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31. Oktober 2012

Amerikas Energiewende

Der Druck auf die USA steigt, den Ölkonsum zu drosseln und auf Alternativen zu setzen

Fast 40 Prozent ihres Energiebedarfs decken die USA mit Erdöl. Ein Großteil davon muss aus Krisenregionen importiert werden. Auch mit neuen Fördermethoden lässt sich die Eigenproduktion nicht im gewünschten Maße steigern. Die Abhängigkeit vom Importöl aber kostet die US-Wirtschaft wichtige Wachstumspunkte und macht sie krisenanfällig. Und sie schränkt die politische Handlungsfähigkeit Washingtons ein. Die USA müssen energiepolitisch umsteuern. Sie könnten dabei eine Vorreiterrolle übernehmen.

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Öldorado?

Wer den Hurra-Meldungen der Medien Glauben schenkt, wähnt Amerika vor einem „goldenen Zeitalter“ (Wolf 2012): Dank neuer Bohrtechniken zur Gewinnung von Öl aus Schiefergestein, dem so genannten fracking, seien die USA auf dem Weg zur „Energieunabhängigkeit“ (Chazan 2012), sie betrieben einen „finanziellen und politischen Kraftakt“, um zur „Ölmacht“ zu werden (Jahn 2012, S. 6). Ehedem vom Aussterben bedrohte Prärieregionen erlebten nunmehr einen wahren Ölrausch und Wirtschaftsboom (Buchter 2012).

Nüchtern betrachtet ergibt die Analyse der Fakten ein anderes Bild: Wirtschaft und Transportsektor in den USA sind massiv vom Erdöl abhängig, das auf absehbare Zeit zu einem Gutteil aus instabilen Weltregionen wie dem Mittleren Osten und Afrika importiert werden muss. Selbst wenn die Weltmacht ihren Importanteil merklich reduzieren könnte, bliebe ihre Wirtschaftskraft verwundbar durch steigende und volatile Preise, die nicht auf vollkommenen Märkten gebildet, sondern mehr oder weniger von Saudi-Arabien bestimmt werden.

Die Ölmonarchie ist bislang der einzige Ölproduzent, der in der Lage ist, die „vitalen Interessen“ der USA – zum Preis seiner Regimestabilität – vor den Ansinnen anderer, weniger wohlgesinnter OPEC-Staaten zu schützen. Selbst wenn dieser amerikanisch-saudische Pakt („Sicherheit für Öl“) von den Umwälzungen in der Region unberührt bleiben sollte, werden die weltwirtschaftlichen Entwicklungen und die daraus resultierenden geopolitischen Machtverschiebungen die Vereinigten Staaten nötigen umzusteuern: weg von fossilen Kraftstoffen, hin zu erneuerbaren Energien und energiesparenden Umwelttechnologien.Eine ausführlichere Analyse der energetischen Auswirkungen auf die Wirtschaft und Außenpolitik der USA hat der Autor soeben beim Siedler-Verlag unter dem Titel „Der amerikanische Patient“ veröffentlicht.

Süchtig nach Öl

In seiner Ansprache zur Lage der Nation im Januar 2006 machte Präsident George W. Bush seine Landsleute auf ein „ernsthaftes Problem“ aufmerksam: Amerika ist süchtig nach Öl, das größtenteils aus instabilen Regionen der Welt importiert wird (White House 2006). Doch in seiner achtjährigen Amtszeit hat er wenig dazu beigetragen, hier Abhilfe zu schaffen. Auch Obama gelang es bislang nicht, seine Versprechen in die Tat umzusetzen und eine Kurskorrektur vorzunehmen.

Die US-Bürger stellen nur knapp 5 % der Erdbevölkerung, doch die Vereinigten Staaten von Amerika verursachen mehr als ein Fünftel des globalen Energiekonsums (Energy Information Administration 2011a, S. 310). In den letzten sechs Jahrzehnten hat sich der Energieverbrauch der USA beinahe verdreifacht.

