| Besonders wichtig ist die Rüstungszusammenarbeit: Hier ist die Kooperation zwischen Südkorea und Polen am weitesten fortgeschritten. Das größte Potenzial liegt in der Weitergabe von Technologie und dem Aufbau lokaler Produktionsstätten. |
| Durch maritime Präsenz im Indo-Pazifik signalisieren die Europäer, dass sie Chinas Grauzonenaktivitäten aufmerksam beobachten. Zwischen Chinas Aktivitäten und Russlands hybrider Kriegsführung lassen sich viele Parallelen ziehen. |
| Weiteres Potenzial für eine vertiefte Zusammenarbeit bieten die maritime Lageerfassung sowie die (nukleare) Risikoreduzierung. Europäer und indo-pazifische Staaten sollten gemeinsam versuchen, in diesem Bereich Druck auf China aufzubauen. |
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Die Unsicherheit über das US-Engagement
Die tiefgreifenden Veränderungen in der Sicherheitsarchitektur in Europa und im Indo-Pazifik setzen hohe Anreize für eine engere Kooperation zwischen Staaten beider Regionen, da jede Seite über Informationen und Kapazitäten verfügt, die die jeweils andere benötigt. Zu den wichtigsten Treibern dieser Entwicklung gehört, zusätzlich zu den Bedrohungen, die von Russland, China und Nordkorea ausgehen, die strategische Neuausrichtung der USA. Diese lässt sich allerdings nicht eindeutig interpretieren. Die im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie und die zu Beginn dieses Jahres erschienene Nationale Verteidigungsstrategie unterstreichen zwar, dass China und dessen Eindämmung im Indo-Pazifik als zentrale strategische Herausforderung angesehen werden. Andererseits bezeichnen beide Dokumente den Indo-Pazifik nicht mehr ausdrücklich als Region, die für das strategische Interesse der USA Vorrang hat.
Dies nährt in Ostasien Zweifel an der Entschlossenheit der USA, die Region unter den Schutz ihrer erweiterten Abschreckung zu stellen. Das Gipfeltreffen zwischen Trump und Xi im Mai 2026 in Peking hat diese Sorge verstärkt, weil Trump während des Treffens darauf verzichtete, die US-amerikanischen Sicherheitsgarantien für Taiwan öffentlich zu unterstreichen. Bei den US-Verbündeten wächst die Unsicherheit über die tatsächlichen Prioritäten Washingtons und die Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitszusagen. Ähnliche Bedenken lassen sich in Europa beobachten, besonders im Lichte des aggressiv formulierten Anspruchs des US-Präsidenten Trumps auf Grönland und der von ihm wiederholt geäußerten Zweifel über Sinn und Zweck der NATO.
Erschwerend kommt hinzu, dass China und Russland, die aus indo-pazifischer beziehungsweise europäischer Perspektive die mitunter größten sicherheitspolitischen Bedrohungen und Herausforderungen darstellen, ihre militärische Zusammenarbeit ausbauen. Die Streitkräfte beider Länder üben verstärkt zusammen und bilden gemeinsam aus; dabei profitiert Peking von den russischen Fronterfahrungen in der Ukraine, insbesondere mit Blick auf den Einsatz von Drohnen und deren Abwehr.
Alarmierend ist, dass beide Länder nuklear aufrüsten und mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen: Russland, um seinen Krieg gegen die Ukraine abzusichern; China, um ein Zeichen verstärkter Machtprojektion zu setzen. So hat China erstmals eine Interkontinentalrakete von einem nuklear angetriebenen U-Boot aus abgeschossen. Auch wenn Peking mit diesem Test nicht gegen Rüstungskontrollvereinbarungen verstoßen hat, unterstreicht er Chinas Streben nach nuklearer Zweitschlagfähigkeit. Parallel zu diesem Ereignis im Indo-Pazifik setzte Russland im Frühjahr dieses Jahres mit einer Reihe von nuklearen Aktivitäten ein Warnsignal gegenüber der Ukraine und dem Westen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Dringlichkeit, wie europäische und indo-pazifische Partner durch engere Kooperation zu mehr Stabilität sowie zu Rüstungskontrolle und Risikoreduzierung in beiden Räumen beitragen können. Um Antworten auf diese Frage zu finden, beleuchtet diese Analyse zunächst die Bereiche, in denen Europa und der Indo-Pazifik bereits kooperieren. Anschließend werden Möglichkeiten einer vertieften Zusammenarbeit aufgezeigt und Empfehlungen formuliert, insbesondere für die Bundesregierung.
