| Bardella vertritt innerhalb des RN eine neue Generation: identitärer, zugleich aber liberaler als Le Pens „alte Garde“. Er und sein Umfeld grenzen sich deutlich vom historischen souveränistisch-etatistischen Stil der Partei ab. |
| Anders als Le Pen befürwortet Bardella die Union des Droites (Wahlbündnis mehrerer rechter Parteien). Ob er sich mit seiner Linie durchsetzt, hat potenziell bedeutende Konsequenzen für die EU. |
| In Berlin und Brüssel gab es berechtigte Hoffnungen, dass eine Präsidentschaft Bardellas pragmatischer ausgefallen wäre als die, die von Le Pen zu erwarten wäre. Sie sieht Populismus als Ideologie, er pflegt ihn vor allem als Methode, um Wahlen zu gewinnen. |
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Die Person Bardella
In den deutsch-französischen Beziehungen ist der Fokus auf Personen als Ausgangspunkt politischer Analysen seit vielen Jahrzehnten üblich. Die „Paare“, die der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler bilden, stehen häufig im Zentrum der Berichterstattung. Der Zugang über die persönliche Beziehung zweier Politiker ist verlockend, bleibt aber meist oberflächlich, weil historische, ökonomische oder juristische Zwänge auf beiden Seiten ausgeblendet werden.
Für eine Analyse Bardellas, in Deutschland noch weitgehend unbekannt, bietet sich der persönliche Zugang aber doch an. Schließlich wird er, sollte Le Pen die Wahl gewinnen, in den nächsten Jahren wachsenden Einfluss haben. Bardella wird als Parteivorsitzender den RN zusammenhalten und im Wahlkampf Loyalität zur Kandidatin bezeugen müssen. Zugleich wird er weiter das eigene Profil schärfen wollen. Als RN-Kandidat für das Amt des Regierungschefs ist er von den Pfadabhängigkeiten und bürokratischen Eigenlogiken des Staatsapparats noch frei. Weil Le Pen und er zuletzt in allen Szenarien die Umfragen anführten, wird die RN-Strategie Dreh- und Angelpunkt des kommenden Wahlkampfes sein; andere Kandidaten werden auf ihre Schwerpunkte reagieren. Der Blick auf Bardellas Politisierung, seinen Aufstieg im RN, die Stellung in der Partei und sein Verhältnis zu Le Pen, bietet sich als Einstieg in den französischen Präsidentschaftswahlkampf an.
Aufsteiger aus der Vorstadt
Bardellas Geschichte ist die eines Aufsteigers. Sein Vorname, Jordan, verrät in Frankreich sofort seine soziale Klasse. Sein Aufwachsen in Saint-Denis, einem Vorort im Norden von Paris, bemüht er gerne als Ausgangspunkt seines Engagements: Kriminalität und wachsende Präsenz des Islams im öffentlichen Raum habe er tagtäglich erlebt. Er suche das „Frankreich unserer Eltern“: sicherer und mit weniger Zuwanderern. Dass seine Sicht verklärt ist, gibt er zu.
Dabei stammt Bardella selbst aus einer Zuwandererfamilie, was in der französischen Politik rechts der Mitte keine Ausnahme ist. Es gibt einige prominente Vertreter seiner Altersklasse mit Migrationshintergrund: neben Bardella (italienische) beispielsweise der RN-Vizepräsident Julien Sanchez (spanische) oder den Le Figaro-Kolumnist Alexandre Devecchio (portugiesisch-italienische Wurzeln). Auch Sarah Knafo, Europaabgeordnete der kleineren Rechtsaußenpartei Reconquête! (R!), wuchs bei Paris auf; ihre Großeltern, sephardische Juden, kamen aus Nordafrika nach Frankreich.
Sie alle vereint die Überzeugung, dass neue Generationen von Zuwanderern, gerade aus dem islamischen Kulturraum, keine Anstrengungen mehr unternähmen, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren.
