Die Europäische Union steht vor der Herausforderung, ihre technologische Souveränität zu behaupten. Während sie weltweit Standards setzt, und viele Hightechprodukte „Made in EU“ sind, ist sie laut dem 2024 erschienenen Draghi-Report „bei über 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen, Infrastruktur strukturell von Anbietern außerhalb der EU abhängig“.
Die sich rasant verbreitende, weltweite Nutzung von KI-Anwendungen aus den USA und China verstärkt derzeit den Handlungsbedarf im Bereich digitale Souveränität. Neben sicherheits- und industriepolitischen Maßnahmen wie dem Cybersecurity Act 2 und dem EU-Paket zur technologischen Souveränität vom Juni 2026 sind digitale Handelsabkommen entscheidend, damit sich die EU weltweit behaupten kann. Dabei geht es vor allem um drei Ziele: (1) vertrauenswürdige Lieferketten, (2) neue Marktchancen und (3) die Verbreitung europäischer Standards.
Dieses Memo untersucht, wie digitale EU-Handelsabkommen bereits wirken, und welche Maßnahmen noch fehlen, um die europäische digitale Souveränität zu stärken.
Handelspolitische Schwerpunkte der EU bei Digitalthemen
Digitaler Handel ist komplex; es gibt keine weltweit vereinbarte Definition. Generell werden darunter Güter- und Dienstleistungstransaktionen verstanden, die durch elektronische Mittel bestellt oder bereitgestellt werden. Digitaler Handel macht bereits ein Viertel des Welthandels aus. Dabei braucht sich die EU nicht verstecken: Sie ist der größte Dienstleistungsexporteur der Welt, und 48 Prozent dieser Dienstleistungen werden digital erbracht.
Die EU hat inzwischen 45 Handelsabkommen mit 80 Ländern in Kraft und damit die Hälfte des bilateralen Handels abgesichert. Angesichts der rasanten Digitalisierung ist es jedoch wichtig, dass die EU auch dem digitalen Handel einen verlässlichen Rahmen gibt, um ihre technologische Souveränität zu stärken. Dabei verfolgt sie drei grundsätzliche Ziele:
1. Die EU will sichere und vertrauenswürdige Lieferketten mit verlässlichen Partnern aufbauen, auch um einseitige Abhängigkeiten von den USA und China zu reduzieren. Durch Abkommen, die beispielsweise auf Halbleiter und Quantentechnologie fokussiert sind, will sich die EU den Zugang zu wichtigen Technologien sichern und die Lieferketten resilienter gestalten. Grundlegend hierfür ist das Verbot von Zöllen auf elektronische Übertragungen.
2. Die EU will der europäischen Hightechindustrie zur weltweiten Wettbewerbsfähigkeit verhelfen, indem sie Marktöffnung sowie Technologiekooperation mit Drittstaaten vereinbart und neue Wirtschaftschancen schafft. Dazu will sie auch Datenlokalisierungspflichten, erzwungenen Technologietransfer und die Offenlegung von Programmcode verbieten.
3. Die EU will europäische Standards auch in anderen Ländern durchsetzen und bei globalen Standards mitbestimmen. Dazu zählen Datenschutzbestimmungen, Cybersicherheitsnormen, Verbraucherschutz und Governance bei Künstlicher Intelligenz (KI). Ziel ist es, interoperable Systeme zu etablieren, den freien Datenverkehr zu schützen und hohe Sicherheitsanforderungen durchzusetzen.
Digitale Abkommen auf globaler Ebene
Digitaler Handel und E-Commerce sind auf globaler Ebene schon seit Jahrzehnten Thema: 1998 vereinbarten die Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) – unter aktiver Teilnahme der EU – ein Moratorium, das Zölle auf elektronische Übertragungen wie Downloads und Streaming verbietet (Ziel 1). Das Moratorium lief jedoch im März 2026 aus. Zwar hat noch kein Land entsprechende Zölle eingeführt, jedoch sind die Unternehmen verunsichert.
Auf plurilateraler Ebene wurde im Dezember 2017 eine Joint Statement Initiative zu E-Commerce gestartet. Im Fokus der Verhandlungen standen Handelserleichterungen, das Verbot von Zöllen sowie Verbraucherschutzregulierungen für den Onlinehandel. 66 Länder vereinbarten im März 2026, das Abkommen außerhalb der WTO umzusetzen, darunter die der EU und China, nicht jedoch die USA und Indien. Mit dem Inkrafttreten wird Mitte 2027 gerechnet, sobald 45 Länder das Abkommen ratifiziert haben.
Insgesamt verfolgt die EU auch auf multilateraler und plurilaterale Ebene alle drei Ziele zur Erhöhung der digitalen Souveränität. Im Gegensatz zur Lieferkettenresilienz sind jedoch Marktzugang sowie EU-Standards (Ziel 2 und 3) multilateral schwerer durchsetzbar und daher auf Bereiche wie Verbraucherschutz beschränkt.