Der erhöhte Energiebedarf wird in erster Linie durch Öl gedeckt: 2010 betrug der Anteil des Mineralöls nach Angaben der amerikanischen Energiebehörde (Energy Information Administration 2011a, S. 9)Der nächste Annual Energy Review 2011 wird von der Energiebehörde erst im Herbst 2012 veröffentlicht. knapp 40 % des Gesamtenergieverbrauchs in den USA. Zwar ist in den 1970er Jahren der Verbrauch von Gas und Kohle ebenfalls gestiegen, aber deren Anteil an der Deckung des Gesamtenergieverbrauchs ist seit den 1980er Jahren mit etwa einem Viertel bzw. einem Fünftel relativ konstant. Nuklear- und erneuerbare Energie tragen mit 9 bzw. 8 % nur wenig zur Deckung des Gesamtenergiebedarfs bei.

Ökonomisch betrachtet werden alternative Energien benachteiligt, da die amerikanische Regierung seit den 1980er Jahren nukleare und insbesondere fossile Brennstoffe subventioniert (Elhefnawy 2006, S. 101–114). Wenn die Regierung diesen Wettbewerbsvorteil fossiler Kraftstoffe nicht ausgleicht, also massiv in die Forschung und Entwicklung alternativer Energien investiert, wird sich am derzeitigen Energiemix wenig ändern und die Abhängigkeit der USA von importiertem Öl weiter wachsen.

Importabhängigkeit

Trotz anderslautender Medienberichte, die von der Ölindustrie finanzierte Studien bemühen, wonach durch neue Fördertechniken und Funde „Amerikas Ölunabhängigkeit“ erreicht werden könne, lässt sich der ständig steigende Ölbedarf in den USA nicht annähernd durch die inländische Produktion decken. Zwischen 1950 und 2010 erhöhte sich der Anteil amerikanischen Mineralöls zwar von 5,9 auf 7,5 Millionen Fässer pro TagEin Fass entspricht 159 Litern. (Energy Information Administration 2011a, S. 133), doch bei insgesamt 19 Millionen Fässern, die heute in den USA täglich benötigt werden, ist dieser Anstieg viel zu gering.

Allein der amerikanische Transportsektor – dessen Fahrzeugflotte fast ausschließlich mit Flugbenzin, Benzin und Diesel angetrieben wird – verbrauchte 2010 knapp 14 Millionen Fässer Erdöl pro Tag. Auf den Verkehrssektor entfallen mittlerweile über 70 % des gesamten Ölverbrauchs (Energy Information Administration 2011a, S. 162, 361). Bei der starken Abhängigkeit des amerikanischen Transportwesens von fossilen Kraftstoffen und der Zeit, die es kostet, neue markttaugliche Technologien zu entwickeln, ist abzusehen, dass die Vereinigten Staaten noch für mehrere Dekaden auf den Import von Öl angewiesen sein werden (Council on Foreign Relations 2006, S. 14).

Die Abhängigkeit der Weltmacht USA vom Import des Erdöls hat – anders als beim Energieträger GasDie USA beziehen netto derzeit nur etwa 10 % ihres Gasverbrauchs von außerhalb (Energy Information Administration 2011a S. 192). – deutlich zugenommen: Deckten die USA 1950 ihren Bedarf noch überwiegend durch die Gewinnung eigener Ressourcen, so wurden 2010 über 60 % des Gesamtölverbrauchs importiert, insbesondere aus den Nachbarstaaten der westlichen Hemisphäre und aus den Ländern am Persischen Golf.

Tabelle 1

US-Hauptimportländer von Mineralöl von 1965 und 2010. (Quelle: Energy Information Administration 2011a, S. 141; eigene Berechnung und Darstellung)

 

1965

2010

 

In 1000 Fässern pro Tag

In % der Gesamtimporte

In 1000 Fässern pro Tag

In % der Gesamtimporte

Kanada

323

13,1

2532

21,5

Mexiko

48

1,9

1280

10,9

Staaten am Persischen Golf

345

14,0

1708

14,5

Nigeria

15

0,6

1025

8,7

Venezuela

994

40,3

987

8,4

Die amerikanische Energiebehörde (Energy Information Administration 2011b, Executive Summary) prognostiziert, dass die derzeitige Importmenge bis 2035 nur wenig, nämlich von 10 auf 9 Millionen Fässer pro Tag, sinken wird, und zwar selbst dann, wenn die inländische Biokraftstoffproduktion auf 2,5 Millionen Fässer pro Tag steigen sollte. An der massiven Importabhängigkeit wird sich also in absehbarer Zeit nicht viel ändern. Die Lieferanten haben sich über Jahre längst darauf eingestellt und ihre Marktmacht forciert, insbesondere durch die Zusammenarbeit im OPEC-Kartell, der 1960 gegründeten Organisation erdölexportierender Länder, der neben den Golfstaaten mit Venezuela und Nigeria weitere für die USA wichtige Energielieferanten angehören.