Die von Journalisten so getaufte „Generation Bardella“ teilt das Gefühl, der Überfremdung des eigenen Landes ohnmächtig beizuwohnen. Über die Frage, ob darin der Schlüssel zu Bardellas Politisierung liegt, oder ob es sich um ein konstruiertes Image handelt, wird gestritten. Pascal Humeau, ehemaliger Kommunikationsberater Bardellas, der ihn 2019 im Streit verließ, vertritt letztere These. Andere sehen im identitären Weltbild Bardellas und seines Umfelds den authentischen Kern dieser Rechtsaußen-Generation. Geformt wurde es in dieser Lesart von Intellektuellen wie dem Polemiker und R!-Vorsitzenden Éric Zemmour, den Theorien zum „Großen Austausch“ Renaud Camus’ oder vom Aktivismus der Generation Identitaire (GI), die schon seit 2012 gegen Zuwanderung und die „Islamisierung“ Europas agitiert. Viele Bardella-Portraits verweisen zudem auf die Serie islamistischer Terroranschläge, die Frankreich ab 2015 erschütterten und den Blick seiner Generation auf die (häufig in Frankreich geborenen) Täter prägte.
Die Normalisierung des RN
2015 ist aber nicht nur wegen der Anschläge ein entscheidendes Jahr für das Verständnis des RN (damals noch Front National, FN) und Bardellas. 2015 schloss Le Pen ihren Vater Jean-Marie aus der Partei aus, weil dieser zum wiederholten Male die Shoah relativiert hatte. Ihr Vater war untragbar geworden, gefährdete die Strategie der Normalisierung des FN. Diese hatte Marine Le Pen 2011 mit Übernahme des Parteivorsitz initiiert; 2018 setzte sie sie mit der Umbenennung in Rassemblement National endgültig durch. Bardella, seit 2012 (seinem 16. Lebensjahr) Parteimitglied, erlebte die Wandlung der Partei als junger Aktivist.
Dem RN werden allerdings bis heute regelmäßig Äußerungen der Gründungsgeneration vorgehalten, um der Partei Revisionismus, Antisemitismus und Rassismus vorzuwerfen. Die Generation Bardellas weist die Vorwürfe von sich. Jean-Marie Le Pens Aussage, Gaskammern seien „ein Detail des Zweiten Weltkriegs“ gewesen, für die er verurteilt wurde und die schließlich 2015 zum Parteiausschluss führte, stamme aus dem Jahr 1987 – Bardella kam erst acht Jahre später zur Welt. Er selbst sieht sich als besten Beweis der Normalisierung: Vom FN, der 1972 vom ehemaligen Waffen-SS-Offizier Pierre Bousquet mitgegründet wurde, zum RN, dem der Rechtsanwalt, Historiker und „Nazi-Jäger“ Serge Klarsfeld 2023 bescheinigte, den Hass auf Juden hinter sich gelassen zu haben.
Die Frage, ob der RN auch heute zuerst an seiner Gründungsphase gemessen wird, ist entscheidend: 1996 entwickelte der Populismusforscher Cas Mudde zwei grundlegende Ansätze, um sich Rechtsaußenparteien zu nähern: über die Analyse ihrer Programme und Aussagen von Vertretern der Partei, oder auf Grundlage ihrer Wurzeln. Letzterer liegt das Risiko inne, so Mudde, jegliche Fortentwicklung zu ignorieren.
Parteikarriere nach Maß
Das Ausgreifen des RN in die politische Mitte und auf bürgerlichere Wählergruppen, das der Partei in den vergangenen Jahren gelungen ist, entspricht Marine Le Pens Strategie der Normalisierung. Bardellas kometenhafter Aufstieg im RN – einer Partei, die weiter wie ein Familienunternehmen geführt wird – hat ihm den Ruf eingebracht, ein „Produkt“ ihrer Strategie zu sein. Anekdotisch lässt sich das an der Verschiebung des RN-Parteiprogramms zur EU nachvollziehen. Als junges Parteimitlied wurde Bardella vom damaligen „Kronprinzen“ Le Pens gefördert, Florian Philippot. Nachdem Le Pen 2017 spektakulär gegen Emmanuel Macron und seine liberale Vision der EU unterlag, änderte sie die Parteilinie radikal. Das Ziel des „Frexits“, des Austritts Frankreichs aus der EU, war passé und wich pragmatischen Positionen zum Binnenmarkt oder zum Euro. Philippot sah seine Überzeugung verraten, verließ den FN und gründete seine eigene Splitterpartei Les Patriotes. Er beteuert bis heute in Gesprächen, Bardella sei glühender „Frexit“-Anhänger gewesen – bis sich der Wind drehte.
