„Kalt, distanziert und von der Gesellschaft abgeschottet“

14 Fragen zum französischen Bildungssystem an Olivier Giraud

26. July 2018 - 0:00

DGAP-Interview, Juli 2018

Kategorie: Bildung, Frankreich

Im Interview mit Sara Jakob vom Programm Frankreich/deutsch-französische Beziehungen der DGAP erläutert der Bildungsforscher Olivier Giraud die Stärken und Schwächen des französischen Bildungssystems und analysiert dessen Eignung, soziale Inklusion zu fördern und Chancengleichheit herzustellen. Olivier Giraud ist Politikwissenschaftler, Forschungsdirektor am CNRS und Co-Direktor des LISE (Laboratoire interdisciplinaire pour la sociologie économique), Paris.

© REUTERS/Gonzalo Fuentes

Die französische Republik beruht auf dem Versprechen der Gleichheit für alle Bürgerinnen und Bürger. Doch das Bildungssystem setzt diesen Anspruch schon seit Jahren nicht um. Die Testergebnisse der französischen Schülerschaft aus der PISA-Studie entsprechen insgesamt mehr oder weniger dem OECD-Mittelwert. Aber die Abstände zwischen den stärksten und den schwächsten Schülerinnen und Schüler zählen zu den höchsten aller untersuchten Länder. Dabei sind unzureichende Lernerfolge ein Grund für soziale Ausgrenzung.

Der Arbeitsmarkt in Frankreich ist durch eine hohe Arbeitslosigkeit im Allgemeinen und insbesondere unter Jugendlichen gekennzeichnet. Im Januar 2018 lag sie bei 21,7 Prozent. Insbesondere Jugendliche, die als sozial benachteiligt beschrieben werden, und/oder junge Menschen mit Migrationshintergrund haben es schwer, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2016 zum Berufseinstieg von jungen Menschen, die 2013 die Schule verlassen haben, zeigt, dass acht von zehn Jugendlichen mit geringem Bildungsniveau mit einem befristeten Arbeitsverhältnis ihr Berufsleben begonnen haben. Nach drei Jahren im Berufsleben arbeiten 39 Prozent der für die Studie Befragten mit einem befristeten Vertrag, unter den jungen Menschen ohne berufsqualifizierendes Diplom waren es 65 Prozent. Von denjenigen Befragten, die arbeitslos waren, waren mit 49 Prozent knapp die Hälfte geringqualifiziert. Diejenigen mit einem höheren Bildungsabschluss waren weniger betroffen (19 Prozent der Befragten mit Abitur; 10 Prozent der jungen Menschen mit Hochschulabschluss).1

Das Problembewusstsein in Bezug auf Ungleichheit und ihre gesellschaftlichen Konsequenzen ist über die Jahre gewachsen. Die Regierung unter Premierminister Edouard Philippe hat bereits Reformen im Bildungssystem durchgeführt und plant weitere.

Wie würden Sie die Besonderheiten des französischen Bildungssystems beschreiben?

Frankreich hat ein sehr integratives Schulsystem von der Grundschule bis zum Abitur – sogar eines der integrativsten in Europa. Das belegen internationale Vergleiche, wie sie etwa die Europäischen Kommission in Auftrag gibt. Fast alle dreijährigen Kinder besuchen die Vorschule. Annähernd 80 Prozent der Schüler einer Altersstufe legt das Abitur ab. Der Preis für dieses Symbol, ein nahezu allgemeines Abitur, war eine starke Ausdifferenzierung der höheren Schulbildung: Neben den anspruchsvolleren allgemeinbildenden und technischen Oberschulen führen auch Berufsschulen zum Abitur. Die französische Entscheidung für ein integriertes Schulwesen steht im krassen Gegensatz zu dem von Deutschland und anderen nord- und kontinentaleuropäischen Ländern weitgehend immer noch beschrittenen Weg, die Schülerinnen und Schüler am Ende der Grundschule oder im Verlauf der Mittelstufe nach ihren Leistungen zu selektieren. Dort ist Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Zugang zu den angesehensten Bildungszweigen noch stärker erschwert als in Frankreich.

Was charakterisiert das französische Bildungssystem noch, welches Image hat die Schule in Frankreich?

