Memo

24. Apr. 2026

Warum Deutschland Mit­initiator einer multilateralen Resilienzbank sein sollte

Max Becker
Jobst v. Hoyningen-Huene
The Eurodrone or European Medium Altitude Long Endurance Remotely Piloted Aircraft System
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Deutschlands und Europas Verteidigungsfähigkeit droht an fehlender Skalierungsfinanzierung für innovative Unternehmen zu scheitern. Staatliche und europäische Fördermittel sowie die Möglichkeiten des Finanzmarkts greifen für KMUs und Scale-ups zu kurz. Eine multilaterale „Resilienz-Bank“ könnte ein Baustein sein, um diese Lücke zu schließen, die schnelle Skalierung der Produktion moderner Technologien zu ermöglichen und so die Abschreckung nachhaltig zu stärken.

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Die Beschaffungs- und Produktions­strukturen in Deutschland und ­Europa für moderne militärische ­Fähigkeiten sind unzureichend. Junge, ­innovative Unternehmen entwickeln ­entscheidende Technologien wie Loitering Munition und Abwehrdrohnen, die schnelle Anpassungen und kurze Innovationszyklen erfordern. Ihre Fähigkeit, neue Systeme zügig zu testen, in hoher Stückzahl zu skalieren und kontinuierlich weiterzuentwickeln, ist zentral für die Abschreckungskapazität der europäischen NATO-Staaten. Hierzu fehlen geeignete Finanzierungsmechanismen; damit drohen Engpässe bei Produktion und Skalierung dieser Schlüsseltechnologien. Sollte Deutschland sich der Initiative des kanadischen Premierministers ­anschließen und eine multilaterale „Resilienz-Bank“ als Gründungsmitglied begleiten?

Die Lehren aus der Ukraine

Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass die über Jahrzehnte etablierten Herstellungs- und Beschaffungslogiken militärischen Geräts in Deutschland und Europa den Anforderungen des modernen Schlachtfelds nicht mehr gerecht werden. Besonders deutlich wird dies im Kontext der überragenden Bedeutung der massenweisen Anwendung von Drohnen sowie ihrer Bekämpfung auf den aktuellen Kriegsschauplätzen. Im Unterschied zu klassischen Plattformen wie Kampfpanzern, Artilleriesystemen oder Kampfflugzeugen unterliegen ­diese Technologien einem deutlich höheren Innovations- und Anpassungsdruck. Systeme können teilweise nur wenige Wochen effektiv eingesetzt werden, bevor die Gegenmaßnahmen entwickelt werden. Dadurch verkürzen sich Innovationszyklen erheblich. Technologien müssen kontinuierlich und kurzfristig angepasst werden, um wirksam zu sein.

Europäische Regierungen müssen die veränderte Logik des modernen Schlachtfelds in ihre Beschaffungs- und Industriepolitik und auch in deren langfristige Finanzierung übertragen. Derzeit zielen die Beschaffungslogiken vor allem auf große Rüstungsunternehmen, die über langjährige Beziehungen zu Streitkräften verfügen und von einem auf Vertrauen und langfristige Kooperation ausgerichteten System profitieren. Viele Innovationen bei modernen militärischen Technologien entstehen jedoch insbesondere bei jungen, agilen Unternehmen, die kürzere Entwicklungszyklen, größere Flexibilität und hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung aufweisen. Mit Blick auf die hohen Ambitionen Russlands bei der Drohnenproduktion ist eine schnelle Skalierung moderner Fähigkeiten durch ­innovative Unternehmen entscheidend für eine überzeugende Abschreckungsfähigkeit. Unternehmen müssen in die Lage versetzt werden, rasch von der Produktion kleiner Stückzahlen für Erprobung oder Ausbildung in die Massenproduktion übergehen zu können. Dafür fehlt eine ausreichende Finanzierung.

Finanzierungslücke bei KMUs und Scale-ups

Obwohl die Bundeswehr – etwa mit Blick auf die Beschaffung von Loitering Munition – mittlerweile auch junge und innovative Akteure einbezieht und durch erste Großaufträge einen wichtigen Impuls setzt, können staatliche Aufträge das Finanzierungsproblem von KMUs und Startups nur bedingt lösen.

Für sie ist die Organisation von Finanz­mitteln eine zentrale Hürde: Es geht um den Übergang vom Prototypen zur Marktreife, den Aufbau notwendiger Lieferketten, die Errichtung von Produktionsstätten und die ­personelle Aufstockung. Start-ups finden meist private oder staatliche Finanzierung in frühen Entwicklungsphasen, etwa durch europäische und nationale Programme wie den Deutschlandfonds oder den Europäischen Verteidigungsfonds. Beim Übergang zur Marktreife und Skalierung bremsen zeitintensive Prozesse, regulatorische Hürden oder ­komplexe Beschaffungsstrukturen den Fortschritt – ein besonderes Problem für kleine Teams mit begrenzter interner Expertise.

