Online Kommentar

26. Sep 2022

Russische Reservisten

Mobilisierung wird sich über Monate hinziehen
Russia-Partial-Military-Mobilization_September-2022_imago_ITAR-Tass

Russland will 300.000 Reservisten für den Krieg in der Ukraine mobilisieren, doch Ausbildung, Ausrüstung und Führung sind große Hürden. Unter manchen Russen macht sich Panik breit.

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Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Morgen des 21. September in einer Fernsehansprache eine teilweise militärische Mobilisierung in Russland angekündigt. Der offizielle Grund ist die Verteidigung Russlands sowie der "befreiten" ukrainischen Gebiete. Insgesamt 300.000 Reservisten plant Moskau in mehreren Wellen zu mobilisieren.

Es sollen nur die Männer mobilisiert werden, die bereits über militärische Erfahrung verfügen und diensttauglich sind. Der genaue Zeitplan der Mobilisierung, etwa, wie viele Männer auf einmal mobilisiert werden und wo genau, ist noch nicht bekannt.

Russland kann nur begrenzt Soldaten ausbilden

Schon jetzt ist klar, dass die effektive Ausbildung der Reservisten schwierig wird. Russland verfügt nicht über die nötige Infrastruktur, um so viele Menschen zusätzlich zu den Wehrpflichtigen auszubilden. Außerdem dienen viele der Berufs- und Vertragssoldaten, die die Reservisten ausbilden könnten, derzeit in der Ukraine, oder sind bereits tot oder verwundet.

Zudem ist fraglich, ob die Reservisten eine angemessene Bewaffnung und Ausrüstung erhalten werden. Auch ist noch nicht bekannt, woher Russland die Offiziere und Unteroffiziere nehmen will, die die neuen Reservisteneinheiten führen könnten. Russland hat zwar offiziell etwa zwei Millionen registrierte Reservisten, aber in Wirklichkeit gab es nie ein gut funktionierendes Ausbildungssystem. Daher wird sich die Mobilisierung über Monate hinziehen.

Reservisten werden an der Front benötigt

Das eigentliche Ziel der Mobilisierung ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Behebung des enormen Personalmangels, mit dem die russische Armee insbesondere bei den Offensivoperationen im Donbass zu kämpfen hat. Daher ist anzunehmen, dass viele der mobilisierten Reservisteneinheiten in Kampfhandlungen eingesetzt werden.

Geschieht dies, nachdem Russland die Gebiete annektiert hat, fänden diese Kämpfe aus russischer Sicht im Inland statt, das heißt, die Reservisten verteidigten lediglich russisches Territorium. Aufgrund des niedrigen Ausbildungsniveaus, der geringen Motivation, der veralteten Ausrüstung und des Mangels an erfahrenen Offizieren und Unteroffizieren ist mit hohen Verlusten unter den Reservisten zu rechnen.

Versuchen wehrfähige Männer das Land zu verlassen?

Unmittelbar nach dem 21. September gab es erste Anzeichen, dass betroffene Personen versuchen, das Land zu verlassen. Die meisten Flugtickets aus dem Land waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Meldungen über lange Staus an der finnisch-russischen Grenze nahe Sankt Petersburg wurden vom finnischen Grenzschutz am Nachmittag jedoch relativiert. Die Situation habe sich seit der russischen Ankündigung "nicht wesentlich geändert", schrieb der Grenzschutz auf Twitter.

In mehreren russischen Städten demonstrierten am Abend Hunderte Menschen gegen die Teilmobilisierung. Dies deutet darauf hin, dass Putin mit der Anordnung offenbar eine empfindliche Schwelle in der Bevölkerung überschritten hat. Vor der Mobilisierung betraf der Krieg die meisten Russen nicht direkt. Nur diejenigen kämpften in der Ukraine, die Berufs- oder Vertragssoldaten oder Söldner waren.

Ab dem 21. September wird jedoch eine große Zahl von Russen - nicht nur die mobilisierten Männer, sondern auch deren Angehörige - direkt vom Krieg betroffen sein, unabhängig davon, ob sie die "spezielle Militäroperation" unterstützen oder nicht. Die freiwillige Beteiligung wird also durch harten Zwang ersetzt.

Es ist noch zu früh, um zu beurteilen, wie groß und wie nachhaltig die öffentlichen Reaktionen sein werden. Sicher ist jedoch schon jetzt, dass, wenn eine große Zahl von Reservisten fällt, dies die Grundfesten des Putin-Regimes untergraben könnte.

Bibliografische Angaben

Dieser Text wurde zuerst am 21. September 2022 vom ZDF veröffentlicht. 

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