Qualitative Untersuchungen bescheinigen dem französischen Bildungssystem ein kaltes, distanziertes und von der Gesellschaft abgeschottetes Image. In Frankreich konzentriert sich die Schule in erster Linie auf Wissensvermittlung. Die übrigen Aspekte des Lebens der Kinder und Jugendlichen, insbesondere ihre Kultur, wird in der Schule vernachlässigt. Man kann sagen, dass die französische Bildungstradition bisher zu wenig an die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt angepasst wurde.

Eine der ersten Maßnahmen der Regierung Philippe soll das schulische Versagen bekämpfen und den Erwerb der Grundfähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen sichern. Was ist Ihrer Ansicht nach das Hauptproblem des französischen Bildungssystems?

Insbesondere die Vergleichsindikatoren der OECD belegen eine Tendenz zur wachsenden Polarisierung im französischen Schulsystem. So bewegen sich etwa die im Rahmen der PISA-Studie in Frankreich erhobenen Testergebnisse der Schülerinnen und Schüler insgesamt mehr oder weniger im OECD-Mittel. Aber die Abstände zwischen den stärksten und den schwächsten Schüler/innen zählen zu den höchsten aller untersuchten Länder. Diese Polarisierungstendenz wirkt sich schädlich auf die sozial am stärksten benachteiligten Schichten aus.

Wie wirkt sich diese Polarisierungstendenz genau aus?

Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen Familien haben ein dreimal höheres Risiko, in der Schule zu scheitern. Eine Studie der OECD aus dem Jahr 2015 zeigt, dass das Schulversagen in Frankreich insgesamt innerhalb von neun Jahren von 15 auf 20 Prozent angestiegen ist. Rund 140.000 Jugendliche verlassen jährlich das französische Schulsystem, ohne irgendeinen Abschluss erlangt zu haben. Das geschieht zu einem Zeitpunkt, da der Zugang zum Arbeitsmarkt für junge Erwachsene in Frankreich generell mit großen Schwierigkeiten verbunden ist.

Wie ist in diesem Zusammenhang die Situation von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund?

Sie ist besonders kompliziert. In Frankreich sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in besonderem Maße von den durch das Schulsystem erzeugten Polarisierungseffekten betroffen. So verließen 2015 23 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen das französische Schulsystem mit einem niedrigen Bildungsabschluss.

Welche Unterschiede zu Deutschland gibt es?

Mehr als ein Drittel derselben Gruppe erlangt in Frankreich einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss, fast dreimal so viele wie in Deutschland. Von den Migranten ab der zweiten Generation erreicht in Frankreich darüber hinaus fast die Hälfte einer Altersstufe einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss, eine im Vergleich zu Deutschland um 50 Prozent bessere Leistung. Das bedeutet etwa, dass in Frankreich Schüler mit maghrebinischen Wurzeln wesentlich höhere Chancen auf Zugang zu anerkannten Bildungszweige – Abitur und im Anschluss Universität – haben als türkischstämmige Kinder und Jugendliche in Deutschland. Wie meine Kollegin Ingrid Tucci festgestellt hat, gibt es allerdings in Frankreich mehr Jugendliche mit maghrebinischem Migrationshintergrund, die eine problematische Schullaufbahn haben als dies für die türkischstämmige Vergleichsgruppe in Deutschland der Fall ist.

Bedeutet das, dass sich Jugendliche mit Migrationshintergrund öfter weder in Ausbildung befinden noch arbeiten?

Ja, der Anteil der 15- bis 34-Jährigen, die zur Gruppe der sogenannten „NEET“ (Not in Education, Employment or Training) gehören, ist ein aussagekräftiger Indikator für diese Schwierigkeiten, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. In Frankreich zählen 22,6 Prozent der jungen Männer und 23,9 Prozent der jungen Frauen mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen zur Gruppe der „NEET“ (s. Tabelle), was fünf beziehungsweise sieben Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt liegt. Deutschland ist in dieser Hinsicht deutlich besser aufgestellt. Lediglich Finnland oder Spanien weisen noch schlechtere Werte auf. Bezogen auf junge Menschen, die zur zweiten Einwanderergeneration zählen, steht Frankreich besser da. Der Anteil der „NEET“ in der Gruppe der 15- bis 34-Jährigen liegt unter dem OECD-Durchschnitt.

