Nur wenige Wochen vor dem ersten Jahrestag seiner Amtseinführung lieferte Trump Analysten und Journalisten, die versuchten, die Flut seiner Maßnahmen zu einer „Trump-2.0“-Außenpolitik zu verdichten, selbst den begrifflichen Rahmen. Auf einer Pressekonferenz nach der Entführung Nicolás Maduros und seiner Frau aus Venezuela am 3. Januar verkündete Trump persönlich die „Donroe-Doktrin“ – seine ganz persönliche Fortschreibung der Monroe-Doktrin von 1823. Diese war ursprünglich Teil einer Rede, in der Präsident James Monroe die europäischen Mächte aufforderte, sich aus der westlichen Hemisphäre herauszuhalten. Die Aktualisierung dieser Doktrin war bereits vor Trumps zweiter Amtsübernahme angedacht und wurde nun in der im Dezember veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie niedergeschrieben, wo wiederholt auf die „Trump-Neuinterpretation“ der Monroe-Doktrin verwiesen wird.
Der Kern von Trumps Außenpolitik lässt sich nach wie vor am treffendsten mit einem Zitat eines Mitarbeiters des Weißen Hauses aus Trumps erster Amtszeit beschreiben, das Jeffrey Goldberg in The Atlantic veröffentlichte: „We’re America, bitch.“ In seiner ersten Amtszeit wurde Trumps Außenpolitik jedoch durch eine Vielzahl von Amtsträgern mit konservativeren außenpolitischen Instinkten eingehegt und umgelenkt – wie tausende Seiten an Recherchen und Augenzeugenberichten dokumentieren. Doch wie zuvor erwähnt, ist die Lage diesmal eine andere. Gestützt auf einen inneren Zirkel loyaler Gefolgsleute und Gleichgesinnter ist Trump nun entfesselt und wird durch Berater wie den stellvertretenden Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, sogar bestärkt. In einem Interview im Juni 2025 brachte Trump selbst den Unterschied zwischen seiner ersten und zweiten Amtszeit auf den Punkt: „Beim ersten Mal hatte ich zwei Aufgaben – das Land zu führen und zu überleben; ich hatte all diese korrupten Typen … Beim zweiten Mal führe ich das Land und die Welt.“
Das Ergebnis ist ein unverhohlenes außenpolitisches Vorgehen, das – soweit es überhaupt noch Werte kennt – an die nationalistisch-christlich geprägten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts anknüpft und explizit auf rohe amerikanische Dominanz und Gewinnabschöpfung ausgerichtet ist. Angesichts der strategischen Lage Grönlands in der westlichen Hemisphäre, Trumps anhaltender Begehrlichkeit und der Hybris, die sein „Erfolg“ in Venezuela erzeugen könnte, muss die Regierung in Berlin dazu beitragen, dass die EU auf die Donroe-Doktrin reagiert. Auch wenn es weiterhin unwahrscheinlich ist, dass Trump zu einer militärischen Invasion Grönlands bereit ist, muss die Bundesregierung die Zusammenarbeit in der Ukraine-Frage fortsetzen und zugleich Trumps expansiven Vorstellungen in Europa entschieden entgegentreten.
Die Donroe-Doktrin weist drei zentrale Elemente auf:
1. Missachtung internationaler Gepflogenheiten: Frühere US-Regierungen haben zumindest einen gewissen Wert darauf gelegt, internationales Recht und internationale Normen einzuhalten beziehungsweise zu befolgen. Selbst in Fällen, in denen die Rechtfertigungen für Invasionen dünn oder konstruiert waren (etwa die angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen), wurden Anstrengungen unternommen, eine rechtliche Grundlage zu formulieren und die Unterstützung von Verbündeten zu gewinnen. Donald Trump und andere führende Vertreter seiner Regierung – darunter Kriegsminister Pete Hegseth, Vizepräsident JD Vance und der stellvertretende Stabschef Stephen Miller – zeigen sich offen verächtlich gegenüber dem, was Miller kürzlich als „internationale Feinheiten“ bezeichnete. Die militärische Operation in Venezuela liegt durchaus im Rahmen von Maßnahmen, die frühere US-Präsidenten seit den 1950er-Jahren gelegentlich ergriffen haben. Neu ist jedoch, dass Trump keinerlei Versuch unternimmt, dieses Vorgehen in internationale Regeln und Normen einzubetten oder zu rechtfertigen – insbesondere vor dem Hintergrund seiner offenen Fixierung auf Venezuelas Öl.
