Kommentar

26. Januar 2021

Lehren aus der Pandemie

Stärkung der globalen Krisenvorsorge

Die Gesundheits-Krisenvorsorge wird 2021 eine zentrale Rolle auf der Agenda der internationalen Foren spielen. Gemeinsame Aufgabe ist es, die globale Gesundheitsarchitektur zu verbessern und krisenfester zu machen. Dabei wird es auf ein abgestimmtes und sektorübergreifendes Vorgehen der verschiedenen Akteure ankommen, um das Vertrauen in das multilaterale System zu stärken. So wie die Pandemie alle Bereiche des Lebens erfasst, wird auch die Antwort darauf eine gemeinsame sein müssen.

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Kommentar Lehren aus der Pandemie
Tests auf Covid 19 in einem Labor
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Wenige Monate bevor die Welt mit dem neuartigen Corona-Virus konfrontiert wurde, stellte das Global Preparedness Monitoring Board (GPMB) im September 2019 am Rand der VN-Generalversammlung seinen ersten Bericht zum Zustand der weltweiten Vorsorge für Gesundheitskrisen und Pandemien vor. Der Co-Vorsitzende des GPMB und damalige Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, El Hadj As-Sy, erklärte, die Welt müsse den Kreislauf von „panic and neglect“, Panik und Nachlässigkeit, unterbrechen, der den Umgang der internationalen Gemeinschaft mit Gesundheitskrisen kennzeichnet. Die Welt reagiert mit Panik auf den Ausbruch von Epidemien und, sobald der unmittelbare Krankheitsausbruch bewältigt ist, werden notwendige vorsorgende Maßnahmen zur Prävention künftiger Krisen vernachlässigt. Ein solches Reaktionsmuster erleben wir auch in dem gegenwärtigen Umgang mit der akuten Pandemie in vielen Ländern.

Aber 2021 birgt Chancen: Neben der Bekämpfung der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie und ihren Auswirkungen, wie den Fragen von Impfstoffverteilung und Mobilität, wird in diesem Jahr das Thema Pandemic Preparedness eine zentrale Rolle in der globalen Gesundheitspolitik spielen und auf der Tagesordnung verschiedener internationaler und multilateraler Foren stehen.

Im Mai 2021 vor der diesjährigen Weltgesundheitsversammlung (WHA) wird der Bericht des Independent Panel on Pandemic Preparednes and Response (IPPR) zur Evaluierung der globalen Reaktion auf Covid-19 und die Lehren daraus für künftige Pandemien veröffentlicht. Die Versammlung der Mitgliedstaaten der WHA hatte im Mai 2020 eine solche Überprüfung der Krisenreaktion einstimmig gefordert. Das IPPR wurde im Spätsommer 2020 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einberufen. Die ehemalige neuseeländische Premierministerin Helen Clark und die ehemalige liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf wurden zu Vorsitzenden des internationalen Gremiums ernannt. Neben der akuten Pandemiereaktion und Reform der WHO wird der IPPR-Bericht ein Top-Thema der diesjährigen WHA sein.

Die Pandemie-Vorsorge und -Prävention ist eine Aufgabe, bei der alle zusammenwirken müssen.

Der britische Premier Boris Johnson kündigte an, die Gesundheitsvorsorge zum zentralen Thema des diesjährigen britischen G7-Vorsitzes zu machen und verkündete einen Fünf-Punkte-Plan mit dem Ziel, die Menschheit vor weiteren Pandemien zu schützen. Neben einem verstärkten Blick auf das Risiko von zoonotischen Krankheiten und verbessertem Informationsaustausch darüber (Ziel: Fachpolitik- und Organisationen-übergreifender Ansatz durch WHO, Welternährungsorganisation, Weltorganisation für Tiergesundheit, Umweltprogramm der Vereinten Nationen, u.a. – sogenannter One-Health-Ansatz) sowie der verbesserten globalen Koordinierung von Impfstoffentwicklung, Behandlung und Diagnostik gehört dazu u.a. auch die Entwicklung von Frühwarnsystemen für potentielle Gesundheitskrisen. Der britische G7-Vorsitz wird bei seinen Überlegungen auch auf die Ergebnisse des IPPR-Berichts aufbauen. Der G7-Gipfel soll im Sommer 2021 stattfinden.

Parallel dazu plant auch der italienische G20-Vorsitz, das Thema Covid-19-Pandemie und deren Auswirkungen in verschiedenen Ministerformaten und auf dem G20-Gipfel Ende Oktober 2021 in den Fokus zu stellen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Folgen der Pandemie für die Umsetzung der Agenda 2030 und die Stärkung der Gesundheitssysteme gelegt. Dazu dienen die Treffen der Außenminister und Minister für Entwicklungszusammenarbeit vom 28. bis 30. Juni, das Treffen der Gesundheitsminister am 5. und 6. September und der Gipfel der Staats- und Regierungschefs der G20 am 30. und 31. Oktober 2021.

Wichtig bei allen Überlegungen zur Gesundheitskrisenvorsorge wird das sektorenübergreifende Zusammenwirken sein, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachpolitiken, aber auch unterschiedlicher Akteure wie Regierungen gemeinsam mit den Vereinten Nationen, internationalen Organisationen, der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor. Die Pandemie-Vorsorge und -Prävention ist eine Aufgabe, bei der alle zusammenwirken müssen.

Am 14. September 2020 hat das GPMB seinen zweiten Bericht veröffentlicht, der ganz im Zeichen der Pandemie steht. Darin sprechen die Mitglieder Empfehlungen aus und rufen zu einer konzertierten Aktion der Weltgemeinschaft auf, robuste Strukturen zur Vorsorge von Gesundheitskrisen zu schaffen: „Nationale Führungspersönlichkeiten, die Weltgesundheitsorganisation, die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen entwickeln Vorhersagemechanismen zur Bewertung der multisektoralen Vorsorge .... und demonstrieren die Kapazität und Agilität der gesundheitlichen Notfallvorsorgesysteme und deren Funktionieren innerhalb von Gesellschaften.“

Es muss darauf geachtet werden, dass die Überlegungen und Vorschläge der verschiedenen Foren ineinandergreifen und sich ergänzen. Die Kohärenz des Vorgehens der unterschiedlichen Akteure ist wesentlich, um das notwendige Vertrauen in das multilaterale System zu stärken. Die Rückkehr der USA auf die multilaterale Bühne und der Wille der neuen US-Administration, sich wieder in der WHO zu engagieren, sind ein wichtiger Schritt. Nur unter Einbindung aller Akteure und der USA als weltweit größtem Akteur in globaler Gesundheit wird eine Reform der globalen Gesundheitsarchitektur gelingen.

Dadurch dass das Thema Pandemic Preparedness eine zentrale Rolle auf der Tagesordnung multilateraler Foren spielt, besteht die Aussicht, dass die Weltgemeinschaft aus der Covid-19-Pandemie Lehren zieht und die Vorsorge verbessert; aber nur, wenn den Überlegungen auch konkrete Maßnahmen folgen. Beschleunigter Informationsaustausch, verbesserte Mechanismen zur Impfstoff- und Medikamentenentwicklung sowie -verteilung, Aufbau von Diagnostik- und Testkapazitäten, Entwicklung von Frühwarnsystemen – eingebettet in die Stärkung von Gesundheitssystemen weltweit – sind Schlüssel für den Erfolg einer effektiveren Krisenvorsorge.

 

Bibliografische Angaben

DGAP Kommentar Nr. 3, 26. Januar, 2021, 3 Seiten

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