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28. Jan. 2026

Bestenfalls ein Pyrrhussieg

Wie der Ukrainekrieg den Niedergang Russlands beschleunigt
Dr. Stefan Meister
Botanical garden affected by Russian shelling in Odesa ODESA, UKRAINE - MARCH 27, 2024
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Der Ukrainekrieg wirkt wie ein Pyrrhussieg für den Kreml: Während Verhandlungen Stärke suggerieren, beschleunigt der Krieg Russlands geopolitischen Abstieg. Moskau verliert Einfluss in Europa, im postsowjetischen Raum und global – und bleibt dennoch gefährlich.

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Die laufenden Verhandlungen zwischen Vertretern der russischen und der amerikanischen Führung über eine Beendigung des Ukrainekriegs verstellen den Blick auf geopolitische Verschiebungen – die weltweit und im postsowjetischen Raum auf Kosten Russlands erfolgen. Zwar hat dessen Machthaber Wladimir Putin es geschafft, dass sein amerikanischer Amtskollege Donald Trump ihn als wichtigen Führer anerkennt und auf Augenhöhe mit ihm verhandelt. Der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew hat sogar erreicht, dass die US-Verhandler unter Führung des Immobilienmaklers Steve Witkoff russische Maximalforderungen mit in den 28-Punkte-Plan aufnehmen. Damit scheint Putin seinem Ziel, die Ukraine zur Unterschrift unter ein Kapitulationsabkommen zu setzen, einen Schritt näher gekommen zu sein. Jedoch wird immer deutlicher, dass dieser sogenannte Friedensplan keine Grundlage für einen nachhaltigen Frieden bildet und man sich nicht nur in Europa, sondern auch in Teilen der Trump-Administration selbst sowie im Kongress gegen dieses Abkommen wendet.

Was in der aktuellen Debatte über die Verhandlungen und über Russlands Gefährlichkeit für die europäische Sicherheit zu kurz kommt, ist der Blick darauf, dass der russische Angriffskrieg nicht nur das Ende der nach dem Kalten Krieg ausgehandelten europäischen Sicherheitsordnung bedeutet, sondern auch den Abstieg Russlands als regionale und globale Macht beschleunigt. Russland führt diesen Krieg nicht aus einer Position der Stärke heraus, sondern der Schwäche. Nach der „Revolution der Würde“ (Euromaidan) 2013/2014 in der Ukraine hat der Kreml keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als die Ukraine durch militärische Mittel wieder unter Kontrolle zu bringen. Dieser Krieg dient der Wiederherstellung des russischen Einflussraums und soll den weiteren Verfall russischer imperialer Macht in seiner Nachbarschaft aufhalten. Jedoch erreicht Putin genau das Gegenteil: Die Nato hat sich um Schweden und Finnland erweitert, selbst ehemals pazifistische Länder wie Deutschland investieren massiv in Verteidigung, und Europa ist zum wichtigsten Unterstützer der Ukraine geworden. Die EU hat der Ukraine, Moldau und Georgien sogar eine Beitrittsperspektive angeboten. Und es wird vielen europäischen Staaten immer klarer, dass sie die Ukraine sicherheitspolitisch integrieren müssen, um keine Grauzone im Osten des Kontinents entstehen zu lassen.

Was jedoch für Russland viel schwerer wiegt, ist sein mit dem Krieg beschleunigter Einflussverlust in Osteuropa, dem Südkaukasus und Zentralasien, die noch immer als postsowjetischer Raum bezeichnet werden. Um die Bedeutung dieses Einflussverlusts für Russlands Selbstbild zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, welche drei Elemente Russlands globale Machtprojektion definieren: Das sind sein Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die Rolle als globale Nuklearmacht sowie seine Position als Regionalmacht in der postsowjetischen Region. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde Russland zum wichtigsten Stabilisator für viele Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Auch wenn es selbst zunehmend Konflikte in seinem eigenen Interesse nutzte und schürte, war kein anderer Staat bereit, in regionale Konflikte einzugreifen. 

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Ländern wie Kasachstan, Georgien oder Moldau noch mal deutlich gemacht, wie gefährlich es ist, zu nah bei Russland zu sein.

