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13. März 2020

„Wir haben das schöne Ziel, die Gesellschaft zu verändern.“

Marie Lafitte, 32, kandidiert bei den Kommunalwahlen in Mont-de-Marsan auf Listenplatz 1 der parteiunabhängigen Liste Marsan Citoyen. Sie war Teilnehmerin des Zukunftsdialogs 2018.

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Marie Lafitte Web-Dossier
Marie Lafitte und ihre Unterstützer.
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Sie haben sich bereits bei den letzten beiden Kommunalwahlen engagiert und treten nun als Kandidatin für den Gemeinderat an. Stehen 2020 andere Dinge auf dem Spiel als noch 2014 oder gar 2008?

2008 bin ich zwar angetreten, stand aber am Ende der Liste, da ich eigentlich noch wegen des Studiums nach Deutschland musste. 2014 war ich nur als Parteimitglied und nicht als Kandidatin engagiert. Dieses Mal kandidiere ich auf Listenplatz 1. Es hat sich sehr viel geändert in den letzten sechs beziehungsweise zwölf Jahren, denn die Demokratie und das politische System stecken in einer Krise, die heute tiefer ist als jemals zuvor. Die Bürgerinnen und Bürger wollen sich mehr engagieren und mehr Einfluss auf das tägliche Leben der Stadt haben. Sie haben auch größere Erwartungen, zum Beispiel zu Maßnahmen gegen den Klimawandel und für einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Mont-de-Marsan

 

Sie haben sich anfangs für die PS (Parti Socialiste) engagiert, später dann für die Bewegung  Génération.s des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten, Benoît Hamon. Nun stehen Sie auf einer parteiunabhängigen Liste. Was hat Sie dazu bewogen, diese neue Liste mitzugründen?

Als ich noch bei der PS war, habe ich immer dafür gekämpft, dass sich die Partei mehr öffnet und die Bevölkerung in die Entwicklung neuer Ideen einbezieht. Ich habe bemerkt, dass ich das innerhalb der PS nicht durchsetzen kann und habe mich deshalb Géneration.s angeschlossen. Aber obwohl die Forderungen von Géneration.s immer noch sehr interessant sind und eine neue Gesellschaft vorbereiten, finde ich, dass wir dabei nicht weit genug gehen. Eine Idee muss sich immer an die Gesellschaft anpassen und neue Forderungen aufgreifen. Ich habe also die Grenzen der Parteien erreicht und gedacht, dass eine parteiunabhängige Liste mehr Bürgerinnen und Bürger ansprechen würde. Das war der erste Punkt und das war richtig, denn wir haben Leute bei uns, die sich zuvor noch nie in der Politik engagiert haben. Für mich war das ein Ziel der parteiunabhängigen Liste und das ist jetzt erreicht. Das zweite Ziel war, dass wir uns der Bevölkerung öffnen, sie in den Prozess einbeziehen und das Projekt gemeinsam aufbauen.

Auch das haben wir erreicht, denn wir haben mehr als dreißig Versammlungen organisiert und dadurch viele Bewohnerinnen und Bewohner von Mont-de-Marsan erreicht.

Was ist, auch aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus, der Grund für die starken Verschiebungen in der politischen Landschaft Frankreichs?  

Die traditionellen Parteien und ihre Leader haben die Bevölkerung enttäuscht, weil sie ihre Versprechen oft nicht gehalten haben. Deshalb wollen die Bürgerinnen und Bürger eher Leute, die ihnen ähneln und nicht, wie es bei Berufspolitikern der Fall ist, von der Politik abhängig sind. Viele von ihnen verstehen nicht, was die Wählerinnen und Wähler eigentlich von ihnen erwarten.

Mont-de-Marsan ist ihr Heimatort. Sie sind zwischenzeitlich weggezogen, haben in Bordeaux gelebt und gearbeitet und waren auch eine Zeit lang in Deutschland. Was hat Sie dazu motiviert, in Mont-de Marsan zu kandidieren?

Ich bin seit Ende 2013 zurück in Mont-de-Marsan und war vorher fast fünf Jahre lang in Deutschland.  Seit 2013 habe ich mich in verschiedenen Vereinen engagiert. Obwohl ich in Bordeaux gewohnt und gearbeitet habe, bin ich immer wieder hin und her gefahren. Ich hatte den Eindruck, dass zumindest ein Teil der Bewohner in Mont-de-Marsan etwas anderes, eine andere Gesellschaft will. Das hat mich sehr interessiert und ich wollte auch Teil dieser Bewegung sein. Wir haben daher mit ein paar Freunden einen Verein gegründet, der in diese Richtung geht. Es ist sehr wichtig, dass solche zivilgesellschaftlichen Bewegungen unabhängig von der aktiven Politik bleiben, aber ich finde es gleichzeitig sinnvoll, dass solche Dynamiken in der Gesellschaft auch bei Wahlen vertreten sind. Ich habe mich in beiden Prozessen engagiert, weil ich denke, dass sie zusammenhängen. Mont-de-Marsan ist eine sehr schöne Stadt und wird noch schöner werden, wenn wir die Bevölkerung in diesen Bewegungen mitnehmen. Wir haben sehr viele Vereine für ganz unterschiedliche Menschen und Mont-de-Marsan wird dadurch sehr bereichert.

