteinander klar, seit die OPEC gegründet wurde.

Ist der steigende Anteil von Erdgas am globalen Energiemix eine Gefahr für die Bedeutung der OPEC?

Wir sind uns der steigenden Bedeutung von Erdgas bewusst. In unserer jüngsten Prognose im „World Oil Outlook“ gehen wir davon aus, dass der Anteil von Erdgas am weltweiten Energiemix von 23 Prozent in 2010 auf 25 Prozent im Jahr 2035 steigen wird. Aber damit liegt Erdgas immer noch hinter Erdöl, das dann etwa 28,5 Prozent zur Deckung des Energiebedarfs beitragen wird.

Die OPEC geht davon aus, dass die Bedeutung des Erdöls noch steigen wird und dass Erdöl weiter eine zentrale Rolle im globalen Energiemix spielen wird. Die Ölindustrie wird damit auch wichtig für die Volkswirtschaften unserer Mitgliedsländer bleiben. Und was das Gas angeht: Unsere Mitgliedsländer verfügen auch über beträchtliche Ergasreserven. Insgesamt unterstützt die OPEC die effiziente und nachhaltige Entwicklung aller Energieträger.

Wenn die OPEC 2060 ihren einhundertsten Geburtstag feiert, wird dann Erdöl ein unbezahlbares Luxusgut sein?

Manchmal hätte ich gern eine Kristallkugel! Jetzt hat unsere Organisation erst mal ihren fünfzigsten Geburtstag hinter sich. Vieles hat sich im zurückliegenden halben Jahrhundert verändert, wie viel konnte man davon schon voraussehen? Wir stützen uns heute auf den Einsatz von Supercomputern, durch die Entstehung des Internets hat sich unsere Art zu kommunizieren revolutioniert und auch im Transportwesen gab es durch die Fliegerei einen epochalen Wandel. Eine Vorausschau bis 2060 ist also keine leichte Aufgabe!

Ich möchte aber unterstreichen, dass die OPEC auch in Zukunft dabei helfen wird, die Ölmärkte zu stabilisieren, um eine effiziente, wirtschaftliche und stabile Versorgung der Konsumenten zu gewährleisten, aber auch, um den Produzenten und Investoren ein sicheres Einkommen zu verschaffen. Das war unser bisheriges Ziel, und ich bin mir sicher, das wird es auch in den kommenden fünfzig Jahren sein.

Die Fragen stellte Lucas Lypp, Online-Redakteur

Bibliografische Angaben

El-Badri, Abdallah Salem. “„Erdöl bleibt zentrale Ressource im globalen Energiemix“.” October 2012.

DGAP-Interview, 28. September 2012

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