2. Muskelbepackter Merkantilismus: Trumps Fokus auf Nullsummenlogik im Handel und auf Gewinnmaximierung ist eines der konstantesten Elemente seiner Außenpolitik. Handelsbilanzen begreift er als Punktetafeln nationalen Erfolgs. Wie zuletzt seine Äußerungen zur „Sicherung“ des venezolanischen Öls für amerikanische Unternehmen zeigen, ist sein Merkantilismus imperialer Natur und bekennt sich offen zur Nutzung militärischer Überlegenheit für ökonomische Zwecke. Während Miller und Außenminister Marco Rubio das Vorgehen gegen Maduro sicherheitspolitisch rahmten, erwähnte Trump dessen Verbindungen zu Iran, Russland und China kaum. Stattdessen betonte der Präsident den Reichtum, den die Vereinigten Staaten „aus dem Boden holen“ würden.
3. Unverhohlenes Kurzfristigkeitsdenken: Trumps Außenpolitik ist auf schnelle Erfolge ausgerichtet. Anders als frühere US-Präsidenten fühlt er sich weder durch mögliche Folgewirkungen zweiter oder dritter Ordnung gebunden noch durch Fragen von Demokratie und Menschenrechten. Er ist bereit, kühne und rücksichtslose Schritte zu gehen, weil er sich weder für globale Stabilität noch für die Einhaltung von Normen verantwortlich fühlt. Ihm geht es allein darum, heute zu „gewinnen“. Weitere für Europa besonders problematische Merkmale der Donroe-Doktrin – etwa ihre Inkonsistenz und ihre Geringschätzung von Bündnissen – resultieren aus diesem Kurzfristigkeitsdenken und dieser Sorglosigkeit. Die einzige angemessene Antwort Europas ist nun flexible Bereitschaft. Auch wenn Trump nicht jede Idee oder Ankündigung des Tages umsetzt, können unüberlegte Schritte nicht ausgeschlossen werden.
Folgen einer möglichen Rückkehr zu Einflusssphären für Europa
Eine mögliche Schlussfolgerung aus der Donroe-Doktrin ist, dass wir in eine Welt der Einflusssphären zurückkehren, in der Russland, China und die Vereinigten Staaten die Kontrolle über ihre jeweiligen Regionen unter sich aufteilen. Berichten zufolge treiben russische Online-Einflussoperationen diese Vorstellung mit gewissem Erfolg im rechten Spektrum der USA voran. Ich halte diese Lesart jedoch für zu stark vereinfacht.
Stephen Millers Äußerungen auf CNN nach der Venezuela-Operation deuten nicht auf eine Bereitschaft hin, China Einflussräume zu überlassen. Er erklärte, die Vereinigten Staaten seien „eine Supermacht“ und würden sich auch … wie eine Supermacht verhalten … Es ist absurd, dass wir zulassen würden, dass ein Land in unserem eigenen Hinterhof Ressourcenlieferant unserer Gegner ist, aber nicht unserer selbst.“ Ja, die Donroe-Doktrin zielt – wie die Monroe-Doktrin – darauf ab, potenzielle Gegner aus der westlichen Hemisphäre fernzuhalten. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, ihren Einfluss in Regionen nahe China oder Russland aufzugeben, insbesondere wenn diese wirtschaftlich bedeutsam sind. Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Weder die Nationale Sicherheitsstrategie noch jüngste Äußerungen von Miller, Trump oder Rubio enthalten bislang Hinweise darauf, dass die Trump-Regierung bereit wäre, Asien oder Europa chinesischer oder russischer Dominanz zu überlassen. Bislang ähnelt die Donroe-Doktrin eher einer klassischen US-Dominanzstrategie plus unverhohlener Gewinnabschöpfung – abzüglich des üblichen Anspruchs auf Ordnung oder Demokratie.