In Interviews reagiert Bardella auf Vorwürfe ideologischer Beliebigkeit ausweichend oder dreht sie ins Positive, etwa, indem er den Politiker und Schriftsteller Chateaubriand zitiert: „Um ein Mann seines Landes zu sein, muss man ein Mann seiner Zeit sein“. Fest steht: Nach Philippots Abschied rückte Bardella auf. Im Herbst 2018 bot ihm die Parteiführung die Leitung des Europawahlkampfs 2019 an. Bardella akzeptierte, gewann die Wahl und schenkte Le Pen ihre Macron-Revanche. Dass der RN fortan stärkste französische Kraft im Europaparlament war, sendete ein Signal. Dass Bardella sich mit damals 23 Jahren in einem TV-Duell gegen Macrons Kandidatin, Nathalie Loiseau (Renaissance), behauptete – erfahrene Diplomatin, zuvor Europa-Ministerin und Direktorin der Verwaltungsschule ENA – ließ Stimmen im RN verstummen, die seine Unerfahrenheit für ein Problem hielten.
Bardella emanzipiert sich
Seither hat Bardella Le Pen 2024 einen weiteren Triumph bei Europawahlen beschert. Der Vorsprung des RN (31,3 Prozent) auf Macron und seine Verbündeten (14,6 Prozent) war so deutlich, dass der Präsident sich entschloss, die französische Nationalversammlung aufzulösen: Anfang vom Ende seiner zweiten Amtszeit und der politischen Stabilität Frankreichs.
Während Bardella nach der zweiten Runde der Neuwahl überrascht war, wie erfolgreich Absprachen anderer Parteien eine absolute Mehrheit des RN in der Nationalversammlung verhinderten, hatte er in seiner Partei spürbar an Einfluss hinzugewonnen. 2019 hatte Le Pen noch allein über Wahllisten entschieden, 2024 setzte Bardella mehrere Vertraute aus seinem Umfeld durch. Schon 2022 hatte er seine Muskeln spielen lassen, als zwei parteiinterne Gegner und alte Weggefährten Le Pens, Bruno Bilde und Steeve Briois, nicht mehr in den Parteivorstand gewählt wurden. Briois, seit 2014 Bürgermeister von Hénin-Beaumont, eine RN-Hochburg im Pas-de-Calais und wichtige Kommune im Wahlkreis Le Pens, gilt als enger Vertrauter der Fraktionschefin. Nach der Niederlage im Parteivorstand warnte Briois öffentlich, mit Bardella halte eine identitäre Linie Einzug in den RN.
Dass Bardella versuchte, sich auch von Le Pen zu emanzipieren und das eigene Profil zu schärfen, zeigte sich vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine. 2014 hatte Le Pen von einer russischen Bank einen Kredit über 9,4 Millionen Euro erhalten, 2017 wurde sie während des französischen Präsidentschaftswahlkampf von Wladimir Putin in Moskau empfangen. Beides holte sie im Wahlkampf 2022 ein, als man ihr nach der russischen Invasion der Ukraine vorwarf, „Agentin des Kremls“ zu sein. In seinem Buch von 2024 identifizierte Bardella die pro-russischen Positionen seiner Partei als Grund für die Wahlniederlage 2022. Einige Monate nach der Wahl soll er die Parteiführung gedrängt haben, die Linie zu Russland und zum NATO-Austritt zu überdenken – ohne Erfolg. 2023 forderte er Le Pen in dieser Frage offen heraus, distanzierte sich in einem Interview von der „kollektiven Naivität im Umgang“ mit Putin und schoss gegen die „Putinophilie“ in der Pariser Politik. Zwei Tage später reagierte Le Pen mit der Publikation eines „Briefs an die Franzosen,“ mit dem sie klarstellte, dass in Sachen Außen- und Sicherheitspolitik im RN allein sie das Sagen habe.
Neue Beinfreiheit für Bardella
Ihre Deutungshoheit über die Außen- und Sicherheitspolitik leitet die RN-Patriarchin aus einer Verfassungspraxis ab, die dem Präsidenten in diesen Politikfeldern eine „exklusive Domäne“ einräumt. Obwohl der Premierminister laut Verfassungstext weitgehende Befugnisse hat, dominiert in der politischen Realität der Präsident. Als RN-Kandidatin für das höchste Staatsamt wachte Le Pen mit Argusaugen über diese Domäne – was Bardellas Abweichen von der Parteilinie 2022 noch bemerkenswerter machte.
