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30. November 2020

Wie militärische Innovation von einer Zusammenarbeit profitieren kann

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In den letzten Jahren haben Deutschland und das Vereinigte Königreich den Wunsch geäußert, im Verteidigungsbereich enger zusammenzuarbeiten. Eine solche Zusammenarbeit muss dabei natürlich auch zukünftige strategische Herausforderungen in Betracht ziehen. Sowohl Fortschritt als auch Konvergenz einiger kritischer Technologien werden Leben, Arbeit und Freizeit des Menschen ändern – und wie wir Kriege führen. Mit knapper werdenden finanziellen Ressourcen und einer schwierigen Wirtschaftslage würde sich eine Zusammenarbeit im Bereich der militärischen Innovation für beide Länder lohnen.

Schaut man sich jedoch die Ansätze beider Länder genauer an, so wird deutlich, dass es hier eine klare Abweichung in der jeweiligen Bereitschaft zu militärischer Innovation gibt. Dadurch entstehen einige Herausforderungen, aber auch die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

Strategische und operative Herausforderungen

Sowohl Deutschland als auch das Vereinigte Königreich sehen sich einer Rückkehr der Großmachtkonkurrenz und der Bedrohung von Peer-Konflikten gegenüber. Damit einher geht die steigende Bedeutung von neuen Bereichen wie Cyber- und Weltraum, da die neue staatliche Konkurrenz in diesen Bereichen einfacher agieren kann als Aufständische und nichtstaatliche Akteure. Gleichzeitig bringt rascher technologischer Wandel oftmals neue Ideen über Krieg und Kriegsführung mit sich. Gegenwärtig besitzen Entwicklungen in der Robotik, Digitalisierung und Automatisierung ein riesiges Potential zur Veränderung der zukünftigen Kriegsführung.

In Bezug auf den Einsatz erkennen beide Streitkräfte die Bedeutung gewisser Megatrends, wobei Zugriff und Kontrolle aller fünf Bereiche (Land, Luft, See, Raumfahrt, Cyberraum) stark umkämpft sein werden und die Informationsumgebung zunehmend bedroht wird. Beide Streitkräfte erwarten, dass der Kampf um Informationen – deren Erzeugung, Verteilung und effektiver Einsatz – ein Hauptschlachtfeld darstellen wird.

Investitionen in militärische Innovation rücken dadurch in den Vordergrund, um so mit diesen Entwicklungen Schritt halten zu können. Jedoch besitzen Deutschland und das Vereinigte Königreich leicht unterschiedliche Ansätze für den Umgang mit der wachsenden Relevanz der neuen militärischen Bereiche. Das Vereinigte Königreich konzentriert sich hier eher auf Änderungen der Doktrinen und technologisch fortschrittliches Training. Während das britische Verteidigungsministerium erhebliche Investitionen in fortschrittliche und digitale Trainingsmöglichkeiten für seine Truppen tätigt, ist in Deutschland nichts in diesem Ausmaß vorhanden.

Herausforderungen für militärische Innovation: Ressourcen und politisch-militärische Unterstützung

Die zwei großen Herausforderungen für militärische Innovation, denen sich beide Länder gegenüber sehen, liegen im Ausgleich der begrenzten finanziellen Ressourcen und der politisch-militärische Unterstützung für solche technologischen Fortschritte. Zuerst werden wahrscheinlich begrenzte Ressourcen den Hintergrund für militärische Innovation sowohl in Deutschland als auch im Vereinigten Königreich bilden. Dies wird ungeachtet der aktuellen Ankündigung der britischen Regierung über die Prüfung der Verteidigungsausgaben so bleiben. Beide Streitkräfte müssen fortlaufende Altprogramme und Ressourcen finanzieren, dabei jedoch die Höhe der Investitionen in neue Technologien und Bereiche dagegen abwägen.

