Memo

04. März 2026

Europa ohne die USA? Schlecht, aber möglich

Dr. Karl-Heinz Kamp
European Group of Five (E5) Februar 2026
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Eine Auflösung der NATO wäre eine Katastrophe, sowohl für Europa als auch für die USA. Allerdings wird Europa sich mit dem Gedanken einer weitgehenden Abkopplung Amerikas vertraut machen müssen. In einem solchen Fall wären die europäischen NATO-Partner sehr wohl in der Lage, eine eigene Verteidigung gegenüber einem Russland aufzubauen, das im Niedergang begriffen ist. Europa verfügt über wirtschaftliche Stärke, die finanziellen Mittel und die rüstungsindustrielle Basis, um diesen Schritt in den kommenden Jahren zu leisten. Es erfordert allein den politischen Willen. 

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Zumindest ein transatlantischer Eklat konnte auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz vermieden werden. War im Vorjahr US-Vizepräsident JD Vance den europäischen Verbündeten noch mit Verachtung begegnet, klang US-Außenminister Marco Rubio im Ton diesmal deutlich konzilianter. In der Sache aber präsentierte auch er die Idee eines weißen und nationalistischen „Westens“, der mit den meisten europäischen Vorstellungen der transatlantischen Gemeinschaft nur wenig gemein hat. Deshalb muss der überschwängliche Applaus des Publikums für Rubio auch eher nach einem europäischen „Stockholm-Syndrom“ geklungen haben als nach Erleichterung über ein gekittetes Verhältnis. Die transatlantische Lücke ist nicht kleiner geworden. 

Allerdings zeigten europäische Regierungsvertreter – allen voran Bundeskanzler Friedrich Merz – diesmal mehr Selbstvertrauen in die Fähigkeit Europas, künftig militärisch auf eigenen Füßen stehen zu können. Man wolle, so der Tenor, den europäisch-amerikanischen Sicherheitsverbund nicht aufkündigen, zumal eine Verbesserung der Beziehungen nach der Amtszeit Donald Trumps nicht unwahrscheinlich ist. Man will aber sehr wohl auch für diesen Fall – ob wahrscheinlich oder nicht – gewappnet sein. Wie berechtigt ist ein solches Selbstbewusstsein und wie ist es um die Verteidigung Europas gegenüber einem aggressiven Russland bestellt?

Europa allein zu Haus?

Ohne Zweifel wäre ein endgültiger Bruch der transatlantischen Sicherheitsbeziehungen eine Katastrophe, weil es vermutlich das Ende der NATO als erfolgreichste Sicherheitsallianz der Geschichte bedeuten würde. Auch die USA selbst würden Schaden nehmen, da der Weltmachtstatus nicht nur von militärischen Fähigkeiten abhängt, sondern auch von tragfähigen Bündnissystemen. 

Aber selbst wenn die USA das Nordatlantische Bündnis aufkündigen sollten, gibt es seit einigen Monaten Anzeichen für vorsichtigen Optimismus, wenn es um die Verteidigung Europas gegenüber Russland geht. Moskaus militärische Fähigkeiten zum Angriff und Europas Kapazitäten zur Abschreckung und Verteidigung sind nämlich nicht statisch, sondern entwickeln sich sehr dynamisch in gegensätzliche Richtungen. Russlands militärische und wirtschaftliche Lage verschlechtert sich mit jedem Tag, an dem in der Ukraine gekämpft wird, während sich Europas Verteidigungsfähigkeit langsam, aber stetig verbessert. 

Russlands Schwächen erkennen

Während die russische Wirtschaft in den ersten beiden Kriegsjahren eine bemerkenswerte Resilienz zeigte, scheint mit dem Jahr 2024 der Zenit überschritten zu sein. Das Wirtschaftswachstum, das ohnehin vor allem von der Rüstungsindustrie getragen war, tendiert gegen null. 2025 sanken die Einnahmen durch Öl- und Gasverkäufe um 24 Prozent und für 2026 wird mit einem Rückgang um weitere 46 Prozent gerechnet. Daraus ergibt sich ein gewaltiger fiskalischer Druck, da Energieeinkünfte mehr als ein Viertel des russischen Staatshaushalts ausmachen und der Ölpreis trotz der aktuellen Iran-Krise aufgrund des internationalen Überangebots weiter sinken wird. Investitionen fließen fast nur noch in der Rüstungsindustrie, wodurch die zivile Wirtschaft erheblich zurückgeworfen wird und Russland etwa im Bereich der Hochtechnologie kaum noch eine Rolle spielt. Die westlichen Sanktionen haben bei aller Unvollkommenheit, gemäß einer Studie des britischen Außenministeriums, Russland bis Mitte 2025 mindestens 450 Milliarden US-Dollar an kriegsfinanzierenden Mitteln entzogen. 

Hinzu kommt die politische Schwächung durch den Verlust wichtiger Verbündeter wie Syrien, Venezuela und möglicherweise Iran, sowie die sichtbar begrenzte Leistungsfähigkeit russischer Waffensysteme, welche Russlands Rolle als internationaler Waffenexporteur deutlich schwächt.  Der eigene Anspruch als Großmacht und die wirtschaftlichen und politischen Realitäten klaffen immer weiter auseinander. 

Militärisch hatte Russland stets einen Vorteil bei den Landstreitkräften, sowohl mit Blick auf die Personalstärke als auch die Feuerkraft oder die Munitionsbevorratung. Hinzu kommt eine stärkere Mobilisierungsfähigkeit und eine größere Toleranz gegenüber Opferzahlen. Zwar haben die Europäer qualitative Vorteile bei der Waffentechnik und der Ausbildung der Soldaten, diese können die Schwächen bei der Anzahl einsatzfähiger Großwaffen aber nicht ausgleichen. Allerdings lässt der Krieg gegen die Ukraine auch die russischen Waffenbestände schmelzen, da der Vorrat an eingelagerten (älteren) Systemen, die nach Modernisierung wieder auf das Gefechtsfeld geschickt werden, sich dem Ende zuneigt.