Marktmacht OPEC

Das Machtpotenzial der OPEC wird deutlich, wenn man die Länder mit den größten nachgewiesenen Erdölreserven betrachtet (s. Tab. 2): Mit Ausnahme von Kanada, Russland und Kasachstan handelt es sich um OPEC-Mitglieder.

Tabelle 2

Nachgewiesene Ölreserven der elf erdölreichsten Länder, Stand 2010. (Quelle: Oil & Gas Journal 2010, 1. Jan.)

 

In Mrd. Fässern

Saudi Arabien

259,9

Kanada

175,2

Iran

137,6

Irak

115,0

Kuwait

101,5

Venezuela

99,4

Vereinigte Arabische Emirate

97,8

Russland

60,0

Libyen

44,3

Nigeria

37,2

Kasachstan

30,0

Die OPEC kontrolliert über 70 % der heute bekannten Erdölreserven. Die amerikanische Energiebehörde geht davon aus, dass die Ölproduktion der OPEC wie auch die der Nicht-OPEC-Länder zunehmen wird, im Falle der OPEC von heute 34 auf knapp 50 Millionen Fässer pro Tag im Jahr 2030 (Energy Information Administration 2007, S. 5, 36). Obwohl mittelfristig der Anteil der OPEC an der Welterdölproduktion mit etwa 40 % konstant bleiben wird, wird die Macht des Kartells in dem Maße wachsen, wie sich in den Nicht-OPEC-Ländern die traditionellen Quellen erschöpfen, aus denen der Rohstoff mit weniger Umweltrisiken und mit geringerem Investitionsaufwand gewonnen werden kann.

Saudi-Arabien genießt eine Sonderstellung als so genannter swing producer: Der Wüstenstaat ist der einzige Öllieferant, dessen Kapazitäten so hoch sind, dass er problemlos „ohne längere Vorbereitungszeit zwei Millionen Barrel pro Tag zusätzlich zu fördern“ in der Lage ist, um auf Förderengpässe in anderen Ländern oder plötzlich steigende Nachfragen zu reagieren. „Nur Saudi-Arabien kann es sich leisten“, betont Henner Fürtig, Experte für den Nahen und Mittleren Osten, „bis zu 15 % seiner Produktionskapazitäten nicht zu nutzen, um Marktkrisen zu bewältigen bzw. den Weltmarktpreis für Erdöl stabil zu halten“ (Fürtig 2008, S. 89).

Marktinterventionen der saudi-arabischen Ölscheichs haben den USA lange Zeit geholfen, den Ölpreis auf einem niedrigen Niveau stabil zu halten. Von Mitte der 1980er Jahre bis 2003 konnten sich die Konsumenten darauf verlassen. Da die Ölproduktion seit einigen Jahren mit der steigenden Nachfrage, vornehmlich in den USA und Asien (seit 2005 nehmen allen voran Japan, China, Südkorea und Indien über die Hälfte der saudi-arabischen Erdölexporte ab; vgl. Fürtig 2008, S. 88), nicht mehr Schritt halten kann, ist der Ölpreis kontinuierlich und erheblich gestiegen.

Energetische Wirtschafts- und Handelsrisiken

Der Preis für amerikanische Ölimporte ist seit 2003 bis zum Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/2008 enorm gestiegen, und zwar auf mehr als das Dreifache. Das hat jedoch nicht zu einem geringeren Verbrauch geführt. Aus ökonomischer Sicht war die Nachfrage „unelastisch“, weil sie nicht auf das erhöhte Preisniveau reagierte und entsprechend sank (U.S. Census Bureau/Foreign Trade Division 2012). Erst als die US-Wirtschaft im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise einbrach und auch die Weltwirtschaft schwächelte, sank der Ölpreis mangels Nachfrage. Doch mit der Erholung der amerikanischen wie der globalen Wirtschaft seit 2010 stieg erneut die Nachfrage nach Energie, und damit zog auch der Ölpreis wieder an.