In Frankreich wird oft von Politikverdrossenheit insbesondere bei jungen Menschen gesprochen und es gibt Schwierigkeiten, Kandidatinnen und Kandidaten beispielsweise für Bürgermeister zu finden. Wurden Sie selbst mit bestimmten Hürden konfrontiert oder haben Sie Zuspruch erfahren?

In Mont-de-Marsan hatte unsere Liste keine großen Schwierigkeiten, weil das Aufstellen der Liste die letzte Etappe unseres Prozesses war. Zuerst haben wir mit den Menschen über Ideen und Projekte gesprochen. Sie haben sich sofort für den Prozess interessiert und dann auch engagiert. Wir haben im September 2019 mit dreißig Personen angefangen. Im Dezember haben wir eine große Versammlung organisiert, das war vielleicht der erste richtige Schritt für Marsan Citoyen. Und innerhalb von drei bis vier Wochen waren wir dann schon 100 Leute, die engagiert und interessiert waren. Seitdem sind wir zwischen 120 und 150 Personen, das ist schon viel. Die Parteien, die es in Mont-de-Marsan gibt, haben nicht mal so viele Mitglieder.

Und Sie persönlich, in ihrem persönlichen Umfeld?

Meine Familie war nicht so ganz damit einverstanden, dass ich mich bei Marsan Citoyen engagiere oder sogar kandidiere. Wenn ich mich engagiere, dann ohne Rücksicht auf meine Gesundheit oder meine Freizeit. Sie wissen auch, dass man sich damit Kritik und auch Beleidigungen aussetzt. Aber jetzt freuen sie sich, dass diese Liste existiert und unterstützen mich. Sie sehen auch, dass wir auf unserer lokalen Ebene an den großen Veränderungen auf der Welt teilnehmen.

Welche persönlichen Herausforderungen bringt ein Wahlkampf mit sich?

Eine Wahlkampagne ist immer zu kurz und zu lang. Zu kurz, weil wir immer mehr machen möchten und gerne mehr Zeit hätten, um noch mehr Leute zu treffen und um unsere Prozesse genauer zu erklären. Aber gleichzeitig ist es sehr anstrengend und man hat oft den Eindruck, dass es ewig dauert. Wir freuen uns auf den Wahltag, weil es dann zwar nicht zu Ende ist, wir aber ein paar Tage haben, um uns zu erholen.

Aus ganz persönlicher Sicht bin ich auch von einer Krankheit betroffen, die meine Muskeln lähmt, die mich schneller müde macht als die anderen. Damit muss ich umgehen und dabei ist es sehr wichtig, dass die anderen auch viele Sachen übernehmen, damit ich nicht alles allein machen muss. Genau das ist auch das Ziel von Marsan Citoyen. Wir alle machen, was wir können und was wir mögen. Trotzdem habe ich als Person, die auf Listenplatz 1 steht und die vorher in Parteien engagiert war, den Eindruck, dass ich doch mehr Druck habe und das ist manchmal schwer, aber auch motivierend. Denn wir machen das zusammen und wir haben das schöne Ziel, die Gesellschaft zu verändern und zwar hin zu einer besseren als die, die wir heute kennen. Dieses Ziel ist so wichtig, dass alle Herausforderungen und alle Hürden einfach vergessen werden. 

Im ersten Wahlgang wurde der Bürgermeister Charles Dayot mit 53,94 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Auf den zweiten Platz kam die Liste von Jean-Baptiste Savary (PS) mit 36,78 Prozentder Stimmen. Marie Lafitte landete mit der Liste Marsan Citoyen auf Platz drei mit 9,28 Prozent

Mont-de-Marsan

Die Stadt mit ca. 30.000 Einwohnern liegt im Südwsten Frankreichs und ist Präfektur des Département Landes in der Region Nouvelle Aquitaine. Fünfzehn Jahre lang wurde Mont-de-Marsan vom sozialistischen Bürgermeister Phillipe Labeyrie (Parti Socialiste- PS) regiert, bis 2008 Geneviève Darrieussecq von der zentristischen Partei Mouvement démocrate (MoDem) mit der Unterstützung der konservativen Union pour un mouvement populaire (UMP, heute: les Républicains) gewann.

Seit 2017 ist Charles Dayot, ebenfalls von MoDem, Bürgermeister. Er kandidiert bei den diesjährigen Kommunalwahlen erneut und wird dabei von La République en Marche (Partei von Präsident Emmanuel Macron) und Les Républicains unterstützt. Er trifft auf Jean-Baptiste Savary von der linken Liste (u.a PS, aber auch Europe Écologie-Les Verts) und auf Marie Lafitte von der parteiunabhängigen Liste Marsan Citoyen. Die nahegelegene Base aérienne 118 (Militärflugplatz der französischen Luftwaffe) ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Mont-de-Marsan.

 

Bibliografische Angaben

Das Interview mit Marie Lafitte führte Luisa Kern.

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