Ob eine derart merkantilistische Dominanzstrategie ohne starke Bündnisse und ohne Unterstützung internationaler Systeme mittel- oder langfristig erfolgreich sein kann, ist eine andere Frage – und eine, die diese Regierung aus meiner Sicht entweder beiseiteschiebt oder falsch einschätzt. Für die Regierungen in Europa bedeutet dies: Sie müssen nicht befürchten, dass Trump Putins Ansprüche auf Dominanz über NATO-Territorium unterstützt. Sie können sich aber im Gegenzug auch nicht darauf verlassen, dass sich Trump für europäische Anliegen – etwa in der Ukraine-Frage – aus Prinzip einsetzt. Sie müssen stets darlegen können, warum jede konkrete Forderung auch einen Gewinn für Washington beinhaltet.
Die Donroe-Doktrin und Europa
Die Stabilisierung Venezuelas wird kein einfaches Unterfangen. Das macht die Donroe-Doktrin – und insbesondere den Anspruch, das Land faktisch zu „führen“ – zu einem riskanten Unterfangen für die Trump-Regierung. Doch trotz der Ablehnung sogenannter „ewiger Kriege“ innerhalb der MAGA-Bewegung unterstützt eine Mehrheit der Trump-Wähler ein robustes militärisches Engagement der USA. Eine am 1. Dezember vom konservativen Manhattan Institute veröffentlichte Umfrage unter republikanischen Wählern kommt zu dem Ergebnis, dass „ganze 72 Prozent der Republikaner mit einer positiven Haltung gegenüber [dem prominenten Skeptiker militärischer Interventionen aus dem MAGA-Lager] Tucker Carlson einen proaktiven, militärisch offensiven Ansatz unterstützen“. Entsprechend fiel die Kritik aus dem MAGA-Lager an der Intervention in Venezuela entweder zurückhaltend aus (Carlson) oder blieb ganz aus (JD Vance, der stattdessen Unterstützung signalisierte).
Solange sich die Lage in Venezuela nicht so weit zuspitzt, dass größere Vorsicht geboten erscheint, werden Republikaner die Donroe-Doktrin weitertragen – und Europa wird mit den Folgen umgehen müssen.
Was die Donroe-Doktrin für Grönland – und die EU – bedeutet
Auch wenn eine militärische Invasion Grönlands und die Gefangennahme des autoritären Präsidenten Venezuelas sehr unterschiedliche Szenarien sind, muss sich die Bundesregierung hierzulande auf die schlimmstmögliche Ausprägung der Donroe-Doktrin vorbereiten.
Die beiden gemeinsamen Erklärungen zur Betonung der Autonomie Grönlands – eine von Deutschland und sechs weiteren europäischen Staaten, die andere von den fünf nordischen Ländern – waren ein guter Anfang. Nun sollte die Bundesregierung gemeinsam mit den Regierungen Dänemarks und der 13 europäischen Staaten, die diese Erklärungen unterzeichnet und unterstützt haben, eine gemeinsame Antwort auf eine mögliche (wenn auch unwahrscheinliche) überraschende Annexion Grönlands vorbereiten und zugleich – wie in den Erklärungen zugesagt – die amerikanischen Sicherheitsinteressen in Bezug auf das Gebiet adressieren. Letzteres ist entscheidend.
Insbesondere sollten die politischen Führungen dieser europäischen Staaten ein Set konkreter Antworten vereinbaren, von denen einige öffentlich und geschlossen kommuniziert werden sollten. Parallel dazu sollten sie hinter den Kulissen den Kontakt zu republikanischen Verbündeten im US-Kongress und in der Trump-Regierung suchen. Anschließend sollte weiter das Tagesgeschäft angegangen werden – einschließlich der Zusammenarbeit rund um die Zukunft der Ukraine. Die Regierung in Berlin muss zeigen, dass sie vorbereitet ist und sich nicht einschüchtern lässt.
Bislang haben nahezu alle Akteure in der Trump-Regierung – darunter Rubio und Trumps Sondergesandter für Grönland Jeff Landry – erklärt, dass Washington auf eine Zustimmung Grönlands zu einem Kauf oder einer Annexion setzt. Das bedeutet, dass Grönland trotz Trumps Getöse mit sehr hoher (wenn auch nicht absoluter) Wahrscheinlichkeit selbst über sein Schicksal entscheidet. Die EU muss geschlossen und entschlossen handeln, um ihre Chancen zu erhöhen, dass sie dasselbe künftig auch von sich behaupten kann.