Memo

21. Jan. 2026

Die feinen deutsch-französischen Unterschiede

Jacob Ross
Elias Ricken
Merz, Macron auf Schloss Borsig, Juli 2025
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Der Deutsch-Französische Tag am 22. Januar lädt zu einem nüchternen Blick auf die bilateralen Beziehungen ein. Diese werden von Beobachtern gerne personalisiert und psychologisiert. Auch aktuell wird aus fehlenden Kompromissen zwischen den beiden Staaten ein Machtkampf zwischen Emmanuel Macron und Friedrich Merz konstruiert – zwischen dem scheidenden Präsidenten, der auf die Geschichtsbücher schielt, und dem Kanzler, der sein Land zur EU-Führungsmacht machen möchte. Strukturelle Gründe drohen so aus dem Blick zu geraten – ein Fehler, der stetig korrigiert werden muss.

PDF

Share

Bilaterale Beziehungsdynamiken

Es ist mit Blick auf die deutsch-französischen Beziehungen Tradition, ihren Zustand am persönlichen Verhältnis des deutschen Bundeskanzlers und französischen Präsidenten abzulesen. Berühmte „Paare“ gliedern die gemeinsame Geschichte im 20. Jahrhundert. Der Mut Charles de Gaulles und Konrad Adenauers, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aufeinander zuzugehen, steht für die erste Phase: Versöhnung. Dass sich drei Jahrzehnte später der Sozialist François Mitterrand und der Christdemokrat Helmut Kohl gut verstanden, überraschte – und verkörperte die nächste Phase: die zunehmende Normalisierung der über Jahrzehnte vor allem durch Kriege geprägten Nachbarschaft. 

In der medialen Berichterstattung ­wurde das deutsch-französische Verhältnis auch in der jüngeren Vergangenheit gerne personalisiert. Dass auf Macrons Sorbonne-Rede von 2017 und die Vorschläge für die Stärkung einer souveränen EU keine Antwort aus Berlin folgte, wird bis heute Angela Merkel persönlich vorgeworfen. Als Macron dann im Herbst 2022 in stürmischen Zeiten zum Gipfeltreffen nach Hamburg kam, und Journalisten ihn an der Seite seiner Frau Brigitte offensichtlich wenig begeistert beim Verzehr eines Fischbrötchens fotografierten, wurde aus dem kulinarischen Faux-Pas eine Metapher für das fehlende Fingerspitzengefühl des Hanseaten Olaf Scholz beziehungsweise seiner Koalitionsregierung im Umgang mit den französischen Partnern. 

Auch in den ersten Wochen der Kanzlerschaft von Merz dominierten 2025 Anekdoten die Berichterstattung. Dass Merz ein Foto de Gaulles und Adenauers auf seinem Schreibtisch habe, ­reflektiere sein historisches Selbstverständnis. Und weil der Kanzler eine Vorliebe für Anselm Kiefer mit dem Präsidenten ­teile, stehe die bilaterale Beziehung unter einem guten Stern. Solche Beobachtungen machen das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zugänglich, die zwischenstaatliche Beziehung wird auf zwischenmenschlicher Ebene erzählt. So weit, so nachvollziehbar.

Methodisches Innehalten 

Doch der analytische Mehrwert solcher Anekdoten und Beobachtungen ist zweifelhaft. Zu dieser Erkenntnis muss im Januar 2026 gelangen, wer Scholz ab 2021 für seine kühle Art kritisierte und die Ampelkoalition für die fehlende Aufmerksamkeit gegenüber Frankreich. Und wer nun erstaunt feststellt, dass sich mit dem neuen Kanzler – einem westdeutschen Katholiken mit französischer ­Familiengeschichte – wenig Substanzielles geändert hat. 

