Neue Machtwährungen

Die Währungspolitik rückt immer stärker ins Zentrum internationaler Auseinandersetzungen

4. May 2013 - 0:00 | von Josef Braml, Claudia Schmucker

DGAP-Jahresbericht 2013, Mai 2013, S. 26-29

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen, Wirtschaft und Währung

Währungsfragen sind Machtfragen. Doch Regierungen und ihre Notenbanken stecken in einem Dilemma: Einerseits ist ihnen daran gelegen, durch eine lockere Geldpolitik ihre Währungen zu schwächen, um Vorteile beim Export zu erzielen. Andererseits stößt diese Strategie an ihre Grenzen, wenn internationale Marktteilnehmer beginnen, an der Stabilität einer Währung zu zweifeln. Insbesondere die USA gefährden mit ihrer expansiven Geldpolitik das bisherige »exorbitante Privileg« des Dollars.

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Beggar thy Neighbour – seine Handelspartner übervorteilen

Die Währungspolitik rückt immer stärker ins Zentrum internationaler Auseinandersetzungen. Dabei geht es um die Gefahr eines Abwertungswettlaufs: Ermutigt durch ihre oft handlungsunfähigen Regierungen versuchen die Zentralbanken zahlreicher Länder – allen voran die amerikanische Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan – mit einer extrem expansiven und lockeren Geldpolitik ihre Wirtschaften wiederzubeleben. Mit der damit geschwächten eigenen Währung können die Exporte gefördert werden. Das geht vor allem zu Lasten der Schwellen- und Entwicklungsländer, die ihre Güter und Dienstleistungen aufgrund der Aufwertung ihrer Währungen nur erschwert exportieren können. Exportabhängige Volkswirtschaften wie China treibt zudem die Sorge um, dass ihre in westlichen Ländern angelegten Währungsreserven durch die lockeren Geldpolitiken an Wert verlieren.

»Quantitative Lockerung« westlicher Notenbanken

Denn nach wie vor ist der Dollar die führende Währung für internationale Handels- und Finanzgeschäfte, und die USA können dadurch ihr (vom damaligen französischen Finanzminister und späteren Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing so genanntes) »exorbitantes Privileg« genießen, international günstig Kredite aufzunehmen. Die USA können zudem über eine expansive Geldpolitik ihrer Notenbank (»quantitative Lockerung«) einen Gutteil ihrer Schulden tilgen.

Ihre wichtigsten ausländischen Gläubiger, China und Japan, sind in großer Sorge und versuchen, sich schrittweise aus der »Dollar-Falle« zu lösen. China hat bereits die Grenzen seines Willens und vielleicht auch seiner Fähigkeit gezeigt, der Weltmacht weiterhin seine Devisenreserven zum Nulltarif zur Verfügung zu stellen. Peking wird künftig stärker versuchen, in anderen Ländern und andere Währungen zu investieren. Dafür bietet auch Europa gute Gelegenheiten.

Doch die Staatsschuldenkrise bestimmt weiterhin Europas Agenda. Die EZB hat zu zahlreichen unkonventionellen Maßnahmen gegriffen, um die Krise in den Griff zu bekommen und die Märkte zu beruhigen. So hat sie unter anderem versprochen, Staatsanleihen der Eurokrisenstaaten unbegrenzt aufzukaufen. Doch die wirtschaftliche Lage in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland bleibt weiterhin ein Unsicherheitsfaktor.Daher senkte die EZB Anfang Mai den Leitzins auf ein Rekordtief von 0,5 Prozent, um die Wirtschaftstätigkeit im Euroraum wieder anzukurbeln. In der Folge verlor der Euro gegenüber Yen und Dollar an Wert.

Die Lage wird umso problematischer, zumal auch asiatische Volkswirtschaften auf die Geldpolitiken der USA reagieren. Die neue japanische Regierung verfolgt mit ihrer äußerst lockeren Geldpolitik das Ziel eines schwachen Yens. Damit will sie ihrerseits den Export fördern, um ihre Wirtschaft wiederzubeleben. Auf Druck ihrer Regierung hat sich die japanische Zentralbank im Januar 2013 verpflichtet, ab 2014 unbefristet Staatsanleihen und andere Wertpapiere aufzukaufen. Und das neue Inflationsziel von 2 Prozent ist doppelt so hoch wie bisher. Japan wurde dafür auf internationaler Ebene heftig kritisiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel warf der japanischen Regierung in Davos vor, mit ihrer Geldpolitik einen Abwertungswettlauf der wichtigsten Währungen zu riskieren. Auch Jörg Asmussen, Mitglied im Direktorium der EZB, warnte vor einer Politisierung der Wechselkurse.

Schwellenländer in der Bredouille

Bereits heute werden jene Länder belastet, die diesen Abwertungswettlauf nicht mitmachen (können) – insbesondere Volkswirtschaften, in die die massiven Liquiditätsspritzen der westlichen Notenbanken abfließen. Westliche Banken und institutionelle Anleger nutzen den Geldsegen ihrer Notenbanken, indem sie weltweit in andere Währungen, insbesondere in so genannten Commodities, anlegen.