Bei den Luftstreitkräften ist Europa sowohl quantitativ als auch qualitativ überlegen. Gleichzeitig weist Europa deutliche und bekannte Schwächen bei den Munitionsvorräten und der Luftverteidigung auf. Auch bei den Seestreitkräften haben die Europäer klare Vorteile, wobei die lückenhafte U-Boot-Abwehr oder die Verteidigung gegen hybride Gefahren, etwa mit Blick auf die Sicherheit von Untersee-Kabeln, immer noch problematisch sind. 

In der Domäne „Weltraum“ ist Russland von den westlichen Sanktionen besonders stark betroffen – entsprechend gelten russische Weltraumsysteme inzwischen als technologisch überholt. Im Gegenzug verfügt Europa mit Galileo über ein zuverlässiges Positionierungs-System, das weiterentwickelt wird und die strategische Unabhängigkeit vom amerikanischen Global Positioning System (GPS) stärkt.

Dies bedeutet weder, dass mit einem völligen Kollaps der Wirtschaft zu rechnen ist, noch das Russland den Krieg in der Ukraine nicht weiterführen kann. Die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage wird propagandistisch kompensiert und die hohen Opferzahlen – derzeit wird von etwa 1,3 Millionen Toten und Verwundeten ausgegangen – haben offenbar keinen Einfluss auf das Regierungshandeln. 

Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass Russland, neben dem Ersatz für die Verluste im Krieg, große militärische Potenziale für einen Angriff auf NATO-Territorium aufbauen kann. Hierfür dürfte eine Wirtschaft, deren nominelles Bruttoinlandsprodukt etwa demjenigen Italiens entspricht und das tendenziell weiter sinkt, kaum in der Lage sein.

Europas Stärken nutzen

Ungeachtet der Klagen über die wirtschaftliche Stagnation und Reformstau ist die Europäische Union nach wie vor die weltweit zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Das Bruttoinlandsprodukt der europäischen NATO-Staaten plus Kanada ist mit etwa 25 Billionen US-Dollar mehr als zehnmal größer als das von Russland. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine erhebliche militärische Aufrüstung sind also grundsätzlich gegeben. 

Politisch haben die meisten Europäer die Weichen in die entsprechende Richtung gestellt. Folglich haben sich die europäischen Verteidigungsausgaben (einschließlich Kanada) zwischen 2023 und 2025 mit rund 580 Milliarden US-Dollar nahezu verdoppelt. Dies schlägt sich in einer sichtbaren Stärkung der militärischen Fähigkeiten nieder, obgleich aufgrund der langjährigen Vernachlässigung noch erhebliche Lücken bleiben. Diese können aber schrittweise geschlossen werden, wenn der Aufwuchs der Verteidigungsausgaben bis zum Ende des Jahrzehnts fortgeführt wird und auch militärisch wichtige Länder wie Frankreich ihren Beitrag dazu leisten. Darüber hinaus sind Verbesserungen bei der rüstungsindustriellen Basis oder dem Streitkräfteaufwuchs erforderlich. 

Fazit

Eine Auflösung der NATO wäre für Europa wie für die USA eine sicherheitspolitische Zäsur mit gravierenden Folgen; zugleich muss sich Europa auf eine mögliche weitgehende strategische Abkopplung von den Vereinigten Staaten einstellen. In einem solchen Szenario wären die europäischen NATO-Staaten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke, finanziellen Ressourcen und rüstungsindustriellen Basis grundsätzlich in der Lage, eigenständig eine glaubwürdige Verteidigung gegenüber einem geschwächten Russland aufzubauen.

Für Deutschland ergeben sich daraus drei Folgerungen: 

Erstens muss die deutliche Steigerung der Investitionen in die Verteidigung verstetigt werden. Das wird Umschichtungen im Haushalt zulasten anderer Ausgaben erfordern, da sich weitere Schulden verbieten. Diese Investitionen müssen beispielsweise in den Munitionsbevorratung fließen, wo Deutschland noch weit von dem in der NATO geforderten 30-Tage-Vorrat entfernt ist (bei der Artilleriemunition reichen die Bestände gerade einmal für ein bis zwei Tage intensiver Gefechte).

Zweitens muss die Personalstärke der Bundeswehr deutlich erhöht werden. Das wird nicht ohne eine Rückkehr zur Wehrpflicht möglich sein. Das bisherige Modell der Wahlfreiheit ist den Sensibilitäten innerhalb der Koalition geschuldet, ist aber gemessen am Bedarf nicht zukunftsfähig. 

Drittens muss die Ukraine nicht nur weiter unterstützt, sondern auch stärker in die europäische Sicherheitsordnung integriert werden – nicht nur als politisches Signal, sondern auch, weil sie über eine hochinnovative Rüstungsindustrie verfügt. Hiervon würde auch die deutsche Verteidigungswirtschaft profitieren. 

Europäische Selbstbehauptung ist möglich, aber sie zeigt sich nicht in Forderungen nach einem gemeinsamen europäischen Flugzeugträger oder dem Ruf nach einer gemeinsamen Atommacht, sondern im politischen Willen, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen und Haushaltsprioritäten zu ändern. 

Bibliografische Angaben

Kamp, Karl-Heinz. “Europa ohne die USA? Schlecht, aber möglich.” DGAP Memo 16 (2026). German Council on Foreign Relations. March 2026.
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