Die Russen unterhalten eine Militärbasis in Tadschikistan, einem Nachbarland Afghanistans, und wichtige Handelsrouten von Drogen über Russland nach Europa. Ebenso verfügt Moskau über Truppen in einer armenischen Militärbasis, mit denen es lange Zeit dafür gesorgt hat, dass es zu keinem größeren militärischen Konflikt Armeniens mit Aserbaidschan gekommen ist. Dabei hat die russische Führung zunehmende territoriale Konflikte in Georgien, Aserbaidschan und Moldau genutzt, um diese Länder unter Kontrolle zu behalten und eine Integration mit Nato und EU zu verhindern.

Der Krieg und die westlichen Sanktionen haben die Kosten für Waffen und Munition erhöht

Während Russland von vielen Ländern dieser Region lange Zeit als Sicherheitsdienstleister angesehen und auch von Europa als Stabilisator anerkannt wurde, empfinden es seine Nachbarn vor allem seit 2022 immer stärker als Sicherheitsrisiko. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Ländern wie Kasachstan, Georgien oder Moldau noch mal deutlich gemacht, wie gefährlich es ist, zu nah bei Russland zu sein. Wir beobachten verstärkt Balancing-Strategien dieser Länder, verbunden mit der Suche nach alternativen Handelspartnern und -routen sowie im Falle Moldaus einer Integration mit der EU. Russland musste aufgrund der enormen Verluste an Soldaten und militärischem Material in der Ukraine Truppen und Waffensysteme aus seinen Militärbasen in Tadschikistan, Armenien und den von ihm besetzten georgischen Regionen Abchasien und Südossetien abziehen und in die Ukraine verlagern. Das hat seine militärischen Fähigkeiten in diesen Ländern geschwächt und nebenbei dazu geführt, dass Bergkarabach von Aserbaidschan vollständig erobert werden konnte. Russland hatte in dieser Region seit einem Waffenstillstandsabkommen nach dem zweiten Bergkarabach-Krieg 2020 zeitweise bis zu 2000 Mann international nicht anerkannter Friedenstruppen stationiert. Diese sollten den seit Jahrhunderten dort lebenden Karabach-Armeniern Schutz bieten. Russland konnte oder wollte diese Menschen jedoch nicht schützen, was dazu führte, dass sie 2023 von Aserbaidschan gewaltsam vertrieben wurden.

Der Krieg und die massiven westlichen Sanktionen haben nicht nur Russlands Wirtschaft geschwächt sowie die Kosten für Waffen und Munition erhöht. Sie führen zu einer Interessenverschiebung Russlands in der postsowjetischen Region und zu einer Schwächung seiner Verhandlungsposition gegenüber diesen Staaten und externen Akteuren. Russland braucht neue Märkte für Öl und Gas, alternative Handelsrouten und-partner zu Europa. Der Südkaukasus ist zu einer wichtigen Handelsroute Russlands nach Iran und weiter nach Indien geworden. Iran war vor allem am Anfang des Ukrainekriegs ein wichtiger Partner Russlands mit Blick auf Waffenlieferungen und insbesondere Drohnen. Der Handel mit dem Land ist deshalb wichtiger geworden. Moskau braucht gute Beziehungen zu Aserbaidschan und Georgien, um seine Produkte über diese Nord-Süd-Route zu exportieren.

Im Sommer 2024 hat Putin zwei Tage in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku verbracht, was die Bedeutung des Landes für Russland zeigt. Seit Beginn des Krieges hat der russische Präsident die zentralasiatischen Staaten so oft bereist wie nie zuvor. Der Südkaukasus sowie zentralasiatische Länder wie Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan sind wichtige Partner bei der Umgehung von Sanktionen. Das verbessert ihre Verhandlungsposition gegenüber Moskau. Erkennbar wird dies in einem wachsenden Selbstbewusstsein bei Gipfeln mit den zentralasiatischen Führern, wo diese nicht mehr russisch, sondern in ihren nationalen Sprachen mit Putin kommunizieren. Länder wie Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan versuchen bei ihren Handelsbeziehungen zu Europa mit dem Mittelkorridor über das Kaspische Meer und den Südkaukasus Russland zu umgehen. Russlands Pipelineinfrastruktur und Häfen sind zu Zielen ukrainischer Angriffe geworden, und Moskau hat immer wieder versucht, Druck auf Länder wie Kasachstan auszuüben, und zeitweise den Export von Öl nach Europa unterbrochen.