Interessant war deshalb, dass Bardella, als Premierminister einer Präsidentin Le Pen vorgesehen, schon vor dem Gerichtsurteil im Berufungsprozess gegen Le Pen eigene Akzente in außen- und sicherheitspolitischen Fragen gesetzt hatte, etwa im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) im Mai oder während eines Besuchs in Polen, Mitte Juni. Im Gegensatz zu den Abgrenzungen in der Russland-Politik waren diese Vorstöße jedoch vermutlich mit Le Pen abgestimmt. In Erwartung des Urteils war der RN darum bemüht, Bardellas internationales Profil zu schärfen.
Nachdem Le Pen nun doch antreten darf, stellt sich die Frage, ob sich Bardella und sein Umfeld geräuschlos in die zweite Reihe zurückziehen. Le Pen hatte vor dem Urteil immer wieder angekündigt, Bardella im Falle ihrer Verurteilung nach Kräften zu unterstützen. Ob sich Bardella nach monatelanger Erwartung seiner Präsidentschaftskandidatur nun mit der Rolle als loyaler Adjutant abfindet, muss sich zeigen. Allein der Status als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat bringt in Frankreich große Macht mit sich. Schließlich verfügt der Präsident neben der Ernennung seiner Berater und Kabinettsmitglieder über eine Vielzahl weiterer Vorschlagsrechte: im diplomatischen Dienst, in nachgeordneten Behörden, in Unternehmen mit staatlicher Beteiligung oder in Kultureinrichtungen. Er wird deshalb schon vor der Wahl von Bewerbern für diese Posten umschwärmt. Dass Le Pen diese Macht – und ihr politisches Lebenswerk – Bardella einfach überlässt, darf bezweifelt werden. Hier könnte Streit zwischen Le Pen und Bardella in den kommenden Monaten offen zutage treten und den RN empfindlich schwächen.
Identitär-Liberale gegen sozialere Etatisten
Ein konkreter Konflikt wurde nach dem FAZ-Interview deutlich. Die Journalisten hatten Bardella nach seinen Rentenreform-Plänen gefragt. Angesichts „katastrophaler Defizite“ der Kassen, zeigte sich Bardella für die Erhöhung des Eintrittsalters offen – aus Sicht seiner Generation nachvollziehbar, in Frankreich jedoch äußerst unpopulär und von Le Pen immer abgelehnt. Neben der Sorge, hier Terrain wieder zu verlieren, das der RN zuletzt bei älteren Wählern und in Landesteilen gewonnen hat, die der Partei historisch abgeneigt waren, legten die heftigen Reaktionen innerhalb des RN auch eine tiefere, ideologische Bruchlinie offen.
Denn Bardella und sein Umfeld trennen nicht nur ihr identitäres Weltbild, sondern auch ihre wirtschaftsliberaleren Ansichten von Le Pen. Dass ein RN-Präsident Bardella das Renteneintrittsalter drastisch anheben oder sich von der Anti-Bürokratie-Offensive Elon Musks (DOGE) inspirieren lassen könnte, ist für Anhänger des sozial-etatistischen Flügels um Le Pen ein rotes Tuch.
Die Abneigung der Fraktionschefin gegenüber solchen Ideen wird häufig ebenfalls aus ihrer Lebensgeschichte abgeleitet. Le Pen brachte innerhalb eines Jahres drei Kinder zur Welt, die sie weitgehend allein erzog. Die Lesart: Sie hänge sowohl durch ihre Lebenserfahrung als auch ihre starke Verwurzelung im postindustriellen und ärmeren Nordosten Frankreichs am präsenten Sozial- und Verwaltungsstaat. Bardella hingegen stehe, so die Deutung, einer wirtschaftsliberaleren, „orléanistischen“ Rechten näher, deren Vertreter bisher bei der Mitte-Rechts-Partei Les Républicains (LR) oder Zemmours R! verortet wurden – mit Positionen, die Bardella in seinem FAZ-Interview als Angebot an Bundeskanzler Friedrich Merz und die Unionsparteien verstanden wissen wollte.
Daraus ergibt sich eine gewisse Arbeitsteilung, mit der der RN idealerweise in die Wahl gegen dürfte: Le Pen bedient vor allem die Sorgen der Wähler vor dem ökonomischen und sozialen Abstieg, Bardella hingegen eher die identitären Ängste vor dem kulturellen oder zivilisatorischen Abstieg.
Union der Rechten
Die mögliche Zusammenarbeit zwischen Rechts- und Rechtsaußenpolitikern und ihren Parteien ist spätestens seit der Neuwahl 2024 ein zentrales Thema französischer Politik. Zwischen den zwei Wahlrunden kündigte der damalige LR-Vorsitzende Éric Ciotti ein Wahlbündnis mit dem RN an. Nachdem die Mehrheit der Parteimitglieder ihm die Gefolgschaft verweigerte, gründete Ciotti kurzerhand eine neue Partei mit dem programmatischen Namen Union des droites pour la République (UdR).
