Der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien

Welche Gründe und Folgen hat die Rivalität?

21. January 2016 - 0:00 Fünf Fragen Ali Fathollah-Nejad, Sebastian Sons

Kategorie: Sicherheitspolitik, Iran, Saudi-Arabien

Was bedeutet die Eskalation zwischen den beiden Regionalmächten für die Krisenregionen im Nahen Osten? Wieviel Einfluss hat der Westen, und wie positioniert er sich zwischen der neuen Annäherung an Iran und dem „Business as Usual“ mit den Saudis? Die DGAP-Experten Ali Fathollah-Nejad und Sebastian Sons im Gespräch über die Instrumentalisierung von Konfessionen, geopolitische Ziele und Machtkonsolidierung.

Welche historischen Hintergründe sind für das Verständnis der aktuellen Krise von Bedeutung?

Sebastian Sons: Saudi-Arabien sieht seit der Islamischen Revolution 1979 Iran als ärgsten Kontrahenten um die Vorherrschaft am Golf. Seit 2011 hat sich aus saudischer Perspektive der Einfluss Irans in der Region stark ausgeweitet – auf Kosten der saudischen Stabilität. So fühlt sich das saudische Königshaus von iranischen Vasallen in Jemen, Syrien und Irak umzingelt und fürchtet um seine Sicherheit. Nach dem Atomdeal mit Iran sieht sich die neue saudische Regierung unter König Salman von Partnern wie den USA im Stich gelassen, während die internationale Bedeutung Irans enorm angestiegen ist.

Ali Fathollah-Nejad: Während im Kalten Krieg Iran und Saudi-Arabien die beiden Pfeiler der US-Politik im Nahen/Mittleren Osten bildeten, änderte sich dies schlagartig mit der iranischen Revolution. Von da an verfolgte die Islamische Republik eine vom Westen unabhängige Außenpolitik, wodurch sie in Konflikt mit ihm geriet, besonders mit den USA und pro-westlichen Staaten der Region, darunter Saudi-Arabien. In den 1990er-Jahren gab es unter dem iranischen Präsidenten Akbar Hashemi-Rafsanjani eine Entspannung in den iranisch-saudischen Beziehungen. Ebenselben Anspruch verfolgt auch die jetzige Regierung – was sie allerdings angesichts der jüngsten Eskalation erst einmal ad acta legen muss.

Handelt es sich um eine konfessionelle Rivalität zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitisch-wahhabitischen Saudi-Arabien oder um eine geostrategisch-politische Rivalität?

Sebastian Sons: Die Rivalität beruht auf dem Ringen nach Macht in der Region. Dabei geht es Saudi-Arabien um politische Einflussnahme in den Krisenregionen, um die eigenen Interessen zu sichern. Weiterhin will es seine wirtschaftliche Vormachtstellung als bedeutender Ölproduzent behaupten, indem es mögliche Konkurrenten wie Iran durch eine Politik des niedrigen Ölpreises vom Markt drängt. Das saudische Königshaus instrumentalisiert den konfessionellen Konflikt, um in Krisenzeiten ein äußeres Feindbild aufrechtzuerhalten und eine Wagenburgmentalität zu schaffen sowie sich als Anführer der sunnitischen Welt gegen die „schiitische Bedrohung“ zu gerieren.

Ali Fathollah-Nejad: Die iranisch-saudische Rivalität ist nicht konfessioneller Natur oder die Fortsetzung einer angeblichen uralten Feindschaft zwischen den sunnitischen und schiitischen Abzweigungen des Islam. Vielmehr ist diese Lesart seit jeher Bestandteil einer imperialen Teile-und-Herrsche-Politik, die zuletzt in den 2000er-Jahren Hochkonjunktur hatte. Der US-geführte „Regime Change“ in Irak 2003 und die Zerschlagung des Baath-Staates bereiteten den Boden für den Machtzuwachs Irans, der seinen Zenit Mitte der 2000er-Jahre erreichte. Seitdem ist die iranische Politik, gerade in Irak und Syrien, von einer gewissen Hybris geprägt. Saudi-Arabien reagierte darauf mit einem immer aggressiveren anti-iranischen, anti-schiitischen Diskurs. Zudem hat es Riad versäumt, selbst politischen Einfluss in Irak zu nehmen – nach 25 Jahren eröffnete es seine Botschaft in Bagdad just zu Neujahr.

Iran und Saudi-Arabien verfolgen geopolitische Ziele, die miteinander unvereinbar sind. Beide erheben den Anspruch auf die regionale Vormachtstellung und auf die Führungsrolle in der islamischen Welt – maximalistische Positionen, die eine Konfrontation naturgemäß heraufbeschwören.

Welche innenpolitischen und sozio-ökonomischen Gründe für die Eskalation lassen sich in beiden Ländern konstatieren?