Die teuren Energieimporte belasten die seit mehreren Jahren ohnehin schlechte amerikanische Außenhandelsbilanz in Besorgnis erregendem Maße: im Vorfeld der Wirtschafts- und Finanzkrise 2005 um 70 Mrd. US-Dollar. 2006 um weitere 50 Mrd. US-Dollar. Das US-Außenhandelsdefizit wurde zu etwa einem Drittel auf Energieimporte zurückgeführt (Jackson 2007, S. 1, 4). Als 2007/2008 die Finanz- und spätere Wirtschaftskrise mit der sinkenden Energienachfrage die Ölpreise von über 140 US-Dollar pro Fass im Juli 2008 auf unter 40 US−Dollar pro Fass im Januar 2009 drückte, wirkte das wohltuend auf die Außenhandelsbilanz, die sich zwischenzeitlich etwas besser darstellte.

Doch mit der wirtschaftlichen Erholung und der wachsenden Energienachfrage stieg das Außenhandelsdefizit wieder. Nach Schätzungen des Congressional Research Service, einem der wissenschaftlichen Dienste im Kongress, haben die Energieimporte 2010 bereits wieder über 40 % des Handelsdefizits verursacht (Jackson 2011, S. 6). Die zu Jahresbeginn 2011 von den Unruhen im Nahen und Mittleren Osten beförderten Ölpreissteigerungen könnten die Außenhandelsbilanz um weitere 100 Mrd. US-Dollar belastet haben (Jackson 2007, 2011).

Die Unausgewogenheit der Außenhandelsbilanz ist neben der hohen Staatsverschuldung ein strukturelles Problem der amerikanischen Wirtschaft. Es macht diese verwundbar. Solange die Lieferanten ihre Erlöse in den USA reinvestierten, stellte das ansteigende Handelsdefizit die USA vor keine größeren Schwierigkeiten. Doch wenn die Investoren Zweifel an der Produktivität, Wirtschaftskraft und Geldwertstabilität der USA hegen und ihre Erlöse für Waren und Dienstleistungen auf anderen internationalen Finanzmärkten sichern, geraten Währung und Wirtschaft der USA massiv unter Druck.

Teure Energieimporte beeinträchtigen die amerikanische Wirtschaft längst. Bereits im Sommer 2005 gab der damalige Notenbankchef Alan Greenspan (zit. n. Aversa 2005) der Legislative zu bedenken, dass allein die seit Ende 2003 erhöhten Energiepreise das amerikanische Wirtschaftswachstum 2004 und 2005 um 0,5 bzw. 0,75 Prozentpunkte vermindert hätten. Hohe Energiepreise betreffen in erster Linie energieintensive Wirtschaftssektoren und verursachen indirekt zusätzliche Kosten für andere Wirtschaftszweige. Auch die Konsumenten bekommen den Anstieg der (Energie-) Preise zu spüren, denn sie sind bei sinkender Kaufkraft gezwungen, an anderen Ausgaben zu sparen. Nach einer Gallup-Umfrage vom Mai 2007 trafen die gestiegenen Mineralölpreise das Budget von zwei Dritteln der Bevölkerung empfindlich. Einer von fünf Amerikanern (18 %) ist dadurch in eine finanzielle Notlage geraten, weitere 49 % bekundeten, dass die gestiegenen Ölpreise sie dazu gezwungen haben, ihre Ausgaben drastisch einzuschränken. Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen waren davon besonders betroffen (Jones 2007).

Damit haben hohe Energiekosten – der Preis für ein Fass Rohöl stieg innerhalb von fünf Jahren von etwas über 25 US-Dollar (2003) auf über 140 US-Dollar (im Sommer 2008) – ihren Teil zur Finanz- und späteren Wirtschaftskrise beigetragen. Ohne Zweifel gibt es eine Vielzahl von Gründen, die hier angeführt werden können, aber die hohen Ölpreise sollten bei der Ursachenforschung auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Sie haben die auf Mobilität angewiesenen Amerikaner, v. a. einkommensschwache Kreditnehmer, genötigt, an anderen Ausgaben zu „sparen“, was nicht selten bedeutete, dass diese ihre Kreditraten nicht mehr zahlen konnten.