Das Ziel eines Bündnisses, das vom rechten Parteiflügel Macrons bis zu RN und R! reicht, wird nicht nur in der Nationalversammlung vorangetrieben. Die Unternehmer Vincent Bolloré, ein erzkatholischer Milliardär, der im Baugewerbe und mit Telekommunikation reich wurde und seit Jahren mit Wucht und viel Geld Frankreichs Medienlandschaft prägt und Édouard Stérin, liberalkonservativer Unternehmer, auch er Milliardär und Katholik, der aus Belgien Frankreichs Politik beeinflusst – treiben die Ausbildung und Vernetzung rechter Nachtwuchspolitiker und die Idee eines Wahlbündnisses systematisch voran.
Le Pen hat diesen Weg immer abgelehnt. Zwar ließ sie sich 2024 auf ein Bündnis mit Ciotti ein. Mit den katholisch-reaktionären Ideen Bollorés kann sie aber so wenig anfangen wie mit Stérins libertären Vorstellungen. Hinzu kommt ihre grundsätzliche Abneigung gegen jede Form der Abhängigkeit, die sie immer wieder betont hat. Sie wolle, so Le Pen, den RN in politische Verantwortung führen, ohne dabei bestimmten Interessengruppen Gefallen zu schulden. Bardella sieht das anders. Nicht nur hat er sich durch Bolloré und dessen Verlags- und Medienimperium unterstützen und beraten lassen, er steht auch der Idee eines breiten Bündnisses offen gegenüber. Dabei geht es ihm zunächst darum, die zweite Runde der Präsidentschaftswahl zu gewinnen, dann aber auch, nach einem Wahlsieg die Schlüsselpositionen in der Regierung und den Verwaltungen kompetent zu besetzen.
Empfehlungen für die deutsche Politik
Jean-Marie und Marine Le Pen haben aus ihren jahrzehntelangen Kämpfen mit Frankreichs politischen, ökonomischen und medialen Eliten ein Selbstverständnis als Fundamentalopposition abgeleitet. Marine Le Pen und ihr Umfeld tendieren instinktiv zur Revolution statt zu Reformen. Sie sehen den RN in der langen Tradition populistischer Bewegungen der Fünften Republik – von den Poujadisten der späten 1950er Jahre zu den Gelbwesten-Protesten der ersten Amtszeit Macrons. Für Le Pen ist Populismus mehr als nur Methode zum Machtgewinn. Sie verkörpert authentisch das Auflehnen gegen Eliten, die ideologische Grundlage ihres Politikverständnisses.
Im Gegensatz dazu hat sich Bardella wiederholt die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni und ihren Weg aus der Fundamentalopposition in Regierungsverantwortung als Vorbild gewählt. Allerdings ist hier aus deutscher Sicht Vorsicht angebracht: Meloni ist für Bardellas Kommunikation gegenüber einem deutschen Publikum ideal. Schließlich hat man auch in Paris registriert, wie schnell sich die politisch-mediale Debatten in Berlin nach Melonis Wahlsieg gewandelt hat: Von der gefährlichen (Post-)Faschistin wurde sie in Rekordzeit zur strategischen Partnerin der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und der Bundeskanzler, erst Olaf Scholz, dann Merz.
Bardella weiß das, möchte es ihr nachtun und in Frankreich und der EU „alles verändern“, ohne „etwas zu zerstören“. Dass Le Pen als französische Präsidentin ungleich mehr Macht hat als die Ministerpräsidentin Italiens gehört aber ebenso angemerkt wie der Umstand, dass Bardella und Le Pen – bisher ohne Regierungsverantwortung – sehr stark von ihrem Beraterumfeld abhängen dürften und heute kaum absehbar ist, wer sie wie beeinflussen würde.