Sebastian Sons: Saudi-Arabiens junge Bevölkerung leidet unter wachsender Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Der Staat verfügt mittlerweile über immer weniger Ressourcen, um sie zu alimentieren. Der niedrige Ölpreis hat diese Situation nochmals verschärft, was den neuen König herausfordert. Dementsprechend will er mit seinem harten Vorgehen gegen Iran und dessen Verbündete zeigen, dass er sich als starker Anführer in Zeiten der Krise beweisen kann und so von inneren Problemen ablenken. Des Weiteren nutzt der Staat die anti-iranische Propaganda, um schiitische Opposition im Inland zu unterdrücken, wie die Exekution des Predigers Nimr al-Nimr gezeigt hat.

Ali Fathollah-Nejad: Seit ihrer Gründung haben die Islamische Republik und gerade die eine Öffnung des Landes ablehnenden Hardliner es verstanden, außenpolitische Krisen für die eigene Machtkonsolidierung zu instrumentalisieren. Für die zentristische Rohani-Regierung stellen die jüngsten Angriffe auf diplomatische Vertretungen Saudi-Arabiens in Iran allerdings einen Affront dar, die ihren außenpolitischen Entspannungskurs torpedieren soll.

Indes sind die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen Irans enorm: Etwa die Hälfte der ebenso jungen iranischen Bevölkerung leidet an Armut, es herrscht hohe Jugendarbeitslosigkeit, ein alarmierendes Maß an sozialer Ungerechtigkeit (50-70 Prozent der Arbeiter leben unter der Armutsgrenze), ein weltweit fast einzigartiger Braindrain, Kapitalflucht, eklatanter Mangel an politischen Freiheiten, politische Repression von Andersdenkenden, Minderheiten, Frauen, Studenten, Arbeitern und deren jeweiligen sozialen Bewegungen, gemessen an der Bevölkerungszahl die weltweit höchste Hinrichtungsrate, Pressezensur und eine im globalen Maßstab rekordverdächtige Inhaftierungsrate von Journalisten, die gewaltsame Beeinträchtigung kultureller und akademischer Freiheiten seitens ultrakonservativer Pressure Groups, hohe Drogenabhängigkeit, Umweltkatastrophen und nicht zuletzt ein hoher Grad an politischer und wirtschaftlicher Machtmonopolisierung.

Die voreiligen Versprechen der Regierung, durch eine Aussöhnung mit dem Westen flugs eine wirtschaftliche Erholung mittels Sanktionsaufhebung und großen Investitionen zu erwirken, hat große Erwartungen bei den Iranern geweckt, die aber bislang nicht erfüllt werden konnten.

Welche regionalpolitischen Auswirkungen hat die Verschärfung der saudisch-iranischen Spannungen?

Sebastian Sons: Ohne eine Entspannungspolitik zwischen den beiden Regionalmächten bleibt jegliche Konfliktlösung im Nahen und Mittleren Osten eine Illusion. Diese Eskalation erschwert die Verhandlungen im Syrien- und Jemenkonflikt und eine Beilegung rückt in weite Ferne.

Ali Fathollah-Nejad: Dem kann ich nur zustimmen, vor allem in Bezug auf Syrien. Während der iranische Einfluss in Jemen überschätzt wird, werden die Spannungen in Irak einen absolut notwendigen Ausgleich zwischen den machthabenden Schiiten und den marginalisierten Sunniten komplizierter machen.

Wie sollten der Westen und Deutschland auf die Eskalation der Lage reagieren?

Sebastian Sons: Saudi-Arabien ist weiterhin der wichtigste arabische Akteur in der Region. Zwar ist verschärfte Kritik am innen- und außenpolitischen Vorgehen der saudischen Regierung gerechtfertigt, insbesondere aufgrund der desaströsen Menschenrechtslage. Andererseits muss der Westen im Sicherheits- und Energiebereich weiter mit Saudi-Arabien kooperieren. Deutschland sollte sich bewusst sein, dass es eine konstruktive Rolle als Mediator in diesem Konflikt spielen könnte, darf allerdings seine Einflussmöglichkeiten auf die saudische Politik nicht überschätzen.

Ali Fathollah-Nejad: Der ohnehin hochkomplizierte und mit keinerlei Strategie unterfütterte Spagat zwischen einer Annäherung zu Iran und dem Business-As-Usual mit den Saudis als Hauptpartner am Golf wird den Westen vor noch größere Herausforderungen stellen. Obgleich die jüngste Eskalation das Ziel einer inklusiven regionalen Sicherheitsarchitektur als Wunschdenken erscheinen lässt, wird die nächste Eskalation durch ein Ausbleiben, dieses Thema aufzugreifen, nur zu einer Frage der Zeit.

 
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