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14. Jan. 2026

Diese Richtungsentscheidung der AfD hat für die deutsche Politik große Bedeutung

Jacob Ross
Alice Weidel Bundestag Januar 2026
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Innenpolitisch bleibt die AfD hinter der Brandmauer isoliert. Außenpolitisch sucht sie schon lange nach einem einheitlichen Kurs. Die jüngsten Ereignisse der Weltpolitik stellen die Partei nun vor eine unerwartete Wahl.

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Deutschland findet nicht aus der Rezession, die Stimmung im Land bleibt düster. Und zum Jahreswechsel sind die Diskussionen um den Umgang mit der AfD erneut entflammt. Die Brandmauer befindet sich mittlerweile im dauerhaften Belagerungszustand. Aber Bundeskanzler Merz und die Unionsführung halten an der kategorischen Ablehnung jeder Zusammenarbeit fest. Viele Beobachter kalkulieren aber trotzdem bereits mit Veränderungen, deren Ausmaß von den Ergebnissen der Landtagswahlen 2026 abhängen dürfte.

Aktuelle Umfragen für die Landtagswahlen verheißen für Union, SPD und Grüne nichts Gutes. Doch auch für die AfD-Parteiführung dürfte das Jahr zu einer Feuerprobe werden. Zwar spielen die anhaltende Rezession, die schlechte Stimmung im Land und der Eindruck, dass die Koalition der „letzten Chance“ (Robin Alexander) keine zündende Idee hat, wie Deutschland aus der Dauerkrise kommt, dem populistischen Stil der AfD in die Karten. Doch nun droht die Uneinigkeit in außenpolitischen Fragen zum Problem für die Partei zu werden.

Streit darüber gibt es seit Jahren. Die Außenpolitiker der AfD gelten seit langem als latent Russland zugewandt, während viele Mitglieder des Verteidigungsausschusses – oft Berufssoldaten, die mit der Nato vertraut sind und US-Sicherheitsgarantien und die US-Präsenz in Deutschland schätzen – mit einer Wiederannäherung an Russland gar nichts anfangen können. Der interne Streit um die Einladung Rüdiger Lucassens, einem prominenten Verteidigungspolitiker der Partei, zur Münchener Sicherheitskonferenz im Februar dürfte sich in den nächsten Monaten auch geografisch manifestieren: In Baden-Württemberg fürchten mittelständische Unternehmen die Deindustrialisierung und schätzen deshalb enge Beziehungen zu den USA. In Rheinland-Pfalz sind tausende US-Soldaten und Zivilisten stationiert, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Im Osten dagegen, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, lassen sich gute Kontakte zu Trump und dem MAGA-Lager schlechter verwerten.

Gerät bei den Landtagswahlen 2026 also tatsächlich Außenpolitik in den Fokus, wäre das eine neue, bedeutende Wendung in der Parteigeschichte der AfD. Seit ihrer Gründung hat sie sich immer wieder erfolgreich von der Linie der Bundesregierungen und damit von der Mehrheitsmeinung im politischen Berlin abgegrenzt und versucht, als einzige Alternative zu profilieren. Das Gründungsthema war 2013 die Ablehnung der Euro-Rettungspolitik, es folgte Kritik an der Politik der offenen Grenzen Angela Merkels nach 2015 und den Corona-Lockdowns ab 2020. Seit 2022 sind durch die finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine und dem Bruch der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland außenpolitische Themen wichtiger geworden.

Die gewinnen vor dem Hintergrund der aggressiven Infragestellung des Status Quo durch die zweite Trump-Regierung jetzt noch einmal an Bedeutung. Was sich seit Anfang 2025 abzeichnet, ist spätestens mit der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der USA und der Intervention in Venezuela zur Gewissheit geworden: Teile der MAGA-Bewegung treiben eine offene Hegemonialpolitik auf dem eigenen Kontinent voran und haben sich zugleich in Europa dem Kulturkampf gegen die liberale EU verschrieben. Die sicherheitspolitische Schwäche der Union und die große Abhängigkeit vieler Europäer von den USA setzen sie als Faustpfand ein. Dass sich die europäischen Staats- und Regierungschefs zugleich für US-Sicherheitsgarantien in der Ukraine starkmachen und eine potenzielle US-Invasion in Grönland fürchten, hat durchaus etwas Schizophrenes.