Bestandaufnahme: Wie Europa und indo-pazifische Partner sich bereits heute stärken
Waffenexporte und Rüstungskooperationen
Die verteidigungsindustrielle Kooperation ist die konkreteste und am weitesten entwickelte Form der Zusammenarbeit zwischen Europa und dem Indo-Pazifik.
Besonders deutlich zeigt sich dies an Rüstungsexporten aus Südkorea nach Europa, vorrangig nach Polen. Mittlerweile gehen 40 Prozent der weltweiten Exporte Südkoreas dorthin. Umgekehrt ist die Abhängigkeit sogar noch höher: 47 Prozent aller polnischen Rüstungsimporte im Zeitraum 2021 bis 2025 stammten aus dem asiatischen Partnerland, dicht gefolgt von Importen aus den USA. Perspektivisch liegt das größte Potenzial in einer stärkeren Lokalisierung in Polen selbst, wozu nicht nur Wartung und Instandsetzung, sondern auch Reparatur und Ko-Produktion gehören sollten. Eine solche Entwicklung könnte dazu führen, dass Polen zu einer Drehscheibe für andere europäische Staaten wie die baltischen Länder und Rumänien wird, die ebenfalls südkoreanisches Wehrmaterial beziehen. Jenseits von Polen plant etwa der südkoreanische Rüstungskonzern Hanwha Aerospace den Aufbau einer eigenen Fertigungsstätte in Ostdeutschland.
Ein weiteres prominentes Beispiel der rüstungsindustriellen Verzahnung beider Räume ist das GCAP-Programm, in dessen Rahmen Großbritannien, Italien und Japan ein Kampfflugzeug der sechsten Generation entwickeln. Diese Zusammenarbeit wurde dadurch vereinfacht, dass Japan im April dieses Jahres sein Exportverbot für tödliche Waffen aufgehoben hat. Zusätzliches Gewicht könnte das GCAP-Programm dadurch gewinnen, dass Deutschland und Frankreich den angestrebten gemeinsamen Kampfjet im Rahmen des FCAS-Programms nicht entwickeln werden. Zum einen erklärte der Vorsitzende des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo eine deutsche Beteiligung für denkbar, zum anderen scheint auch die deutsche Industrie Interesse an einem solchen Schritt zu haben.
Neben Polen und Großbritannien ist auch Frankreich verteidigungsindustriell eng mit dem Indo-Pazifik verbunden: Das Land hat sich zum zweitgrößten globalen Waffenlieferanten (nach den USA) entwickelt, wobei mittlerweile rund 35 Prozent seiner Exporte in die Indo-Pazifik-Region gehen.
Die geschilderten Kooperationen können insofern zur konventionellen Stabilität beitragen, als Länder in beiden Regionen ihre Verteidigungsfähigkeit ausbauen und damit die (regionale) Abschreckung stärken. Zugleich sendet die Intensivierung der verteidigungsindustriellen Zusammenarbeit ein Signal an China, Russland und Nordkorea, dass eine Eskalation in einem Raum auch die Partnerländer der anderen Region berührt.
Auch mit Blick auf nukleare Stabilität kann die verteidigungsindustrielle Kooperation wichtig werden, da sie Vertrauen und institutionelle Kanäle zwischen Ländern beider Regionen schafft. Erste institutionelle Ansätze hierfür gibt es. So könnte der NATO-IP4-Rahmen systematischer genutzt werden, um sich über nukleare Fragen auszutauschen, auch mit Blick auf Abrüstung und Nichtverbreitung. Zudem stärkt der Ausbau der verteidigungsindustriellen Kooperation die Glaubwürdigkeit der konventionellen Abschreckung in beiden Räumen und mindert auf diese Weise den Druck, eigene nukleare Optionen zu erwägen. Indirekt wird dadurch der nuklearen Proliferation Einhalt geboten.
Der Mechanismus liegt darin begründet, dass die Schwelle für einen nuklearen Ersteinsatz – gerade gegenüber Nicht-Nuklearwaffenstaaten – extrem hoch ist. Aufgrund der politischen und normativen Kosten ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Kernwaffenstaat wie China einen solchen Schritt gegenüber Staaten wie Japan oder Südkorea in Betracht zieht. Die viel naheliegendere Bedrohung für diese Staaten liegt auf konventioneller Ebene. Insofern erhöht ein glaubwürdiges Abschreckungsdispositiv konventioneller Natur die Kosten eines eben solchen Angriffs, während die Wahrscheinlichkeit eines Nuklearschlags strukturell gering bleibt.