Bardella und sein Umfeld wiederum sind von ihren Erfahrungen im Europaparlament geprägt. Sie haben in den vergangenen Monaten registriert, wie die europäische Politik sich verändert – langsam und häufig ohne große Aufregung in den Öffentlichkeiten der Mitgliedsstaaten. Mithin gibt es im Europaparlament rechte Mehrheiten; Mitte-Rechts-Parteien arbeiten mit Rechtsaußen-Parteien: Eine „metapolitische Verschiebung“, Frucht eines rechten Kulturkampfes, den Bardella im kleinen Kreis sowohl dem RN als auch den Aktivitäten im Vorfeld, etwa durch Bolloré oder Stérin, zuschreibt. Für seine Generation von Rechtsaußen-Politikern und Aktivisten schließt sich damit ein Kreis: So heißt es im Manifest der zu Beginn des Texts genannten Identitären Bewegung, 2012 veröffentlicht: „Wir sind die Generation der Opfer jener vom Mai 1968. ... Geben Sie sich keinem Zweifel hin. Dieser Text ist nicht nur ein Manifest, er ist eine Kriegserklärung. Wir sind das Morgen, Sie sind das gestern. Wir sind die identitäre Generation.“
2012 wurde Bardella FN-Parteimitglied. Es ist davon auszugehen, dass er als damals 16-Jähriger die GI-Aktionen verfolgte und den Text kennt.
Aus deutscher Perspektive leiten sich aus Le Pens Kandidatur für die Bundesregierung unmittelbar zwei Schlüsse ab:
- Bardella gilt in Berlin – zu Recht – als pragmatischer und zugleich beeinflussbarer als Le Pen. Die Sorge, dass eine RN-Präsidentschaft im Falle ihres Wahlsiegs konfrontativer ausfiele, als jene Bardellas, ist berechtigt.
- Gewinnt Le Pen, hängt sowohl für die bilaterale Beziehung als auch für die EU viel davon ab, wie viele (erfahrene) LR- und UdR-Politiker der Regierung angehören werden und wie stark der Einfluss ideologisch-identitärer Kreise in ihrem Umfeld wird.
Die Bundesregierung sollte erste Kontaktaufnahmen und den Austausch, der bereits begonnen hat, diskret fortsetzen, um für einen RN-Wahlsieg vorzubauen:
- Dass der deutsche Botschafter sich im Februar mit Bardella traf, ist richtig. Je näher die Wahl rückt, desto wichtiger werden diese Kontakte, um zu verstehen, was auf die Bundespolitik zukommen könnte. Bardellas Umfeld steht schon heute im Austausch mit mehreren europäischen Botschaften in Paris.
- Gewinnt Le Pen die Wahl, droht ein unmittelbarer Vertrauensverlust zwischen Berlin und Paris – nicht zwingend aus ideologischen Gründen, sondern schlicht, weil sich beide Seiten kaum kennen. Hier gilt es vorab, Kanäle zu etablieren, die schnell nutzbar sind.
Ein letzter Aspekt aus Berliner Perspektive: Le Pens Wahlsieg könnte weitreichende Konsequenzen für die Alternative für Deutschland (AfD) und den hiesigen Umgang mit den Rechtsaußen haben:
- Macht Bardella seinen Einfluss geltend und folgt Le Pen im Falle ihres Wahlsiegs Meloni, steuert einen gemäßigten Kurs und führt seine Partei in breite rechte Bündnisse, wächst in Berlin der Druck, ähnlich zu agieren – auf die AfD genauso wie auf die Unionsparteien.
- Gelingt es Le Pen zudem, eingebettet in eine breitere europäische Dynamik – mit theoretisch möglichen Rechtsaußen-Wahlsiegen in Spanien, Polen und Italien im Jahr 2027 – eine grundsätzliche Wandlung der EU einzuleiten, läuft die aktuelle Bundesregierung Gefahr, mit ihrem Festhalten am Status quo isoliert zu werden.
- Allerdings ist genauso möglich, dass eine Präsidentschaft Le Pens mit einem Premierminister Bardella wegen ihrer Unerfahrenheit, parteiinterner Kämpfe und des Widerstands der Verwaltung sowie der ökonomischen Eliten schnell scheitert. Ein solches Szenario hätte mit Blick auf die deutsche Politik eher abschreckend Wirkung.
Viele erfahrene Beobachter vergleichen die aktuelle Stimmung vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 mit jener vor der Wahl 1981. Erstmals wurde mit François Mitterrand damals ein Sozialist Präsident, der im Wahlkampf eine Revolution versprochen hatte, mit den Kommunisten koalierte. Rückblickend stellten sich sowohl die Hoffnungen der Anhänger Mitterrands als auch Ängste seiner Gegner als übertrieben heraus. Ob sich diese Erfahrung mit einer Wahl Le Pens und der Nominierung Bardellas wiederholt, wird das kommende Jahr zeigen.