Tabelle: Anteil der „NEET“ (Not in Education, Employment or Training, nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schule) in der Gruppe der jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund

 

Im Inland Geborene mit zwei im Ausland geborenen Elternteilen (in %)

Im Inland Geborene mit zwei im Inland geborenen Elternteilen (in %)

 

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Frankreich

22,6

23,9

12,4

16,0

Deutschland

10,8

14,7

7,2

11,4

Spanien

35,1

34,5

26,9

26,6

Finnland

37,5

33,9

20

17,7

Schweden

13,7

13,8

10,9

11,2

OECD-Durchschnitt

15,3

18

14,7

18,7


Quelle: OECD 2015. Integration von Zuwanderern: Indikatoren 2015, Tabelle 13.20 (http://dx.doi.org/10.1787/888933217743).

Nun ist es in Frankreich fast schon Tradition, dass jede neue Amtszeit einer Regierung Bildungsreformen beinhaltet. Haben sie bisher zu mehr Chancengleichheit beigetragen?

In Frankreich wird für die soziale Durchmischung an Schulen viel weniger getan als in anderen Staaten. Die traditionelle französische Schulbezirkskarte, „Carte Scolaire“ genannt, die den Zugang der Kinder und Jugendlichen zu den Schulen in Abhängigkeit von ihrem Wohnsitz regelt, wurde bis 2007 sehr strikt befolgt. Seither durchgeführte Reformen, die für die leistungsstärksten Schulen Anreize schaffen sollten, Schüler und Schülerinnen aus den ärmeren Wohnbezirken – oftmals mit Migrationshintergrund – aufzunehmen, haben keine nennenswerten Effekte erzielt.

Woran liegt es, dass Reformen bislang kaum grundlegende Änderungen gebracht haben?

Erstens erschwert die französische Tradition des Laizismus eine öffentliche Debatte über das Thema der herkunftsbedingten Diskriminierung, da diese häufig mit Fragen der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit verknüpft ist.

Zweitens ist schlicht jedwede Form einer unterschiedlichen Behandlung von Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit in Frankreich tabu.  Und die US-amerikanische Praxis der „affirmative action“ – die in der französischen Debatte unter dem Begriff der discrimination positive, der positiven Diskriminierung, firmiert – wirkt regelrecht abschreckend. Diese generelle Ablehnung erklärt zweifellos zu einem Großteil, weshalb die bisher gewählten Instrumente zur Förderung der sozialen Durchmischung in Frankreich nur schwache Wirkung zeigen.

Welche Instrumente waren das?

In Frankreich werden Schulen in sozialen Brennpunkten seit 1981 besonders gefördert, um zu verhindern, dass sich soziale und schulische Problemlagen auf spezifische Gebiete konzentrieren. Die wesentlichen Instrumente waren bislang zusätzliche finanzielle Mittel, um Nachhilfeunterricht anzubieten und um Klassen zu verkleinern. Jüngste Studien belegen eher das Scheitern dieser Politik – vor allem, weil Klassengrößen in Schulen aus sozialen Brennpunkten unzureichend reduziert wurden, nämlich nur um zwei Kinder pro Klasse. Zum Scheitern trug auch die mangelnde pädagogische Erfahrung der dort beschäftigten Lehrkräfte bei, wie ein Bericht des Nationalen Rats zur Evaluierung des Schulsystems CNESCO (Conseil National d’Evaluation du Système Scolaire) von Ende 2016 feststellt.

Wie schätzen Sie die Entscheidung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein, seit dem Schuljahr 2017/18 Klassen in Grundschulen in sozial benachteiligten Gebieten auf zwölf Kinder zu verkleinern?

Das ist ein wichtiges Signal. Die neue französische Regierung scheint fest entschlossen, die öffentlichen Mittel so umzuverteilen, dass die sozial Schwächsten in ihrem schulischen Werdegang unterstützt werden. Derzeit kann man noch nicht grundlegend beurteilen, ob diese Entscheidung tatsächlich ein wirksames Mittel ist, um schulisches Versagen zu bekämpfen.

Welche weiteren Veränderungen wünschen Sie sich?

Der Nationale Rat zur Evaluierung des Schulsystems empfiehlt in seinem Bericht, das pädagogische Fachwissen der Lehrkräfte zu stärken. Insbesondere sollte ihre kontinuierliche Weiterbildung gewährleistet sein und pädagogische Modellprojekte sollten unterstützt werden. Dieses Empowerment der schulischen Akteure halte ich für wichtig. Der Bildungsminister Jean-Michel Blanquer scheint jedoch den Mitarbeitern des nationalen Bildungswesens kein besonders großes oder ausreichendes Vertrauen entgegenzubringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die politischen Entscheidungsträger den Bildungseinrichtungen mehr Gestaltungsspielraum geben, sei es auf Ebene der Schulverwaltung auf nationaler Ebene oder der Schulen, ist deshalb relativ gering.