Maritime Präsenz im Indo-Pazifik: Europas Signal an China
Auch durch europäische maritime Präsenz und Einsätze im Rahmen der „Freedom of Navigation Operations“ (FONOPS) im Indo-Pazifik rückten beide Räume enger zusammen. Frankreich ist in diesem Bereich besonders aktiv und führt regelmäßig FONOPS-Einsätze im südchinesischen Meer und in der Taiwanstraße durch.
Auch das Vereinigte Königreich engagiert sich maritim: Die Royal Navy unterhält mit den Offshore-Patrouillenschiffen (OPV) HMS Spey und HMS Tamar seit 2021 eine dauerhafte Präsenz in der Region, wobei die Besatzungen rotieren. Ergänzt wird diese Präsenz durch die „European Carrier Group Interoperability Initiative“, in deren Rahmen eine zeitweilige Präsenz europäischer Trägerkampfgruppen im Indo-Pazifik organisiert wird.
Beide Präsenzformen ergänzen sich in ihrer politischen Signalwirkung. Die OPVs ermöglichen eine permanente, aber kampfkraftschwache und daher unauffällige Präsenz für maritime Lagebilderfassung und Sanktionsdurchsetzung. Demgegenüber sind rotierende Trägerverbände zeitlich begrenzt in ihrer Präsenz, dafür allerdings kampfstark und häufig medienwirksam. Diese Form der Entsendung eignet sich besonders, um Solidarität mit Partnern in der Region zu kommunizieren, da sie als dezidiert politische Geste wahrgenommen wird. Beide „Typen“ bergen das Potenzial, auch eine abschreckende Wirkung auf China zu entfalten, da über verschiedene Formen der Truppenpräsenz signalisiert werden kann, dass Europa das immer aggressivere Auftreten Pekings gegenüber seinen Nachbarn mit Argwohn beobachtet.
Für eine engere Zusammenarbeit spricht auch, dass Länder in Europa wie im Indo-Pazifik zunehmend mit „grey zone“-Aktivitäten ihrer Gegner konfrontiert werden. So vergleichen Beobachter die chinesischen Küstenwache- und Marineaktivitäten im südchinesischen Meer immer häufiger mit der russischen hybriden Kriegsführung in Nord- und Ostsee. Europäische und indo-pazifische Länder sollten voneinander lernen, weil auf beiden Schauplätzen ähnliche Fähigkeiten benötigt werden, um unter anderem Sabotageakten gegen kritische Infrastruktur zu begegnen, beispielsweise, wenn es darum geht, sich gegen das Kappen von Unterseekabeln oder das Eindringen in den Luftraum von NATO-Mitgliedern oder von Taiwan zu wehren. Denn gerade diese Aktivitäten Chinas und Russlands unterhalb der Schwelle einer offenen Konfrontation müssen aufgedeckt und eingehegt werden.
Regelmäßige FONOPS-Einsätze, gepaart mit einer permanenten (wenn auch kleinen) maritimen Präsenz europäischer Staaten im Indo-Pazifik, erschweren China solche Einschüchterungsmanöver. Durch den Auf- und Ausbau gemeinsamer Lagebilder und Aufklärungsfähigkeiten können zudem hybride Bedrohungen frühzeitig identifiziert und einem Aggressor zugeordnet werden, was eine abschreckende Wirkung hat. Auf diesem Wege kann die konventionelle Stabilität in beiden Räumen gestärkt werden. Auch für diesen Bereich – analog zur rüstungsindustriellen Kooperation – lässt sich festhalten, dass der konventionelle Kapazitätsausbau nukleare Proliferationsdynamiken eindämmen kann.
Zwei weitere Arbeitsfelder zur Verbesserung der Sicherheit
Über die bestehende Zusammenarbeit hinaus gibt es zwei weitere Felder, auf denen eine Vertiefung der europäisch-indopazifischen Kooperation die konventionelle wie die nukleare Stabilität stärken und Risikoreduzierung unterstützten könnte.
