Memo

21. Jan. 2026

„Go East“: Für eine ­engere ­Allianz zwischen der EU und der Transpazifischen Partnerschaft

Dr. Claudia Schmucker
Klemens Kober
Minoru Kiuchi, Maros Sefcovic, 04.2025
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Im aktuellen geoökonomischen Umfeld braucht die EU neue Allianzen. Hier bieten sich die zwölf Staaten der Transpazifischen Partnerschaft als verlässliche Partner an. Der engere Dialog sollte 2026 neben multilateralen Initiativen auch auf bilateraler Ebene in den Bereichen digitaler Handel und Lieferkettenresilienz Fortschritte bringen. Die Zeichen stehen gut, um als Koalition den regelbasierten Handel auszubauen und somit Auswirkungen der machtbasierten Handelspolitik von China und den USA abzumildern.

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Am 17.01.2026 kündigte die US-Regierung Zölle in Höhe von 10 Prozent gegen Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, die Niederlande und Schweden an. Die Zölle sollen im Juni auf 25 Prozent erhöht werden, bis es eine „Einigung über den vollständigen Erwerb von Grönland“ gibt. Diese handelspolitische Eskalation verdeutlicht, dass die EU dringend ihre globalen Partnerschaften ausbauen muss, um nicht zum Spielball anderer Akteure zu werden.

Bereits am 20. November 2025 unterzeichneten der europäische Handelskommissar Maroš Šefčovič und die Vertreter der zwölf Staaten der Transpazifischen Partnerschaft, der CPTPP, (Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership) einen Handels- und Investitionsdialog für eine engere Zusammenarbeit (Melbourne Statement). Das ist ein wichtiges Signal. Denn in der aktuellen geoökonomischen Lage, die von Zollabschottung und wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen dominiert wird, braucht die EU verlässliche Partner und Allianzen, um die globalen Handelsbeziehungen auszubauen und den regelbasierten Handel zu schützen. Die zwölf CPTPP-Staaten – Australien, Brunei, Kanada, Chile, ­Japan, Malaysia, Mexiko, ­Neuseeland, Peru, Singapur, das Vereinigte Königreich und Vietnam – bieten sich dabei als wichtigste globale und gleichgesinnte Partner an. 

Zusammen stehen die EU und die zwölf CPTPP-Länder für 37 Prozent des Welthandels – mehr als die USA und China zusammen. Die wirtschaftlichen Potenziale der Boomregion sollten also Grund genug sein, um enger zusammenzuarbeiten. Daneben gilt es, gemeinsam mit gleichgesinnten Staaten globale Zukunftsstandards und moderne Handelsregeln zu entwickeln. Durch die protektionistische und geoökonomische Handelspolitik der USA und die zunehmende Anwendung von wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen von Seiten Chinas kommt zudem eine neue Dynamik hinzu: Die Notwendigkeit von „Koalitionen der Willigen“ zum Erhalt des Welthandelssystems gegen das Recht des Stärkeren. 

Um diese Ziele zu erreichen, ist politischer Einsatz auf höchster Ebene der insgesamt 39 EU- sowie der CPTPP-Staaten nötig. Auch die Bundesregierung sollte sich dafür stark machen. Das vorliegende Memo untersucht, in welchen Bereichen 2026 eine engere Zusammenarbeit vielversprechend und zukunftsweisend ist – sowohl auf multilateraler als auch auf bilateraler Ebene.

Das Welthandelssystem unter Druck

Die neue Hochzollpolitik der USA und die verschiedenen „US-Trade-Deals“, die mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) nicht vereinbar sind, markieren einen Epochenbruch im Welthandelssystem. Darunter fällt auch der sogenannte „Turnberry Deal“, der im Juli 2025 zwischen der EU und den USA vereinbart wurde. Wie die Zollankündigungen in Bezug auf Grönland zeigen, wird sich die neue handelspolitische Realität auch 2026 fortsetzen, geprägt von Unsicherheit, Protektionismus und dem Recht des Stärkeren – mit negativen Folgen für die europäische Wirtschaft. Diese ist aufgrund ihrer Exportabhängigkeit stark angewiesen auf offene Märkte, faire und transparente Regeln sowie deren Durchsetzung. Als Staatengemeinschaft, deren Grundlage auf verbindlichen Normen fußt, muss die EU die Stärke des Rechts verteidigen, auf der auch der europäische Binnenmarkt beruht.