Ein wichtiger Trend in Zentralasien ist die wachsende regionale Kooperation. Ähnlich wie im Südkaukasus waren Konflikte zwischen den einzelnen Staaten immer ein Einflussmittel Russlands. Während Moskau einerseits als Vermittler in Konflikten auftrat, nutzte und schürte es diese, um die Länder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu halten. Jetzt stimmen sich die Länder Zentralasiens auf regionalen Gipfeln ohne Russland enger ab in Sachen Wirtschaftskooperation, Nutzung von Ressourcen wie Wasser oder bei der Verbesserung der regionalen Infrastruktur. Kirgistan und Tadschikistan haben 2025 ein Grenzabkommen unter Vermittlung Usbekistans abgeschlossen, das einen jahrzehntelangen Grenzkonflikt beendet. Außerdem arbeiten die Länder verstärkt nicht nur mit China zusammen, sondern auch mit der EU, den USA, der Türkei und arabischen Staaten. Im Südkaukasus hat Aserbaidschan im zweiten Bergkarabach-Krieg militärisch bereits eng mit der Türkei zusammengearbeitet. Israel ist ein wichtiger Waffenlieferant für das Land, während Russlands Bedeutung in diesem Bereich weiter sinkt. Selbst in Armenien, das über lange Zeit seine Waffen maßgeblich aus Russland bekommen hat, wurde Moskau durch Indien als wichtigster Waffenlieferant abgelöst. Grundsätzlich verliert die russische Militärindustrie durch die Versorgung der eigenen Armee mit Waffen und Munition für den Ukrainekrieg seine traditionellen Märkte an Länder wie China und Indien.

Der Wachsende Einfluss von Drittstaaten in den postsowjetischen Regionen ist ein weiterer Trend, der Russlands Schwäche zeigt. Es verliert seine dominante Stellung und wird zu einem von mehreren einflussreichen Akteuren. Der Türkei kommt hierbei inzwischen eine Schlüsselposition im Südkaukasus zu; auch in Zentralasien ist das Land ökonomisch und politisch verstärkt aktiv. Mit der Organisation der Turkstaaten hat Ankara eine Plattform für Zentralasien und Aserbaidschan geschaffen, um die regionale Kooperation voranzubringen. Iran hat lange Zeit die russische Vormacht im Südkaukasus anerkannt, ist jetzt aber ebenfalls aktiver in der Region, weil Russland die Machtbalance nicht mehr halten kann und der Nato-Staat Türkei, die EU und die USA mehr Engagement vor Ort zeigen. Teheran tritt als Unterstützer Armeniens gegen die militärische Dominanz Aserbaidschans in der Region auf. Armenien und Aserbaidschan haben inzwischen ohne russische Beteiligung ein Friedensabkommen ausgehandelt, das seit einem Treffen der beiden Staatsführer mit Donald Trump im August 2025 von den Vereinigten Staaten abgesichert werden soll. Russland kann nur dabei zusehen, wie seine Gegner und Partner gleichermaßen in seinem „traditionellen Hinterhof“ an Einfluss gewinnen - vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Es gibt einen wachsenden Einfluss von Drittstaaten in den postsowjetischen Regionen

Auch die EU nimmt seit 2022 keine Rücksicht mehr auf Russland in der gemeinsamen Nachbarschaft. Ihre Mitgliedstaaten sind die wichtigsten Waffenlieferanten und Finanziers der kriegsgeplagten Ukraine geworden, zudem hat Moskau die Europäer als wichtigste Abnehmer für Öl und Gas verloren – und verkauft jetzt mit massiven Preisnachlässen seine Rohstoffe vor allem nach China und Indien. Die EU hat der Ukraine, Moldau und Georgien eine Beitrittsperspektive angeboten, um sie aus der Grauzone zwischen Russland und der EU zu holen, und kürzlich sogar eine Schwarzmeerstrategie beschlossen, die Europa in dieser Schlüsselregion mehr Bedeutung geben wird. In diesem Zusammenhang wurden zum ersten Mal auch sicherheitspolitische Ziele für das Schwarze Meer definiert; vom nächsten Jahr an soll massiv in alternative Handelsrouten Richtung Zentralasien und Asien über den Südkaukasus investiert werden.