Die politische Führung greift derzeit nicht massiv in die Streitkräfteplanung ein, wodurch die Streitkräfte ihre eigene Vision der Kriegsführung entwickeln können. Das kann jedoch zu Problemen führen. So sind insbesondere die Integration von unbemannten Systemen, und die Idee der Automatisierung und (der Grad der) Autonomie in Waffensystemen in Deutschland und im Vereinigten Königreich ein politisches und gesellschaftliches Anliegen. Dadurch kann zum einen eine Abweichung zwischen den Visionen des Militärs und zukünftigen Mitteln und zum anderen politische Unterstützung für weitere Forschung und Implementierung entstehen.

Der Vergleich von Ökosystemen und Organisationskulturen im Bereich der Verteidigungsinnovation

Während beide Länder kompetente industrielle Ökosystems für die Verteidigung besitzen, ist das Vereinigte Königreich mit seinem offeneren System besser positioniert, um von traditionellen und nicht traditionellen Ausrüstern, die an der Verteidigungsinnovation beteiligt sind, in vollem Umfang zu profitieren. Hier sind die Werkzeuge besser gestaltet, um technologische Innovation über das gesamte Spektrum zu erfassen, während aktuelle deutsche Verteidigungswerkzeuge zu sehr auf Digitalisierung konzentriert sind. Der Fokus auf digitale und Cyberinnovation kann die Digitalisierung und Vernetzung von Ressourcen als zentrale Voraussetzung für zukünftige Truppen ermöglichen. Die Bereich Robotik und Automatisierung werden hier nicht mit eingeschlossen, sondern werden bestenfalls traditionellen Akteuren wie großen Rüstungsunternehmen anvertraut.

Das deutsche Verteidigungssystem besitzt kulturell bedingt Schwachpunkte im Bereich der neu entstehenden Technologien, die nicht in den Bereich Software fallen (z. B. Robotik), und scheint bisher auch nicht willig zu sein, die wichtigsten Doktrinen und Trainingsmethode zu reformieren. Insgesamt scheinen Visionen der operativen Herausforderungen und Anstrengungen der Industrie im Vereinigten Königreich ausgeglichener, denn es besteht ein größerer Rahmen für möglicherweise nützliche Technologien und Zusammenarbeit zwischen den Akteuren. Außerdem wird sich hier mehr um anwenderorientierte Ansätze wie die Kriegsführung mit Prototypen bemüht.

Eine kleine Anzahl an Kooperationsinitiativen könnte beiden Ländern dabei helfen Ressourcenknappheit zu umgehen und vor allem Deutschland dabei helfen, diese Schwachstellen zu beheben:

  • Übernahme von wechselseitigem konzeptionellem und organisatorischem Lernen: Deutschland kann sicherlich von dem offenen und anwenderorientierten Innovationsansatz des Vereinigten Königreichs lernen.
  • Förderung radikaler Denkweisen bei fortlaufendem Benchmarking: Durch ein spezielles gemeinsames Ausbildungszentrum oder eine gemeinsame Versuchseinheit, insbesondere für unbemannte Systeme und deren Integration, könnte gemeinsam in Deutschland (Truppenübungsplatz Senne) oder in Salisbury Plains im Vereinigten Königreich getestet und gelernt werden.
  • Zusammenarbeit bei der Ausrüstung von unbemannten Systemen: Die Zusammenarbeit im See- und Luftraum könnte weniger kontrovers ausfallen, während eine Zusammenarbeit im Landraum aufgrund von möglichen Potenzialsteigerungen sicherlich vielversprechend wäre.
  • Stärkung der Standardisierung durch die NATO: Deutschland und das Vereinigte Königreich, die noch immer an der Digitalisierung ihrer nationalen Streitkräfte arbeiten, würden davon profitieren, dieses Thema schon früh in der NATO nachdrücklich zu verfolgen und die nationalen Entwicklungsarbeiten dabei entsprechend zu gestalten.

Den ganzen Bericht hier zum Download.

Bibliografische Angaben

Dieser Bericht ist teil eines Policy Institute Projekts, gefördert durch die Hanns Seidel Stiftung, das sich mit der  Verteidigungskooperation zwischen dem Vereinten Königreich und Deutschland beschäftigt. Der Text wurde zuerst am 25. November 2020 vom King's College London veröffentlicht. 

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