Bilaterale Digitalabkommen der EU
Auf bilateraler Ebene hat die EU bereits mit Japan, Südkorea, Singapur, Kanada und Brasilien Digitale Partnerschaften vereinbart. Dazu wurden Digitalabkommen mit Singapur und Südkorea unterzeichnet, Verhandlungen mit Kanada begonnen und mit Costa Rica vorbereitet. Hinzukommen weitere Handelsabkommen, die dezidierte Digitalkapitel oder Vereinbarungen beinhalten wie beispielsweise mit Indien, Australien oder Indonesien.
Auf bilateraler Ebene ist die EU sehr viel durchsetzungsstärker. Um ihre digitale Souveränität zu steigern, verfolgt sie alle Ziele zur Erreichung der digitalen Souveränität in ihren bilateralen Vereinbarungen: Sie stärkt ihre Lieferkettenresilienz, indem sie Abkommen zu Halbleitern, Quantentechnologie, „Cloud Computing“ abschließt; auch hier gilt das Verbot von Zöllen (Ziel 1). Für die europäische Hightechindustrie vereinbart sie vertiefte Tech-Kooperationen bei strategischen Technologien (Ziel 2). Dazu setzt die EU auf europäische Standards bei Datenschutz, Cybersicherheit und Verbraucherschutz (Ziel 3). In den Abkommen mit Großbritannien, Chile, Singapur und Neuseeland wurde zudem Datenschutz als „Grundrecht“ festgeschrieben.
Ein großer Wurf: EU-CPTPP-Kooperation
Durch die bilateralen Digitalvereinbarungen hat die EU mit wichtigen Handelspartnern ihre digitale Souveränität gestärkt. Angesichts des rasanten technologischen Fortschritts muss die EU jedoch größer denken. Die Kooperation mit dem transpazifischen Freihandelsbund CPTPP ist hierfür zentral: Die CPTPP-Staaten teilen viele Interessen mit denen der EU und machen einen bedeutenden Teil des globalen digitalen Handels aus. Bereits im November 2025 wurde ein EU-CPTPP-Handels- und Investitionsdialog ins Leben gerufen.
Ziel muss es sein, den Dialog im Digitalbereich mit Inhalten zu füllen und institutionell zu verankern. Aufbauend auf den bilateralen Abkommen sollte dringend eine EU-CPTPP- Vereinbarung verhandelt werden. Knackpunkte werden dabei vor allem die unterschiedlichen Positionen zu Datenschutz (Grundrecht in der EU versus „legitimes Politikziel“) und zu den Sicherheitsausnahmen sein. Insbesondere die bald abgeschlossenen Verhandlungen über ein EU-Kanada-Digitalabkommen können eine Blaupause werden (Kanada ist CPTPP-Mitglied). Sobald ein EU-CPTPP-Digitalabkommen vereinbart ist, sollten weitere Staaten das Abkommen ergänzen, um langfristig auch skeptische Länder wie die USA oder Indien an den Verhandlungstisch zu bekommen.
Nächste Schritte für die Bundesregierung und die EU
Die EU hat die Bedeutung der digitalen Souveränität erkannt. Mit ihren bilateralen und plurilateralen Digitalabkommen hat sie begonnen, ein verlässliches Markt-, Regulierungs- und Innovationsumfeld mit einem Netz an vertrauenswürdigen Partnern aufzubauen.
Auf multilateraler Ebene sind nur kleinere Schritte zu erwarten. Daher muss der handelspolitische Fokus auf dem Abschluss bilateraler Digitalabkommen liegen, um die strategische Souveränität zu stärken. Dazu sollten die Digitalverhandlungen mit Kanada und der CPTPP rasch abgeschlossen werden; mit der südostasiatischen ASEAN wäre ein solcher Abschluss ebenfalls möglich. Aber auch Südamerika sowie die EU-Nachbarschaft sollten im Fokus stehen.
Daneben sollten die Wirtschaftssicherheitsstrategien der EU und der Bundesregierung die Stärkung der digitalen Resilienz stärker ins Zentrum rücken, um wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen vorzubauen. Dabei darf Souveränität jedoch nicht digitale Abschottung bedeuten. Deutschland und Europa sind auf den internationalen Wissens- und Technologieaustausch, auf Handel und Investitionen angewiesen. Solange hierfür faire Regeln gelten, sollte der internationale Wettbewerb nicht eingeschränkt werden.
Vielmehr sollten Berlin und Brüssel durch gezielte industrie- und wettbewerbspolitische Maßnahmen (z.B. „Public Money, Public Code“, also Open-Source-Lizensierung von Software bei öffentlichen Aufträgen) ein resilientes Open-Source-Ökosystem fördern, dem sich vertrauenswürdige Partner anschließen können. Das erleichtert Unternehmen den Datenaustausch und verringert Abhängigkeiten. Durch den Marktzugang können deutsche und europäische Hightechanbieter dann auch weltweit skalieren und somit Europas technologische Souveränität deutlich stärken.