Es ist aber vor allem China, das an Einfluss in Russlands traditionellem Machtraum gewinnt. Peking ist zum wichtigsten Handelspartner praktisch aller zentralasiatischen Staaten aufgestiegen. Es baut Infrastruktur im Kaspischen Meer in Kasachstan sowie im Schwarzen Meer vor Georgiens Küste und hat Freihandelsabkommen mit mehreren Staaten beider Regionen abgeschlossen. Peking ist inzwischen nicht nur zum wichtigsten Wirtschaftspartner vieler dieser Länder aufgestiegen, sondern auch in den Bereichen Technologie und Sicherheit: Die Chinesen stellen Internet-und Überwachungstechnologien für autoritäre Staaten zur Verfügung, bieten kostenlose Trainings für Grenztruppen und Sicherheitskräfte der zentralasiatischen Staaten an und verkaufen die entsprechende Sicherheitstechnologie gleich mit. China ist auf dem Weg, wichtigster Lieferant für Elektroautos in dieser Region zu werden, womit es auch die Technologieplattformen bestimmt. Russland gerät beim Wettbewerb um die Zukunftstechnologien merklich ins Hintertreffen. Dasselbe gilt für den Bereich Künstliche Intelligenz – nicht zuletzt aufgrund der Abwanderung vieler russischer IT-Spezialisten im Zusammenhang mit den westlichen Sanktionen seit 2022. Die Abhängigkeit Russlands von chinesischer Technologie wächst deshalb mit jedem Tag: ein Albtraum für russische Sicherheitsorgane, denen technologische Souveränität immer besonders wichtig war. Mittlerweile häufen sich Fälle chinesischer Spionage, die durch die Übernahme dortiger Technologie erleichtert werden.

Nicht nur verliert Russland zunehmend an Verhandlungsposition gegenüber postsowjetischen Eliten, sondern vor allem auch an Einfluss auf die Gesellschaften dieser Länder. Die Solidarität mit der Ukraine in der gesamten Region ist überdeutlich, antikolonialistische Diskurse gewinnen an Bedeutung. Ich selbst habe während der vergangenen Jahre bei Reisen nach Georgien, Usbekistan und Kasachstan immer wieder
erlebt, wie viel Sympathie die Menschen dort für die ukrainische Bevölkerung haben und wie stark sie die russische Aggression ablehnen. In Georgien versucht derzeit der Oligarch Bidsina Iwanischwili mit russischer Unterstützung, über seine Partei „Georgischer Traum“ ein autoritäres Regime zu konsolidieren. In diesem Zusammenhang hat das georgische Parlament russische Gesetze übernommen, um eine unabhängige Zivilgesellschaft, freie Medien und politische Gegner zu unterdrücken. Russland ist mit seinen Sicherheitsorganen im Land aktiv und hilft dem „Georgischen Traum“ beim Machterhalt.

Seit der massiv gefälschten Parlamentswahl im Oktober 2024 gehen Menschen jeden Tag auf die Straße, um gegen diese Entwicklung und russische Einflussnahme zu demonstrieren. Gleichzeitig wollen mehr als 80 Prozent der Georgier sich in die EU integrieren; um das Image Russlands ist es trotz massiver prorussischer Propaganda schlecht bestellt. Überall in der georgischen Hauptstadt Tiflis sind ukrainische Fahnen und antirussische Graffiti zu sehen. Der „Georgische Traum“ erlebt mit seiner antieuropäischen Pro-Russland-Politik einen Legitimationsverlust und schränkt die Opposition massiv ein. Der Versuch der Regierung, das Land von seinem europäischen Weg abzubringen, kann nur durch Repression, Massenentlassungen aus Schlüsselinstitutionen und Wahlfälschung erreicht werden.

Die ukrainische Gesellschaft wiederum hat Moskau mit seinem brutalen Angriffskrieg ohnehin praktisch vollständig verloren. Kein Land war historisch und gesellschaftlich so eng mit Russland verbunden; jetzt erfolgt eine Konsolidierung der ukrainischen Identität gegen Russland. Selbst Menschen mit russischen Wurzeln oder solche, die bisher nur Russisch gesprochen haben, wechseln oder lernen Ukrainisch. Die Orangene Revolution 2004 und der Euromaidan von 2013/2014 zielten in erster Linie darauf ab, sich aus dem russischen Einflussraum zu lösen, der mit Korruption, informellen Strukturen und schlechter Regierungsführung verbunden wird. Und die aktuellen Enthüllungen machen zwar deutlich, dass Korruption in der Ukraine nach wie vor ein strukturelles Problem ist – sie zeigen aber auch, dass staatliche und gesellschaftliche Institutionen trotz des andauernden Krieges dagegen ankämpfen. Seit 2022 ist für die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Gesellschaft klar, dass keine Integration mit Russland mehr möglich und Neutralität keine Option ist. Zu einem Status quo ante kann das Land nicht mehr zurückkehren, eine Versöhnung mit Russland ist mindestens für eine Generation nach Kriegsende keine Option.