Bereits im Februar 2007 war abzusehen, dass v. a. subprime mortgages, das sind Kredite an Kreditnehmer mit schlechter Bonität, notleidend waren und Hunderttausende Häuser zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfen werden würden. Als die Immobilienblase wenig später platzte, hat das die Geldmärkte schwer belastet, zumal viele Banken, Versicherungen und Hedge-Fonds in diese riskanten Hypothekengeschäfte verwickelt waren. Viele hatten ihre Forderungen in Form neuer (von Ratingagenturen als absolut sicher eingestuften) „Wert“-Papiere bereits weltweit an nimmersatte institutionelle und private Renditejäger verkauft. Das Ergebnis des Domino-Effekts ist bekannt: Die amerikanische Immobilien- und Finanzkrise wurde zu einer Weltwirtschaftskrise.

Die folgende Rezession wirkte entspannend auf die Ölmärkte, doch im Zuge der wirtschaftlichen Erholung wurden sie erneut zum wirtschaftlichen Problem. Analysten von Goldman Sachs errechneten bereits im Juni 2011, dass der Benzinpreis – das Fass der Sorte Brent kostete damals bereits 110 US-Dollar – im zweiten Quartal 2011 zwischen 0,5 und 0,75 Prozentpunkte Wachstum gekostet haben dürfte.

Auch künftig sei keine Entspannung zu erwarten: Bis Jahresende 2012 soll der Preis für ein Fass Brentöl auf 140 US-Dollar steigen, so der Chefökonom von Goldman Sachs im Interview (Hatzius 2011, S. 38–39). Das klingt durchaus plausibel – es sei denn, wir steuern bereits auf eine weitere Wirtschaftskrise zu, die die Preise wieder drücken dürfte.

Längerfristig angelegte Studien verdeutlichen, dass hohe Ölpreise durchaus im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Rezessionen stehen (Hamilton, im Erscheinen), denn zehn der elf amerikanischen Wirtschaftsrezessionen nach dem Zweiten Weltkrieg gingen signifikante Ölpreiserhöhungen voraus. Zwar sind für Einbrüche der wirtschaftlichen Entwicklung stets viele Faktoren von Belang, doch hohe Ölpreise können der sprichwörtlich letzte Tropfen sein, der das mit anderen Problemen bereits bis zum Rande gefüllte Fass zum Überlaufen bringt. Sie geben einer ohnehin taumelnden Wirtschaft den Rest,wie James Hamilton von der University of California in San Diego es formuliert. Für Hamilton besteht kein Zweifel, „dass auch die in der ersten Jahreshälfte 2011 erhöhten Ölpreise die Wirtschaft gebremst haben“ (zit. n. Plumer 2011, eigene Übersetzung) und auf das Jahr hochgerechnet bereits bis zu einen Prozentpunkt Wirtschaftswachstum gekostet haben dürften.

Dieses dialektische Auf und Ab (das Aufeinanderfolgen von hohem Ölpreis – Wirtschaftseinbruch – niedrigerem Ölpreis – wirtschaftlicher Erholung – Anziehen des Ölpreises) und die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Probleme werden sich wiederholen, solange es den energiehungrigen Industriemächten nicht gelingt, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien. Befreiung aber heißt, die Wirtschaft auf einen möglichst niedrigen Verbrauch fossiler Brennstoffe einzustellen.

Der Problemdruck wird noch wachsen, denn ehemalige Entwicklungsländer wie China und Indien verbrauchen im Zuge ihrer wirtschaftlichen Aufholjagd immer mehr Energie. Damit werden die Rohstoffe noch knapper. Nach den Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA 2010, S. 5, 6) werden den weltweiten Anstieg des Primärenergieverbrauchs bis 2035 fast ausschließlich (zu 93 %) Nicht-OECD-Mitgliedsstaaten verursachen. Allein China soll 40 % des erwarteten Anstiegs verantworten, gefolgt von Indien mit knapp 20 %. Nach den Daten der IEA hat China die USA schon 2009 als weltweit größter Energieverbraucher überflügelt. Durch seine merkantilistische, zunehmend auch militärisch flankierte Energiesicherungspolitik bedroht das Reich der Mitte zunehmend die Energieressourcen und damit das, was Sicherheitsexperten die vitalen Interessen Amerikas nennen.

