Online Kommentar

02. März 2022

Frieden sichern, Klima retten

Die globale Sicherheitsordnung braucht erneuerbare Energien

Angesichts des Ukraine-Kriegs wittern manche die Chance, die Atomenergie zurück auf die Agenda zu holen. Doch dagegen sprechen nicht nur Aspekte des Umweltschutzes und der Versorgungssicherheit. Es wäre auch sicherheitspolitisch ein schwerer Denkfehler.

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27.02.2022 Demonstranten auf der Strasse des 17. Juni, Plakate, Greenpeace mit Plakat No war Berlin
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Dieses Drehbuch darf sich nicht immer wieder wiederholen: Chaotische Situationen konfliktträchtiger Weltlagen werden ausgenutzt, um Partikularinteressen voranzutreiben und bereits gescheiterte Lobbymissionen wiederzubeleben.

Aktuell werden Forderungen von Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (Brandenburg) und Michael Kretschmer (Sachsen) laut, die als Reaktion auf die Abhängigkeit vom russischen Gas eine Verzögerung des Kohleausstiegs erreichen wollen. Ein solcher Schritt wäre ein eklatanter Verrat an der nächsten Generation, die bereits heute in einem anderen Klima aufwächst als noch ihre Großeltern. Das Ausmaß der Schäden an unserem Erdsystem legt der Weltklimarat in seinem neuesten Bericht in wiederholt erschreckender Detailkenntnis dar. 

UN-Generalsekretär Antonio Guterres brachte bei der Vorstellung am Montag die Dramatik auf den Punkt: „Kohle und andere fossile Energien ersticken die Menschheit“. 

Doch auch die Befürworter der Kernenergie wittern in dem russischen Angriffskrieg ihre Chance, diese Dinosaurier-Technologie zurück auf die Agenda zu holen, obwohl selbst Betreiber den Vorschlägen auf verlängerte Laufzeiten eine klare Absage erteilt haben. Alles spricht dagegen: Atomenergie ist doppelt so teuer wie Wind oder Solar, die Risiken sind erheblich und unversicherbar, und die Energieproduktion der verbleibenden drei Meiler macht nicht mal einen Bruchteil (30 Terawattstunden) der jährlichen fossilen Importe aus Russland (850 Terawattstunden aus Gas, Öl und Steinkohle) aus.

Der angekündigte Bau von wasserstofffähigen LNG-Terminals für US-amerikanisches Gas ist ebenso ein zweischneidiges Schwert. Denn während grüner Wasserstoff für bestimmte Industrieprozesse notwendig sein wird, kommen die Terminals aufgrund der langen Bauzeit voraussichtlich zu spät für die kurzfristigen Gas-Bedarfe. Das Problem muss viel mehr an der Wurzel gepackt werden: raus aus der fossil-atomaren Energiefalle und – im wahrsten Sinne des Wortes – wie Phoenix aus der Asche hinein in eine Versorgung mit 100 Prozent Erneuerbaren. Dies erfordert auch das von Bundeskanzler Olaf Scholz bestätigte Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden.

Die Lasten dafür müssen generationengerecht verteilt werden, so urteilte das Bundesverfassungsgericht 2021. Der Kohleausstieg bis 2030 ist somit zwingende Notwendigkeit. Beim Ausbau der Erneuerbaren muss daher das Tempo erheblich erhöht und bürokratische Hürden schnell abgebaut werden.

So werden nicht nur tödliche Treibhausgasemissionen reduziert, sondern auch der Grundstein für eine nachhaltige globale Friedens- und Sicherheitsordnung gelegt. Statt länger von externen fossilen oder atomaren Lieferquellen von autokratischen Exporteuren abhängig zu sein, schafft eine dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit, gerade in Krisenzeiten.

Kriegerische Auseinandersetzungen um Erdöl zeigten in der Vergangenheit, wie stark die fossile Abhängigkeit unsere internationalen Beziehungen prägt und wie viel Politik und Gesellschaft bereit waren, dafür zu zahlen. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien können Preissteigerungen durch einzelne Lieferstaaten oder die OPEC abgefedert werden.

Die Versorgung aus heimischen erneuerbaren Energiequellen, wie Biogas, Wind, Solar oder Geothermie, stützt regionale Wertschöpfungsketten von der Technologieproduktion über die Projektentwicklung bis hin zur lokalen Energieproduktion. Durch eine schnelle globale Transformation kann die Erderwärmung begrenzt und somit der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme sowie die daraus erzwungene Flucht und Binnenvertreibung verhindert werden.

Die Ausgangslage für eine Energiesystemtransformation ist weltweit sehr unterschiedlich. Die wichtigste Aufgabe in Industrieländern ist der Umbau komplexer, tradierter Energiesysteme hin zu modernen, vernetzten, sektorübergreifenden Märkten auf Basis erneuerbarer Energien.

Länder mit großer Exportabhängigkeit von fossilen Ressourcen sehen einem Machtverlust entgegen. Der russische Staatspräsident Putin hat während seiner langen Regierungszeit keine Impulse gesetzt, die wirtschaftliche Abhängigkeit von fossilen Energieexporten zu reduzieren, obwohl das Land ideale Voraussetzungen für den Aufbau einer Bioökonomie hätte. 

Für Entwicklungsländer ist die Transformation Chance und Herausforderung zugleich. Gerade Länder um den Äquator verfügen über großes Potenzial für Solarenergie. Durch alternative Energien können sie sich aus der Abhängigkeit teurer werdender fossiler Energieimporte lösen und langfristig Subventionsstrukturen zum Beispiel für Diesel abbauen. 

Bisher fehlt es jedoch an Geldern für Investitionen. So wurden die 100 Milliarden US-Dollar Klimafinanzierung, die vor mehr als einer Dekade seitens der Industriestaaten den Entwicklungsländern zugesagt wurden, bisher nicht in Gänze ausgezahlt. Angesichts notwendigerweise steigender Verteidigungsetats dürfen entwicklungspolitische und humanitäre Verpflichtungen nicht in den Hintergrund geraten.

Für den politischen Wandel in Deutschland braucht es vor allem auch gesellschaftlichen Rückenwind. Über hohe Gaspreise klagen und das nächste Windrad blockieren bedeutet letztlich, sich selbst den Stecker zu ziehen. Der sparsame Umgang mit Strom und Ressourcen erleichtern hingegen den Gang über den holprigen Transformationspfad.

Die Energiewende ist von zentraler Bedeutung für die nationale Sicherheit. Schreiben wir das industrielle Drehbuch also neu und nutzen die technologischen Chancen einer nachhaltigen Energiepolitik. Damit schaffen wir geopolitische Freiräume, reduzieren Kriegsursachen, bekämpfen Fluchtursachen, ermöglichen wirtschaftlichen Wohlstand und retten unser Klima.

Bibliografische Angaben

Dieser Text wurde von Dr. Kira Vinke und David Wortmann geschrieben und zuerst am 02. März 2022 bei Welt veröffentlicht. 

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