Aber auch global verliert Russland an Einfluss. In Syrien konnte Moskau nicht mehr verhindern, dass sein langjähriger Partner Baschar al Assad von Rebellengruppen gewaltsam aus dem Amt entfernt wurde. Russland kam seinem militärischen Partner Iran nicht zu Hilfe, als Israel mit US-amerikanischer Unterstützung dessen Atomanlagen bombardierte. Und auch in Afrika, wo der Kreml mit der paramilitärischen Wagner- Gruppe versucht hat, auf Kosten der USA und Frankreichs an Einfluss zu gewinnen und Rohstoffe auszubeuten, verlieren die inzwischen in die Armee integrierten Söldner aufgrund ihres brutalen Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung und wegen begrenzter militärischer Erfolge an Rückhalt. Wenn Moskau seine Militärbasen in Syrien nicht halten kann, wird es seine Afrikaoperationen in der aktuellen Form ohnehin nicht weiterführen können. Hinzu kommt, dass ein Drittel der russischen Schwarzmeerflotte von den Ukrainern zerstört worden ist; diese musste sich aus ihren wichtigen Häfen in Sewastopol und Noworossijsk zum Teil zurückziehen, um nicht noch mehr Schiffe zu verlieren. Russland konnte auch nicht verhindern, dass die Ukraine mit militärischen Mitteln erneut eine Handelsroute durch das Schwarze Meer etablieren konnte.

Zum ersten Mal in der neueren Geschichte des Südkaukasus gibt es dort keinen Hegemon, der die Geschicke der Region von außen bestimmt.

Alle diese Entwicklungen zeigen den relativen Einflussverlust Russlands in seiner Nachbarschaft und auf der ganzen Welt. Natürlich bleibt Moskau auch weiterhin ein wichtiger Akteur in vielen Regionen, aber es wird zunehmend von Drittstaaten herausgefordert und muss gegenüber den postsowjetischen Staaten Kompromisse eingehen wie nie zuvor. Es hat seine Rolle als entscheidender Akteur bei der Entwicklung einer regionalen Sicherheitsordnung verloren und steht immer stärker in Konkurrenz zu Staaten wie China oder der Türkei. Zum ersten Mal in der neueren Geschichte des Südkaukasus gibt es dort keinen Hegemon, der die Geschicke der Region von außen bestimmt.

Russland existiert neben den USA als größte globale Nuklearmacht und übt weiterhin Einfluss auf seine Nachbarn aus – insbesondere militärisch und im Energiesektor. Aber die betroffenen Staaten lösen sich wegen der relativen Schwäche Russlands sukzessive aus diesen Abhängigkeiten. Moskau fehlt es an Ressourcen und an Strahlkraft, um die globale Ordnung zu gestalten. Es tritt als disruptiver Akteur auf, der versucht, über militärische Mittel oder hybride Einflussnahme weiterhin Macht auszuüben und Länder unter Kontrolle zu halten. Aber genau das verstärkt die Absicherungsstrategien seiner postsowjetischen Nachbarn.

Russland wird nach diesem Krieg geschwächt sein – mit einem Präsidenten, der keine Ideen für die Zukunft seines Landes hat, einer demografischen sowie wirtschaftlichen Krise, die vor allem China für sich nutzen wird. Technologisch sind die Russen kaum wettbewerbsfähig, es fehlt an ausländischen Investitionen. Und das Land schottet sich weiter ab.

Für Deutschland und Europa bedeutet das: Russland wird auf absehbare Zeit gefährlich bleiben. Der Abstieg dieses großen Nachbarn muss bewältigt werden, doch dafür braucht es eine mittel- bis langfristige Russlandstrategie. Ziel sollte es jedenfalls sein, einem gewandelten Russland perspektivisch die Integration in Europa zu ermöglichen. Auch und gerade deshalb sollten wir bei der Unterstützung der Ukraine nicht nachlassen – denn es ist das Schlüsselland für die Zukunft Russlands und Europas.

Bibliografische Angaben

Meister, Stefan. “Bestenfalls ein Pyrrhussieg.” January 2026.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 28. Januar 2026 bei Cicero veröffentlicht.

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