Die (Energie-)Rohstoffe von Schwellenländern sind dabei ein begehrtes Anlageziel geworden. Diese Nachfrage verstärkt jedoch einen Trend, der in der Fachliteratur als »Holländische Krankheit« bekannt ist: Die durch übermäßige Rohstoffnachfrage erzeugte Aufwertung der Währung erschwert diesen Ländern den Export von Gütern anderer Industriezweige und schwächt deren Wettbewerbsfähigkeit. Es ist kein Zufall, dass rohstoffreiche Länder wie Russland oder die Golf-Staaten massive Probleme haben, sich vom »Fluch« ihrer Rohstoffe zu befreien und ihre Wirtschaften zu diversifizieren.1

Auch das mit fossilen und erneuerbaren Energierohstoffen reichlich ausgestattete Brasilien ist spürbar davon betroffen. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega warf den USA mehrfach vor, mit ihrer Geldpolitik einen »Währungskrieg« zu verursachen. Auch wenn dieser Vorwurf etwas zu hochgegriffen scheint, besteht kein Zweifel, dass die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken dazu führt, dass ein hohes Maß an volatilen Kapitalströmen in die Schwellenländer fließt und deren Exportwirtschaft und Finanzstabilität gefährdet. Die Schwellenländer haben darauf zu Recht – auch nach Meinung multilateraler Finanzakteure wie dem IWF und den G20 – mit Beschränkungen des internationalen Kapitalverkehrs reagiert.

Koordinierungsprobleme auf -internationaler Ebene

Die durch die Währungspolitik hervorgerufenen Gefahren werden international immer kontroverser diskutiert. Vor allem die G20 bieten sich dabei als Forum an, da alle betroffenen Staaten auf Ebene der Staats- und Regierungschefs vertreten sind. Die G20-Staaten haben sich zwar verpflichtet, ihre jeweiligen Wirtschaftspolitiken im Hinblick auf globale Ungleichgewichte zu untersuchen; dies sollte ursprünglich auch die Währungspolitik einschließen. China hat sich jedoch geweigert, die Währungspolitik als Indikator aufzunehmen. Folglich können die durch die Geldpolitik hervorgerufenen Verzerrungen nicht auf Ebene der G20 behandelt werden. Die Gefahr weltweiter währungs-, finanz- und handelspolitischer Verwerfungen bleibt also bestehen.2

Ebenso ist das Thema des Dollars als internationale Leitwährung auf der Agenda der G20 nicht minder umstritten. Nicolas Sarkozy erklärte während seiner G20-Präsidentschaft 2011 das internationale Währungssystem zum langfristigen Kernthema der Gruppe. Frankreich ging es vor allem darum, Wechselkursschwankungen zu reduzieren und die Sonderziehungsrechte des IWF zu einer supranationalen Reservewährung auszubauen, um den Dollar als internationale Leitwährung abzulösen. Dafür wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um zu prüfen, ob weitere Währungen, unter anderem der chinesische Renminbi, in den SZR-Währungskorb aufgenommen werden können. Es gibt jedoch Bedenken, da der Renminbi nicht frei konvertibel ist. Bis 2015 soll zunächst ein fiktiver Schattenwährungskorb errechnet werden.

Auch wenn die Diskussionen um eine Reform des internationalen Währungssystems seit der Finanzkrise an Fahrt gewonnen haben, stehen die Verhandlungen erst am Anfang. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch dieser Anlauf am Widerstand Berlins und nicht zuletzt Washingtons scheitern wird, ist nicht gering: Um den Dollar mittelfristig als Leitwährung abzulösen, haben die Regierungen in Moskau und Peking bereits 2009, nach dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, gefordert, die Sonderziehungsrechte des IWF als supranationale Reservewährung aufzubauen.

Ausblick

Da die USA einen multilateralen Weg über Sonderziehungsrechte des IWF weiterhin blockieren werden, um ihr Dollar-Privileg aufrechtzuerhalten, müssen die Leidtragenden neue Wege suchen, um sich schrittweise aus ihrer Abhängigkeit zu lösen. Allen voran wird China versuchen, seine eigene Währung zu regionalisieren und behutsam zu internationalisieren. Mittels Handels- und Investitionsgeschäften sowie Währungsswaps mit den Nachbarländern versucht Peking bereits, den Renminbi als Kernwährung in der Region zu etablieren. Um den Dollar zu umgehen, hat es unter anderem schon zwei Vereinbarungen zur gegenseitigen Anerkennung von Währungen mit Japan und Südkorea geschlossen. China arbeitet daran, eine multipolare Ordnung mit mehreren Leitwährungen zu etablieren.

Früher oder später werden die Währungsmärkte die Kräfteverhältnisse im internationalen Handel abbilden – nämlich eine multipolare Ordnung mit drei Kraftzentren: Der Dollar wird auf absehbare Zeit seine Leitfunktion mit dem Euro und dem Renminbi teilen müssen. Und das ist gut so. Denn nur so können die gefährlichen makroökonomischen Ungleichgewichte – insbesondere zwischen den USA und China – abgebaut werden.

Damit werden die USA aber künftig nicht mehr wie bisher den Gutteil der Währungsreserven anderer Länder zum Nulltarif erhalten und kreditfinanziert wirtschaften können. Ebenso müssen sich europäische und asiatische Volkswirtschaften von ihrem Wunschdenken verabschieden, dass bald wieder eine auf Pump getriebene Konsumlokomotive USA die Weltwirtschaft aus ihrer Misere herauszieht. Die massiv vom Export abhängigen Volkswirtschaften Europas und Asiens sollten sich realistischere Gedanken machen, wie sie ihren Binnenkonsum nachhaltig und generationengerecht fördern können.

  • 1. Ausführlicher dazu das »Energie-Jahrbuch« der DGAP: »Weltverträgliche Energiesicherheitspolitik«, München 2008.
  • 2. Ausführlicher dazu das DGAP-Jahrbuch »Außenpolitik in der Wirtschafts- und Finanzkrise«, München 2012.