Die Kommunikation zwischen Paris und Berlin hat sich verbessert, fraglos. Nach einem Ministerratstreffen in Toulon ­Ende August 2025 wurde eine lange Liste ambitionierter Projekte und Vorhaben präsentiert. Und vor dem Hintergrund der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps rücken die Regierungsvertreter in Berlin und Paris rhetorisch zusammen, betonen bei jeder Gelegenheit den Willen, die EU nun endlich unabhängiger zu machen. Dennoch: In entscheidenden strategischen Fragen – der Energiepolitik, dem Freihandel, dem Platz der Europäer bei den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland und in der Sicherheitspolitik – bestehen Unterschiede der Ampelzeit zwischen deutschen und französischen Positionen unverändert fort.

Auf der Suche nach Gründen dafür ist die scheiternde Zusammenarbeit im Rahmen der Rüstungskooperation beim Future Combat Air System (FCAS) ein anschauliches Beispiel.

Leuchtturmprojekt europäischer Souveränität

Vor dem Hintergrund öffentlicher Konflikte der vergangenen Wochen wirkt es aus heutiger Sicht fast verwegen, FCAS überhaupt in Angriff genommen zu haben. Deshalb gehört der Kontext skizziert: Als im Juni 2019 die damalige deutsche Verteidigungsministerin und heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit ihren Amtskolleginnen aus Frankreich und Spanien die Vereinbarung zur Entwicklung von FCAS unterzeichnete, tat sie das unter dem Eindruck des Brexits und der Verwerfungen der ersten Präsidentschaft Trumps. Wie groß die Hoffnungen waren, die sich mit FCAS verbanden, verrät der Titel der entsprechenden Mitteilung des deutschen Verteidigungsministeriums: „Die europäische Zukunft beginnt heute“.

FCAS: Das war die Materialisierung der Vision einer souveränen EU, die ­Macron zwei Jahre zuvor in der Pariser Sorbonne-Universität entworfen hatte. Für die deutsch-französischen Beziehungen war es ein Meilenstein in der Umsetzung des bilateralen Staatsvertrags, der nur wenige Monate zuvor in Aachen unterzeichnet worden war und für die Außen- und Verteidigungspolitik der Staaten ambitionierte Ziele formulierte. Der Vertrag definiert die „Annäherung“ der strategischen Kulturen Frankreichs und Deutschlands als zentrales Ziel für die Verteidigungspolitik beider Länder. Dass eine solche Annäherung bereits das Ziel des 1963 unterzeichneten Elysée-­Vertrags gewesen und immer ein Lippenbekenntnis geblieben war, wussten auch die Autoren des neuen Vertragswerks. 

Versuch einer selbsterfüllenden Prophezeiung

Die Agenda in der bilateralen Rüstungskooperation war deshalb wohl als selbsterfüllende Prophezeiung konzipiert. Auch dass es bei FCAS und dem Zwillingsprojekt Main Ground Combat System (MGCS) zu Konflikten zwischen beteiligten Beschaffungsbehörden und Unternehmen, Politikern und Abnehmern in den Streitkräften kommen würde, dürfte allen Beteiligten bewusst gewesen sein. Doch Macron, Merkel und ihre Ministerialbürokratien hofften wohl, dass die mehrjährige milliardenschwere Kooperation in der Entwicklung der nächsten Generation von Hauptwaffensystemen mit der Zeit ein Zusammenwachsen der strategischen Kulturen befördern ­würde. Learning by Doing.

Heute droht das Gegenteil. Besonders FCAS dürfte dazu geführt haben, dass eine neue Generation junger Ingenieure, Militärs und Beamter auf beiden Seiten des Rheins das Partnerland und dessen Strukturen mit Misstrauen betrachtet. Von Zusammenwachsen und gemeinsamer Kultur jedenfalls kann nicht die Rede sein. In Frankreich werden der Bundestag und der große Einfluss der Wahlkreislogiken von Abgeordneten und Parteien auf Rüstungsprojekte skeptischer denn je betrachtet. Und in Deutschland sieht man sich in Klischees zu verwachsenen Strukturen eines souveränistischen Beschaffungswesens, Präsidialamtes und Streitkräftemodells in Paris bestätigt.