Petropolitics – die „Achse des Öls“

Wenn die Vereinigten Staaten keinen Weg finden aus der übermäßigen Abhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe, bleiben sie verwundbar, zumal wenn sie den Brennstoff aus instabilen Regionen beziehen. Auf ihren wichtigen Öllieferanten Kanada werden sie auch in Zukunft zählen können, doch die zur Neige gehenden Ressourcen Mexikos und die angespannten Beziehungen zu Venezuela sind ein Anzeichen dafür, dass es für die USA selbst in der geographischen Nachbarschaft schwieriger wird, sich Energievorräte zu sichern. Der Persische Golf – eine Region, deren politischer Status quo bislang amerikanischen Interessen gedient hat –, erweist sich sicherheitspolitisch als instabil und als zunehmend unzuverlässig, wenn es um die preiswerte Lieferung von Rohstoffen zur Energieerzeugung geht.

In jüngster Zeit führen die Ereignisse in der Golfregion der amerikanischen Politik und Öffentlichkeit tagtäglich über die Medien vor Augen, wie unsicher ihre Versorgung mit Energie ist. Darüber hinaus zieht mit dem wirtschaftlich expandierenden China nicht nur eine neue sicherheitspolitische Herausforderung herauf, sondern es tritt ein weiterer Konkurrent um die knappen Ressourcen auf den Plan, und zwar sowohl im Nahen und Mittleren Osten, als auch in entwicklungsfähigen Regionen wie Westafrika und Zentralasien. Selbst in Amerikas Hinterhof, in Venezuela und Brasilien, machen chinesische Staatsunternehmen amerikanischen Ölfirmen ihre dominante Stellung streitig.

Einige Beobachter (Leverett und Noel 2006, S. 62–70) dieses so genannten petropolitics, des Wettstreits um fossile Energievorkommen, warnen bereits vor einer „Achse des Öls“: Wenn Russland, China und möglicherweise der Iran gemeinsame Sache machen, würden sie ein „Gegengewicht zur amerikanischen Hegemonie“ bilden; sie könnten dann den USA ihre Ölversorgung streitig machen und deren strategische Interessen durchkreuzen. Auch wenn aus geostrategischer Perspektive die Bedrohung der nationalen amerikanischen Interessen überzeichnet scheint, so ist doch nicht zu bestreiten, dass die hohen Kosten für Energie und die zu ihrer Sicherung aufgewendeten externen Kosten die wirtschaftliche Genesung der Weltmacht beeinträchtigen.

Amerikas neue Energie?

In den USA herrscht zwar immer noch die Experten- und Lehrmeinung vor, „eine ernsthafte Reform der Energiesicherheitspolitik“ sei nicht durchzusetzen, „sofern nicht ein gravierender Schock des internationalen Systems eintritt“ (Kalicki und Goldwyn 2005, S. 7, eigene Übersetzung). Solch ein Schock wäre der Zusammenbruch der saudi-arabischen Monarchie, die mit ihren enormen Ressourcen und Produktionskapazitäten selbst in Krisenzeiten ein ums andere Mal dafür gesorgt hat, dass die Preise einigermaßen stabil blieben. Doch die steigenden Energiesicherheits-, Wirtschafts- und Umweltkosten erhöhen allmählich den innenpolitischen Druck auf die amerikanischen Entscheidungsträger, einen Kurswechsel in der Energie-Außenpolitik einzuleiten.

Mittlerweile sehen Experten zahlreicher Think-Tanks und Politiker beider Parteien in der Entwicklung erneuerbarer Energien einen für die USA gangbaren Weg, sich aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus problematischen Weltregionen zu befreien. Angesichts der Verwundbarkeit der amerikanischen Wirtschaft und des Transportsektors sei es dringend erforderlich, Biokraftstoffe und andere Alternativen für die auf fossile Brennstoffe angewiesenen Wirtschaftszweige zu entwickeln.

