Online Kommentar

15. Aug. 2022

Ukraine erhöht Reichweite

Russland muss schwere Schläge hinnehmen
Ein Satellitenbild zeigt den zerstörten Luftwaffenstützpunkt Saki auf der Krim.
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Die Ukraine hat den russischen Militärflughafen auf der Krim getroffen. Das bringt Russland in Schwierigkeiten. Ist eine neue Präzisionswaffe verantwortlich?

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Die wichtigste militärische Entwicklung in dieser Woche war der ukrainische Angriff auf den Militärflughafen Saki auf der von Russland besetzten Krim. Die Attacke zerstörte mehrere Kampfflugzeuge und fügte dem Ansehen der russischen Luft- und Luftverteidigungskräfte erheblichen Schaden zu. Saki liegt etwa 225 Kilometer von der Frontlinie entfernt. 

Am selben Tag traf die Ukraine ein Munitionsdepot und einen Gefechtsstand tief im besetzten Gebiet Cherson, 100 beziehungsweise 170 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Einen Tag später wurde eine Brücke an der Grenze zwischen der Region Cherson und der Krim bei Chongar getroffen. Während die Ukraine die Verantwortung für den Angriff auf Saki nicht übernommen hat, bestätigte Kiew die anderen drei Angriffe.

Angriff auf der Krim zwingt Russland zum Handeln

Die bestätigten Treffer deuten darauf hin, dass die Ukraine nun im Besitz einer neuen Präzisionswaffe ist, deren Reichweite wesentlich größer ist, als die 120 Kilometer der alten ukrainischen Tochka-U-Rakete. Zwar ist es wahrscheinlich, dass der Luftwaffenstützpunkt Saki mit der gleichen Waffe getroffen wurde, doch kann dies noch nicht bestätigt werden.

Dennoch wird das Auftauchen dieser neuen Angriffsmöglichkeit Russland dazu zwingen, seine Luftstreitkräfte von der Krim auf weiter entfernte Luftwaffenstützpunkte zu verlegen. 

Außerdem wird es die Aufrechterhaltung der russischen Logistik erschweren, da die leicht angreifbaren Entladestellen für Züge außerhalb der Reichweite der neuen ukrainischen Rakete gebracht werden müssen, was die Nachschublinien der russischen Streitkräfte deutlich verlängern wird.

Beginnt ukrainische Gegenoffensive?

Von ukrainischer Seite wurden diese Angriffe als offizieller Beginn der lang erwarteten, groß angelegten Gegenoffensive Kiews bezeichnet. Gegenwärtig scheinen die ukrainischen Bodenoperationen diese Behauptung noch nicht zu bestätigen.

Am Donnerstag ist es der ukrainischen Artillerie gelungen, die Brücke über den Dnipro bei Nowa Kachowka zu beschädigen, wodurch sie nahezu unpassierbar wurde. Wenn es den Russen nicht gelingt, die Brücke schnell zu reparieren, wird die Versorgung ihrer Truppen westlich des Dnipro bald ein kompliziertes Unterfangen werden.

Drohnen auf russischer und ukrainischer Seite

US-Quellen berichten, dass die russische Armee mit der Ausbildung ihrer Soldaten an den vom Iran bereitgestellten Drohnen begonnen hat. Die Notwendigkeit, auf Drohnen aus iranischer Produktion zurückzugreifen, zeigt, dass die russische Rüstungsindustrie nicht in der Lage ist, die in der Ukraine erlittenen Verluste zu kompensieren.

Auf der Gegenseite wurde bekannt gegeben, dass das türkische Unternehmen Baykar eine Produktionsstätte für die TB-2 Bayraktar-Drohnen in der Ukraine errichten wird. Dies war schon im Februar 2022 von Vertretern der Ukraine und der Türkei vereinbart worden. Baykar hat bereits ein Geschäft in der Ukraine registriert und wird ein Grundstück für die Fabrik kaufen. Die Produktion könnte in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 anlaufen - es sei denn, Russland beschließt, die Anlage anzugreifen und damit ihren Bau zu verhindern oder zu verzögern.

Ukrainischer Widerstand könnte Referendum verhindern

Der ukrainische Widerstand in den von Russland besetzten Gebieten wird immer stärker. Der Besatzungsbürgermeister von Cherson wurde vergiftet; in Melitopol wurde das Gebäude der Partei "Vereinigtes Russland" in die Luft gesprengt; in der Region Cherson werden die Hochspannungsnetze sabotiert. In der Region Luhansk wurde ein Kollaborateur durch eine Autobombe verwundet.

Der starke Widerstand wird die russischen Berufsbehörden aller Voraussicht nach dazu zwingen, die Idee eines groß angelegten "Referendums" in den Regionen Cherson und Saporischschja aufzugeben; als Alternative wäre eine Art Online-Abstimmung denkbar. Diese wäre wohl ebenso leicht manipulierbar wie die Ergebnisse eines Fake-Referendums.

Bibliografische Angaben

Dieser Text wurde zuerst am 12. August 2022 vom ZDF veröffentlicht. 

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