Grenzen persönlicher Gestaltungsmacht

Diese Beobachtung bringt uns zum Ausgangspunkt dieses Texts zurück. Wenn der Streit um FCAS in den vergangenen Jahren eines klar verdeutlicht hat, dann sind es die Grenzen des politischen Gestaltungsspielraums des deutschen Kanzlers und des französischen Präsidenten. Weder Macron noch Merkel, Scholz oder Merz hatten und haben die Macht, die historischen, politischen und ökonomischen Logiken – all das, was die strategischen Kulturen Deutschlands und Frankreichs prägt – mit einem ­Federstreich zu verändern.

Entsprechende Entwicklungen sind eine Frage von Generationen. Macron wird 2027 als Präsident abtreten, der sich um die Europäisierung der strategischen Kultur Frankreichs verdient gemacht hat. Dass Frankreich Russland als wichtigste Bedrohung der nationalen Sicherheit definiert hat und die NATO-Ostflanke als prioritären Raum, ist auch sein Verdienst. Abgeschlossen hat er diesen Prozess aber nicht und unumkehrbar ist er auch nicht. Also muss Macron hoffen, einen Erben zu finden. Angesichts der aggressiven Infragestellung der bisherigen internationalen Ordnung durch Trump und seine Regierung stehen die Chancen gar nicht schlecht. 

Die Infragestellung und Neuordnung der internationalen Politik muss auch Merz nutzen. Deutschland muss endlich aus der materiellen und intellektuellen Abhängigkeit von den USA gelöst werden. Die jahrzehntelange transatlantische ­Sozialisierung der politischen und militärischen Eliten wird Zeit brauchen, um sich zu wandeln. Das Kanzleramt und die Berliner Bundesministerien werden nicht über Nacht zu Horten gaullistischer Autonomie werden. Diese Prozesse mit Blick auf ihre Langwierigkeit aber gar nicht erst anzustoßen, wäre fatal.

Neue Grundlagen schaffen

Der Deutsch-Französische Tag 2026 – im Jahr der 250-jährigen Unabhängigkeit der USA von den europäischen Kolonialmächten – ist eine Gelegenheit, um an die vielen Prozesse und Institutionen zu erinnern, die die Beziehung abseits des persönlichen Verhältnisses zwischen Kanzler und Präsidenten prägen. Soll langfristig eine gemeinsame strategische Kultur entstehen, führt an kleinteiliger, häufig mühsamer Zusammenarbeit zwischen Parlamenten, Wissenschaft, an Austauschprogrammen für Universitäten, Diplomaten und Militärs kein Weg vorbei. Spitzenpolitik kann solche Prozesse anstoßen und Finanzierungen sichern, kontrollieren kann sie sie nicht.

Für das kommende Jahr wäre eine stärkere Verknüpfung und Einbettung dieser vielen kleinen Prozesse in eine große Erzählung wünschenswert. Merz und Macron könnten abgestimmte Reden halten, zum Beispiel anlässlich der Feiern am 8. Mai zum Kriegsende in Europa 1945. Macron müsste dafür werben, seinen Kurs der Europäisierung auch nach 2027 fortzusetzen. Und Merz müsste Deutschland als klassischer Transatlantiker auf das Ende der Abhängigkeit von den USA und die damit verbundenen Herausforderungen und Kosten einschwören.

In den Nachkriegsjahren und im Kalten Krieg hatte die deutsch-französische Beziehung einen klar definierten Platz und eine Aufgabe, der sich Menschen an unterschiedlichen Stellen verpflichtet fühlten. Diese übergreifende Logik ist verlorengegangen. Die Arbeit an der europäischen Unabhängigkeit hätte das Potenzial, sie wiederzubeleben. Politiker wie Merz und Macron könnten hier entscheidende Impulse setzen – dann gerne auch mit symbolischen Gesten.

Bibliografische Angaben

Ross, Jacob, and Elias Ricken. “Die feinen deutsch-französischen Unterschiede.” German Council on Foreign Relations. January 2026.
Programm

Themen & Regionen

Verwandter Inhalt