Doch in der politischen Auseinandersetzung geben oftmals Partikularinteressen den Ausschlag, bestimmen nicht nationale Ziele, sondern lokale, regionale, institutionelle und persönliche Ambitionen den Kurs. Solche Partikularinteressen und Pfadabhängigkeiten haben bislang eine Kurskorrektur verhindert. Insbesondere haben die etablierten und gut repräsentierten Interessen der Ölindustrie bislang jede grundlegende Reform der amerikanischen Energiepolitik blockiert. Es ist nicht überraschend, dass diese am business as usual festhalten wollen, leben sie doch sehr gut davon.

Überparteiliche Energieexperten des Council on Foreign Relations (2006, S. 8) weisen hingegen weniger der Ölindustrie, als vielmehr dem Staat eine wichtige Rolle bei der Innovations- und Wirtschaftsförderung zu. „Die Zukunft der erneuerbaren Energien hängt entscheidend von robuster staatlicher Förderung ab“, betont auch die Internationale Energie-Agentur (IEA 2010, S. 10, eigene Übersetzung) in ihren Ausblicken.

Unternehmerisch denkende Politiker könnten, wie schon vor vier Jahren, auch im Präsidentschaftswahlkampf 2012 mit dem Thema umweltverträgliche Energien punkten und die politische Agenda in diesem Sinne beeinflussen. Im Wahlkampf 2008 hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama (2007, S. 23) bereits auf die Verantwortung Amerikas bei der notwendigen Reduzierung von CO2-Emissionen hingewiesen und seinen Landsleuten das immense wirtschaftliche Potenzial vor Augen geführt, das mit einem Energiewandel verbunden ist. Demnach entsteht bis 2050 eine globale jährliche Nachfrage nach Energieträgern mit geringen fossilen Anteilen im Wert von 500 Mrd. US-Dollar. In Anspielung auf das von John F. Kennedy 1960 verkündete Regierungsprogramm der New Frontier und den amerikanischen Pioniergeist der Gründerzeit prophezeite Obama, dass sich amerikanischen Unternehmern und Arbeitern grenzenlose Möglichkeiten bieten würden, diese Nachfrage zu bedienen.

Auch der ehemalige Gouverneur von Massachusetts und Präsidentschaftsbewerber im republikanischen Lager, Mitt Romney (2007, S. 17–18, eigene Übersetzung), verwies auf die historischen Leistungen Amerikas, um die neue Herausforderung zu verdeutlichen: „Wir müssen eine kühne, tief greifende Forschungsinitiative anstoßen – eine Energierevolution –, die das Äquivalent unserer Generation zum Manhattan-Projekt [die Deckbezeichnung für das Projekt zur Entwicklung einer Atombombe während des Zweiten Weltkrieges] oder der Mondlandung wird“. Amerikas Mission sei es, neue wirtschaftliche und saubere Energiequellen zu schaffen und Methoden zur umweltverträglichen Nutzung der Ressourcen zu entwickeln.

Obama und Romney sollten sich an das erinnern, wovon sie vor vier Jahren überzeugt waren, und dies bekräftigen. Es bleibt für Amerika und den Rest der Welt zu hoffen, dass es dem 45. amerikanischen Präsidenten, den Abgeordneten und Senatoren des 113. Kongresses sowie den neuen Gouverneuren und Parlamenten der Bundesstaaten gelingt, die Energiesicherheitspolitik und das Wirtschaftswachstum des 21. Jahrhunderts verträglicher zu gestalten. Das weltweite Interesse an erneuerbaren Energien bietet den Vereinigten Staaten die Chance, als Führungsmacht bei der Lösung der globalen Energie-, Sicherheits-, Umwelt- und Wirtschaftsprobleme voranzuschreiten.

Literatur

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Der vorliegende Beitrag ist unter dem Titel „Amerikas Ölrausch: Vitale Energieinteressen in der amerikanischen Außenpolitik“ in der Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik (ZFAS), Ausgabe 4 / 2012, erschienen.

Bibliografische Angaben

Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 4, Oktober 2012, S. 551-561

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