Der Preis der Ungleichheit

Joseph Stiglitz und Erich Weede über wachsende Chancenungleichheit und was der Staat dagegen tun sollte

10.10.2012 | 18:30 - 20:00 | DGAP Rauchstr. 17 Berlin 10787 Deutschland | Nur für Mitglieder

Diskussion

Kategorie: Wirtschaft & Finanzen

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich: Immer weniger Menschen besitzen immer größeren Reichtum, die Zahl der Armen dagegen wächst und die Mittelschicht ist vom Abstieg bedroht. Wie wirkt sich die wachsende Ungleichheit gesellschaftlich aus? Wo liegen die Ursachen? Und wie sollte die Politik reagieren? Darüber diskutierte Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger und Autor des Buches „Der Preis der Ungleichheit“, mit dem Soziologen Erich Weede in der DGAP.

Bild: Dirk Enters

Joseph Stiglitz

„Die Reichsten der Reichen werden noch reicher, die Armen werden ärmer und ihre Zahl wächst, und die Mittelschicht wird ausgehöhlt“, fasst Stiglitz die Ausgangslage seines neuen Buchs zusammen. Diese Entwicklung sei das Ergebnis globalisierter Wirtschaftssysteme, die zunehmend vom reichsten einen Prozent der Bevölkerung beherrscht werde. Besonders drastisch lasse sich dies in den USA erkennen. „Bei der Einkommensgleichheit schneiden die USA weltweit am schlechtesten ab“, sagte Stiglitz am Mittwoch vor der DGAP.

Die verschiedenen sozio-ökonomischen Gruppen hätten sich immer schneller auseinanderentwickelt: Während die Einkommen an der Spitze am schnellsten gewachsen seien, seien jene der Geringverdiener sogar rückläufig. Während beispielsweise die Löhne der Geringverdiener in den letzten 30 Jahren nur um etwa 15 Prozent gestiegen sind, haben sich die Einkommen im oberen einen Prozent um fast 150 Prozent vervielfacht. Das obere eine Prozent der US-Amerikaner beziehe mittlerweile rund ein Fünftel des gesamten Volkseinkommens – Tendenz weiter steigend.

Der amerikanische Traum ist ein seltener Fall geworden

Das Resultat: In den USA gebe es keine Chancengleichheit mehr. „Der amerikanische Traum ist ein seltener Fall geworden“, so der Nobelpreisträger. Mehr als von allen anderen Faktoren hänge der berufliche Aufstieg heute von den Vermögens- und Einkommensverhältnissen ab. Der Reichtum der Reichsten stehe indes weder im Verhältnis zu deren Produktivität, noch hätten diese einen übergroßen gesellschaftlichen Beitrag geleistet.

Stiglitz macht für diese Entwicklung maßgeblich die Politik verantwortlich. Zwar gehe der Grad an Ungleichheit auf das Versagen von Marktkräften zurück: „Aber es ist die Politik, die diese Marktkräfte gestaltet“,  schreibt Stiglitz in „Der Preis der Ungleichheit“. Amerika könne zu mehr Gleichheit gelangen ohne seine Wirtschaft zu schwächen. „Etwa mit besseren Insolvenz- oder Steuerregeln“, so der Nobelpreisträger.„Das momentane Steuerrecht fördert Spekulationen mehr als Arbeit.“

Erich Weede teilte seine Kritik an der Politik, stellte aber in Frage, ob ein stärkerer Staat die Probleme der Ungleichheit lösen könne. „Joe Stiglitz hofft, dass Politik die Gesellschaft verändern kann – mein Eindruck ist aber, dass die Politik zu oft daneben liegt.“ Er plädiere für einen schlanken Staat und größtmögliche wirtschaftliche Freiheit. Stiglitz hielt dagegen: „Niemand hat das, was er besitzt, alleine erreicht.“ Der Wert einer starken Regierung lasse sich nicht kleinreden. Andere Staaten hätten erfolgreich andere Wege beschritten. Noch sei er hoffnungsvoll, dass auch seine Regierung es besser machen könne.

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