Hierfür bietet sich eine enge Koalition zwischen EU und CPTPP besonders an. Der CPTPP beitreten sollte die EU aber nicht – damit würde sie zum „Rule Taker“ werden, indem sie etwa im Digitalbereich Regulierungsansätze übernehmen müsste, die ursprünglich die USA in die Transpazifische Partnerschaft verhandelt haben. Stattdessen sollte sich die EU den Anspruch eines „Rule Makers“ erhalten.

Konkrete Ziele für 2026

1. Koalition der Willigen: gegen Protektionismus, für eine moderne WTO

Deutschland und die EU sind stark in die globalen Lieferketten integriert und somit in hohem Maße abhängig von einem transparenten und regelbasierten Handelssystem unter dem Dach der WTO. Um zu verhindern, dass ein ungezügelter Protektionismus um sich greift, ist aktuell eine Koalition für den Freihandel nötig. Eine solche sollte die EU mit der Transpazifischen Partnerschaft (CPTPP) anführen – ohne dabei die WTO zu untergraben.

Ein erster Schritt wäre ein sogenanntes „Stillhalteabkommen“, in dem sich die EU und die Transpazifische Partnerschaft verpflichten, untereinander weiterhin WTO-Recht und WTO-Prinzipien wie Meistbegünstigung anzuerkennen und keine regelwidrigen Zölle anzuwenden. Dies würde für dringend benötigte Planungssicherheit sorgen. Elementar wäre auch eine Vereinbarung zum Verzicht auf wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen. Dies betrifft insbesondere Exportrestriktionen auf sensible Güter in den Bereichen Energie, kritische Rohstoffe, Medizin und Lebensmittel. Ergänzend dazu sollten staatliche Transparenz- und Notifizierungspflichten bei Exportkontrollen verstärkt werden – etwa in Form eines Verhaltenskodexes. Diese EU-CPTPP-Koalition sollte nach einer internen Konsolidierung und Festlegung auf gemeinsame Handlungsprinzipien als offenes Forum mittelfristig auch anderen gleichgesinnten Ländern offenstehen, die den regelbasierten Handel stärken wollen. Mit der Unterzeichnung des EU-Mercosur-Abkommens bieten sich die vier lateinamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay als Kooperationspartner an. 

Auf dieser Basis sollte zusätzlich eruiert werden, ob die EU und die CPTPP weitere plurilaterale Initiativen in die WTO einbringen können, um auch hier Fortschritte für dringend benötigte Reformen zu erzielen. Die 14. Ministerkonferenz (MC14) im März 2026 in Kamerun wäre ein geeigneter Rahmen für neue Initiativen. Relevante Themen wären insbesondere Industriepolitik sowie Nachhaltigkeit: Durch marktverzerrende Praktiken vor allem in China besteht für die EU akuter Handlungsbedarf, Lücken im WTO-Regelwerk zu schließen, um weiterhin Industrieproduktion und Arbeitsplätze in Europa zu erhalten. Ebenso zeigt sich am Beispiel der CO2-Bepreisung ganz aktuell, dass internationale Zusammenarbeit in Nachhaltigkeitsfragen zielführender ist und weniger Handelskonflikte erzeugt als unilaterale Maßnahmen.