Erstens bietet sich die maritime Lageerfassung als Feld für verstärkte Zusammenarbeit an. Dazu gehören KI-gestützte Mustererkennung, die Auswertung von Satellitenbildern und Datenfusion. All dies wird sowohl in der Nord- und Ostsee als auch im südchinesischen Meer benötigt. Ein konkretes Beispiel liefern die Philippinen: Das Land hat einen hohen Bedarf an Technologien für maritime Lageerfassung, Satellitenzugang und „Over-the-Horizon“-Fähigkeiten, der zum Teil von Europäern, aber auch von regionalen Partnern wie Japan und Südkorea gedeckt werden könnte.
So könnte Europa den Philippinen über das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus CopPhil einen besseren Zugang zu Satelliten ermöglichen – über Copernicus wurde bereits eine zivile Satelliteninfrastruktur in Manila errichtet. Ebenso ließe sich das Angebot kommerzieller Anbieter wie Hensoldt UK ausweiten, der als Zulieferer der südkoreanischen Werft Hyundai Heavy Industries Patrouillenboote und Korvetten für die philippinische Marine mit Navigationsradaren ausstattet.
Ein zweites, noch sensibleres Feld betrifft Fragen der nuklearen Rüstungskontrolle. Formelle Vereinbarungen mit China gelten als nahezu ausgeschlossen, da Peking nicht zu Beschränkungen bei dem Ausbau seines nuklearen Arsenals bereit ist. Ohnehin blickt China in diesen Fragen nicht primär auf europäische oder indo-pazifische Staaten, sondern auf die USA, weil es sich an diesen misst. Dennoch sind die Länder in der „Nachbarschaft“ Chinas vom Ausbau seiner nuklearen Fähigkeiten betroffen – ebenso wie europäische Staaten, wenngleich der Effekt dort mittelbarer ist: Wenn sich die USA verstärkt auf die Abschreckung Chinas konzentrieren, könnten sie Abstriche bei ihrem nuklearen Schutzschirm für Europa vornehmen.
Fernab von formellen Rüstungskontrollvereinbarungen gelten Maßnahmen zur Risikoreduzierung als realistischerer Ansatzpunkt. Dazu könnte gehören, dass sich China zu verbindlichen und institutionalisierten Benachrichtigungen vor Raketenstarts verpflichtet und beispielsweise dem Haager Verhaltenskodex gegen die Proliferation ballistischer Raketen beitritt. Ebenso wünschenswert ist die Einrichtung und der Ausbau von Krisen-Hotlines sowie eine Vereinbarung über den Schutz nuklearer Einrichtungen im Kriegsfall.
Vor diesem Hintergrund sollten europäische und indo-pazifische Partnerstaaten beharrlich Druck auf China ausüben, sich im Bereich der Risikoreduzierung offener zu zeigen. Flankierend kann der Transfer europäischer Rüstungskontroll- und Verifikationsexpertise an Partnerstaaten in der Region wirken. Als Beispiele dafür kann die Weitergabe von Beobachtungstechnik und dem damit einhergehenden Wissen unter anderem über Luftbildaufklärung dienen, wie es aus dem Open-Skies-Vertrag erwachsen ist.
Welche Schritte nun anstehen: Sechs Empfehlungen für Deutschland und seine Partner
Aus den vorangegangenen Abschnitten lassen sich sechs Empfehlungen ableiten, die Deutschland und seine Partner umsetzen sollten, um zu konventioneller und nuklearer Stabilität sowie zu Rüstungskontrolle und Risikoreduzierung in beiden Regionen beizutragen.
Kurzfristig und relativ einfach umsetzbar aufgrund der bestehenden Kooperation ist der Ausbau der Rüstungskooperation mit Südkorea und perspektivisch Japan, um über reine Waffenexporte hinauszugehen. Das südkoreanische „Modell“, demzufolge nicht nur exportiert, sondern auch Technologie weitergegeben wird, mit dem Ziel, stärker in Partnerländern zu (ko-)produzieren, sollte als Blaupause für weitere Kapazitätsbereiche dienen, insbesondere für Drohnen- und Anti-Drohnen-Technologie. Das von der NATO auf ihrem diesjährigen Gipfeltreffen vorgestellte „NATO Front Door for Industry“-Portal sollte von indo-pazifischen Partnern genutzt werden können, um konkrete Bedarfe der Alliierten zentralisiert überblicken zu können. Auf diese Weise können Staaten wie Südkorea zur (schnellen) Aufrüstung Deutschlands und Europas beitragen.