Welche weiteren Reformprojekte der Regierung gibt es im schulischen Bereich?

Die Regierung hat schon einige Wahlversprechen gehalten. So gibt es neben den kleineren Klassen seit Kurzem auch extra Stunden für ältere Schüler und Schülerinnen im Collège für Hausaufgabenhilfe oder andere Lernhilfen. Im Jahr 2021 wird das französische Abitur zum ersten Mal nach neuen Vorgaben durchgeführt werden. Es soll in Bezug auf die Durchführung der Prüfungen vereinfacht werden und im Hinblick auf die Fächerwahl mehr Spielraum für individuelle Vorlieben der jungen Erwachsenen bieten.

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen dieser Vorhaben ein?

In Frankreich sind die Widerstände gegen eine Veränderung an den Schulen zahlreich und stark. Widerstände können auf allen Ebenen auftreten, von der Ebene des Verwaltungsapparats und einzelner Schulen bis hin zu den Gemeinden. Ihre Zustimmung ist stets notwendig, wenn es um die Festlegung der Schulbezirke und -einzugsgebiete geht. Auch die Eltern und ihre repräsentativen Verbände können einem Wandeln im Weg stehen, etwa wenn sie sich gegen eine Umverteilung der Mittel von den reicheren hin zu den ärmeren Bildungseinrichtungen wehren. Ausgerechnet die vergangenen Schulreformen, genauer gesagt ihre zu große Häufigkeit und mangelhafte Umsetzung, sind jedoch ein wichtiger Grund für die schwierige Situation. Sowohl das Verwaltungspersonal als auch die Lehrkräfte sind die Geschwindigkeit und das wiederholte Scheitern der einander ablösenden Reformen leid, die stets aufs Neue intensive Abstimmung, inhaltliche Veränderungen, Umstellungen auf Verwaltungsebene und organisatorische Veränderungen vor Ort notwendig machen. Bei den vielen derzeit geplanten Maßnahmen kommt es also stark auf die Umsetzung und den politischen Willen der Regierung an.


Weitere Informationen und Literatur

  • Quelle: OECD 2015. Integration von Zuwanderern: Indikatoren 2015, Tabelle 13.20 (http://dx.doi.org/10.1787/888933217743)
  • CNESCO (Conseil National d’Evaluation du Système Educatif Scolaire), Inégalités sociales et migratoires – Comment l’école amplifie-t-elle les inégalités?, rapport scientifique, Paris, 2016. (deutsch etwa: Soziale und migrationsbedingte Ungleichheit  –  wie die Schule sie verstärkt)
  • Commission européenne/EACEA/Eurydice, Structure des systèmes éducatifs européens 2016/17: diagrammes. Eurydice Faits et chiffres. Luxembourg: Office des publications de l'Union européenne. (Auf Deutsch erschienen unter dem Titel: Struktur der europäischen Bildungssysteme 2016/17: Diagramme)
  • OCDE, France – Vers un système d’éducation plus inclusif en France?, Série ‘Politiques meilleures’. Paris, OCDE, 2015. (deutsch etwa: Frankreich –  Auf dem Weg zu einem inklusiveren Bildungssystem?)
  • OCDE, Note par pays – France – Résultats de l’enquête PISA, 2015. Paris, OCDE, 2016. (Ländernotiz Frankreich –  Ergebnisse der PISA-Studie)
  • Ingrid Tucci, Ariane Jossin, Carsten Keller, Olaf Groh-Samberg, L’entrée sur le marché du travail des descendants d’immigrés : une analyse comparée France-Allemagne, in: Revue française de sociologie, n°3, volume 54, 2013, S. 567-596. (deutsch etwa: Nachkommen von Einwanderern und ihr Zugang zum Arbeitsmarkt: Frankreich und Deutschland im Vergleich)
  • Ingrid Tucci, Analyse comparée de parcours scolaires de descendants d’immigrés en France et en Allemagne, in: Revue Française de Pédagogie, 191, 2015, http://rfp.revues.org/4746 (deutsch etwa: Vergleichende Analyse des schulischen Werdegangs der Nachkommen von Einwanderern in Frankreich und in Deutschland)
 
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