2. „EU-CPTPP Trade and Investment Dialogue“ als neues Forum für moderne Welthandelsregeln

Im November 2025 starteten die EU und die CPTPP den ersten gemeinsamen „Trade and Investment Dialogue“. Im Fokus stehen dabei Handelsdiversifizierung, digitaler Handel, Handels- und Investitionserleichterungen, Lieferkettenresilienz sowie die Zukunft des regelbasierten Handelssystems. Dies muss 2026 weiter vorangetrieben werden, vor allem bei digitalem Handel und Lieferkettenresilienz.

a. Digitaler Handel

Digitaler Handel ist essenziell für die EU: Sie ist weltweit der größte Exporteur von Dienstleistungen, von denen 48% digital erbracht werden. Aufgrund bestehender Digitalvereinbarungen bietet sich für beide Seiten die Chance, schnell konkrete Ergebnisse zu erlangen. Wichtig für alle sind ein Verbot von Digitalzöllen – insbesondere bei einer möglichen Nichtverlängerung des WTO-E-Commerce-Moratoriums –, die Stärkung von Rechtssicherheit mit Blick auf Technologietransfer und Lokalisierungsvorgaben, der Konsumenten- und Datenschutz sowie Handelserleichterungen durch E-Rechnungen und E-Unterschriften. Gerade hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen, etwa im KI- und Quantenbereich, wären regulatorische Kooperationsformate wichtig, die es der EU ermöglichen, in Zukunft noch bei der Gestaltung globaler Zukunftsstandards mitzuentscheiden.

b. Lieferkettenresilienz

In der heutigen geoökonomischen Realität wird das Thema Resilienz der Lieferketten für die EU und CPTPP immer wichtiger, gerade in strategisch wichtigen Sektoren wie Halbleiter, Mikroelektronik, aber auch Seltenen Erden, Medizin und Nahrungsmittel. Hier bieten sich abgestimmte Herangehensweisen bei EU-CPTPP an. Dies könnte zunächst auf einen engeren Informationsaustausch in Form eines Frühwarnmechanismus sowie generell stärkeren Transparenzmaßnahmen für Regulatorik in relevanten Bereichen hinauslaufen. In einem zweiten Schritt sollten verbindliche Vereinbarungen avisiert werden, die Exportrestriktionen auf sensible Güter in den Bereichen Energie, kritische Rohstoffe, Medizin und Lebensmittel verbieten. 

Nächste Schritte 2026 für Deutschland und die EU

Die Abwendung der USA von einer engen transatlantischen Partnerschaft verdeutlicht, dass sich Deutschland und die EU 2026 dringend um neue Partnerschaften und Allianzen bemühen müssen. Die Ratszustimmung zum EU-Mercosur-Abkommen unter Führung der Bundesregierung hat der EU zwar Aufwind gegeben, allerdings gilt es, diesen nun auch wie folgt zu nutzen:

Mit der vollen Unterstützung Deutschlands muss die EU den Turbo in den bilateralen Handelsabkommen mit ASEAN-Staaten einlegen. Die Verhandlungen mit Thailand, Malaysia, den Philippinen und Australien sollten zeitnah abgeschlossen und das Abkommen mit Indonesien bald ratifiziert werden. 

Mittelfristig sollte eine Überführung dieser bilateralen Abkommen in ein EU-ASEAN-Abkommen avisiert werden. Dabei ist insbesondere das Thema der Kumulierung von Ursprungsregeln wichtig. So könnten regionale Lieferketten enger mit der EU verbunden werden.

Zusätzlich sollte sich Deutschland 2026 dafür einsetzen, die Handels- und Entwicklungspolitik stärker zu verzahnen und dafür auch die Global Gateway-Initiative stärker auf die Region fokussieren. 

Mit einer starken Stimme für den regelbasierten Handel kann Deutschland die EU dabei unterstützen, in einem zunehmend raueren Umfeld eine relevante Gestaltungskraft der Weltwirtschaft zu bleiben.

Bibliografische Angaben

Schmucker, Claudia, and Klemens Kober. “„Go East“: Für eine ­engere ­Allianz zwischen der EU und der Transpazifischen Partnerschaft .” German Council on Foreign Relations. January 2026.

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