Gemeinsame Szenario-Übungen und ein vermehrter Informationsaustausch mit Südkorea, Japan und den Philippinen, um Kenntnisse über die vertiefte Kooperation zwischen China, Nordkorea und Russland zu teilen, sollten ebenfalls in Erwägung gezogen werden. Das Ziel ist, auf die wachsende sicherheitspolitische Herausforderung vorbereitet zu sein, die von der Zusammenarbeit dieser Länder ausgeht. Unter Einbezug der Informationen und Ergebnisse solcher Übungen sollte die NATO die technologische und industrielle Befähigung Russlands durch China, die über den Angriff auf die Ukraine hinausgehen könnte, verstärkt in ihrer Abschreckungs- und Verteidigungsplanung berücksichtigen.
Deutschland sollte seine Marine- und Luftwaffeneinsätze im Indo-Pazifik 2027 fortsetzen und ausbauen, um China zu signalisieren, dass es sich aktiv für Sicherheit und Stabilität jenseits der eigenen Region einsetzt. Vorstellbar ist beispielsweise die Entsendung eines P-8-Poseidon-Flugzeugs zur Seeraumüberwachung auf die Philippinen; ein Fernaufklärer desselben Typs war bereits in diesem Jahr in Indien. Angesichts des immer aggressiveren Verhaltens Chinas im südchinesischen Meer wäre dies ein angemessener Schritt. National geplante Entsendungen sollten allerdings viel stärker europäisch geplant und umgesetzt werden. Im Lichte begrenzter militärischer Ressourcen ist umso wichtiger, dass sich Staaten wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien nicht nur sequenziell koordinieren, sondern auch verstärkt vor Ort kooperieren, im Sinne gemeinsamer Entsendungen und Übungen mit Partnern vor Ort.
Mit Blick auf die Ukraine eröffnet sich eine weitere Möglichkeit der transregionalen Kooperation: Die IP4-Staaten engagieren sich bereits jetzt mittels Sanktionen, Finanzhilfe und der Lieferung nichttödlicher Militärausrüstung für das angegriffene Land. Diese Unterstützung ließe sich ausweiten. Nach einem Waffenstillstand könnten Japan und Südkorea im Bereich Cyberabwehr zu einer möglichen „Reassurance Force“ beitragen. In diesem Fähigkeitsbereich haben beide Länder anerkannte Stärken und tauschen sich über ihre Fähigkeiten bereits teilweise mit der NATO aus, so im Rahmen der „NATO Security Assistance and Training for Ukraine Mission“, zu der Japan Personal entsandt hat. Folglich sollte Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Alliierten auf eine gezielte Einbindung in spezifische, nicht-frontnahe Funktionen hinwirken. So ließe sich unterstreichen, dass indo-pazifische Partner sehr konkret und praktisch zu Sicherheit und Stabilität im Euro-Atlantik beitragen können.
Institutionell und strategisch ist es nötig, Indo-Pazifik-Expertise in Ministerien und Think-Tanks in Europa auf- und auszubauen, ohne dabei ausschließlich auf China zu fokussieren. Stattdessen sollte das Verständnis für gleichgesinnte Partner wie Japan, Südkorea und die Philippinen sowie Länder wie Indien verbessert werden.
Im Bereich der Rüstungskontrolle und Risikoreduzierung sollte die Priorität der Europäer und ihrer indo-pazifischen Partner darauf liegen, Druck auf China auszuüben, sich an niedrigschwelligen vertrauensbildenden Maßnahmen – etwa Hotlines und Vorab-Benachrichtigungen – zu beteiligen. Selbst wenn die Erfolgsaussichten nicht sehr hoch sind, gibt es Hebel, die eingesetzt werden könnten. So könnte der FDI-Screening-Mechanismus der EU derart erweitert werden, dass Genehmigungen für chinesische Investitionen an die Bereitschaft Pekings gekoppelt werden, an vertrauensbildenden Maßnahmen teilzunehmen. Eine Aufgabe im Zusammenhang mit risikoreduzierenden Maßnahmen könnte auch dem Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr (ZVBW) zukommen. Zwar ist das ZVBW für operative Aufgaben im Indo-Pazifik ungeeignet, da eine übergreifende (vertragliche) Architektur fehlt, wie etwa im Wiener Dokument oder in der Vergangenheit im KSE-Vertrag. Durch die Weitergabe von methodischem Wissen könnte trotzdem ein Mehrwert für die Kooperation mit indo-pazifischen Staaten entstehen. Mit Südkorea wird dies bereits praktiziert.