Die AfD stellt das vor eine unerwartete Wahl: Orientiert sich die Partei weiter nach Osten, in der Hoffnung auf eine Wiederannäherung an Russland (und in Zukunft vielleicht China) – eine eurasische Allianz? Oder schließt sie sich dem MAGA-Projekt einer zivilisatorisch-transatlantischen Renaissance an und akzeptiert das Risiko, sich – ganz ähnlich wie die Bundesregierungen vergangener Jahre – vom Ausgang der nächsten US-Wahl abhängig zu machen?

Zwischen Trumps MAGA-Leuten und China

Für die Parteiführung sind mit dieser außenpolitischen Richtungsentscheidung vor den Landtagswahlen 2026 Risiken verbunden. Streitigkeiten um Delegationsreisen von AfD-Politikern – im November etwa nach Sotschi – zeigen das Spaltpotenzial. Politiker wie Markus Frohnmaier und Beatrix von Storch pflegen Kontakte zur US-Ostküste, während Tino Chrupalla zuletzt eine mehrtägige Reise nach China unternahm. Dabei betont die AfD routiniert, dass es letztlich immer um Deutschlands Interessen gehe.

Bemerkenswert ist auch, dass beide Entscheidungen – für den Osten oder den Westen – einen Trend beschleunigen, der außerhalb Europas in vollem Gange ist: die Entwicklung zu einer multipolaren Weltordnung, die nicht länger universelle Prinzipien strukturieren, sondern regionale Mächte mit ihren Einflusssphären und eigenen Regeln. Gemeinsam mit China drängt Russland seit dem Ende des bipolaren Systemkonflikts im Kalten Krieg auf diese Ordnung. Auch die meisten Staaten des im Westen sogenannten „Globalen Südens“, Indien, Brasilien oder Südafrika, sind Anhänger dieser Multipolarität. Nun spricht viel dafür, dass sich eine neue Generation von US-Politikern nach zwei Jahrzehnten der Interventionen und gescheiterter Versuche, Demokratie mit Gewalt zu exportieren, von einer idealistischen Außenpolitik abwendet, auf die westliche Hemisphäre und den eigenen Kontinent zurückzieht und droht, andere Weltregionen – den Nahen Osten etwa, aber auch Europa – sich selbst oder anderen zu überlassen.

Für die AfD sind diese Trends attraktiv, weil sie die Karten neu mischen und der Partei eine andere Ausgangsposition ermöglichen. Statt, wie in der Vergangenheit, außenpolitisch als nationalistisch, anachronistisch, rückwärtsgewandt, ewiggestrig dazustehen, sehen sich Vertreter der Partei nun in der Rolle einer europäischen Avantgarde und an der Spitze einer Entwicklung, gegen die das linksliberale Establishment in Brüssel und europäischen Hauptstädten nur noch Rückzugsgefechte führt. So sagte AfD-Außenpolitiker Maximilian Krah nach der US-Intervention in Venezuela: Das regelbasierte „Losertum à la Baerbock“ werde von einer neuen „Großraumordnung“ ersetzt.

Mit der Rolle als außenpolitische Avantgarde geht jedoch ein doppeltes Risiko für die AfD einher, das parteiintern kontrovers diskutiert wird: Intellektuelle im Umfeld der Partei fürchten, dass der Erfolg zu schnell kommen und eine Partei, die in den letzten Jahren häufig von populistischen Vereinfachungen lebte, überfordern und entzaubern könnte. Weil vielen Parteivertretern aus Sicht dieser Kritiker eine gefestigte Weltanschauung fehlt, hegen sie zudem die Sorge, dass die AfD bald der Versuchung erliegen könnte, eigene Positionen zu mäßigen, um Teil des über lange Jahre gescholtenen Establishments zu werden: des „Kartells“ der „Altparteien“.

Ost, West oder Mitte? Diese Richtungsentscheidung der AfD in den kommenden Monaten hat für die Partei wie für die deutsche Politik große Bedeutung.

Bibliografische Angaben

Ross, Jacob. “Diese Richtungsentscheidung der AfD hat für die deutsche Politik große Bedeutung.” January 2026.
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