Ebenso wenig kann der Finanzsektor diese Finanzierungslücke für junge Unternehmen in den benötigten Größenordnungen abdecken. Zu den größten Problemen gehören regulatorische Auflagen für kommerzielle Banken – z.B. die Einführung von „Basel IV“ mit seinen erhöhten Eigenkapitalanforderungen im Falle von Bankkrediten an Unternehmen ohne Rating –, die häufig ­fehlende ­Kredithistorie dieser Unternehmen, ­Unsicherheiten bei der Risikobewertung im Kontext technologischer Innovation und der kurzen Innovationszyklen sowie eine begrenzte, spezifische Expertise im Verteidigungssektor.

Multilaterale ­Resilienzbank kann ­Finanzierungslücken schließen

Abhilfe für das Finanzierungsproblem dieses Sektors, welches auch die Partner außerhalb der EU betrifft, können weder die Europäische Investitionsbank (EIB) noch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) oder nationale Förderbanken in den erforderlichen Größenordnungen leisten. Die bisherigen Instrumente von EU und NATO erreichen die jungen Unternehmen nicht flächendeckend, sind häufig auf klassische Rüstungs- oder Munitionsaufträge beschränkt und decken weder großvolumige Finanzierungen noch die komplexen Lieferketten von KMUs und Scale-ups ab.

Eine „Resilienz-Bank“, gegründet durch eine Koalition von handlungsfähigen und -willigen Staaten, könnte diese Lücken schließen. Sie könnte rasch, gezielt und in relevanten Größenordnungen Finanzierungen und Garantien bereit- und damit die schnelle Entwicklung und Produktion moderner Fähigkeiten sicherstellen. So kann sie den Zugang junger Unternehmen zu Krediten erleichtern und damit Sprung-Skalierungen in den notwendigen Größenordnungen ermöglichen. Auch könnte sie KMU und Scale-­ups direkt finanzieren, insbesondere in Ost- und Südeuropa, wo nationale Bankensysteme oder Förderprogramme oft kleiner sind. Die hier gebündelte Expertise würde einen gezielten Mitteleinsatz für Sprungwachstum, koordinierte grenzüberschreitende Aufträge und flexible Unterstützung in der Hochskalierungsphase erleichtern.

Die Struktur der „Resilienz-Bank“ ­würde anderen multilateralen Banken wie z.B. der EIB ähneln. Durch (­begrenzte) Eigenkapitaleinzahlungen der Gründungsstaaten, verbunden mit weiteren (ebenfalls begrenzten) Zusagen, kann ein „Triple A“-Rating etabliert werden, das die Finanzierung der Bank zu den besten Marktkonditionen erlaubt. Für eine schnelle Gründung sollte sich zunächst eine kleine Anzahl kreditwürdiger Staaten zusammenschließen, die unabhängig von NATO oder EU agieren und so schneller entscheiden können. Neben EU-Staaten könnten auch Partner wie Norwegen, das Vereinigte Königreich, Kanada oder Länder aus dem Indo-Pazifik beteiligt werden. Eine mögliche Aufnahme weiterer Staaten in einer zweiten Welle würde über Kapitalerhöhungen dargestellt werden.

Das angestrebte Triple-A-Rating erlaubt eine Hebelwirkung durch die Einbeziehung privater, institutioneller Investoren. Das Beispiel EIB zeigt, dass eine überschaubare Eigenkapitaleinzahlung Deutschlands von 2–3 Mrd. € als Gründungsaktionär zusammen mit Eigenkapitalbeiträgen alliierter Partner in Höhe von z.B. 12-15 Mrd. € durch Anleiheinvestitionen privater Investoren über Zeit eine Bilanzsumme von über 100 Mrd. € mobilisieren könnte. Die staatlichen Eigenkapitaleinzahlungen müssten nicht auf die Schuldenbremse angerechnet werden, da ihnen bilanziell ein Gegenwert gegenübersteht; sie könnten aber als NATO-Rüstungsausgaben gewertet werden.

Herausforderungen und der Weg nach vorn

Die größte Herausforderung ist das Aufbrechen stark nationalisierter Verteidigungsmärkte und Beschaffungsmechanismen. Denn: Eine multilaterale Resilienzbank wäre ein inhärent solidarisches Instrument, da sie insbesondere Mitgliedstaaten mit angespannten Haushaltslagen zusätzliche Skalierungsfinanzierung für junge und innovative Unternehmen ermöglichen würde. Angesichts wachsender Bedrohungen und des steigenden Bedarfs an solcher Finanzierung ist vor allem der Zeitfaktor kritisch. Die Gründung neuer Institutionen mit weniger blockadeanfälligen Entscheidungsmechanismen als in EU oder NATO ist komplex. Angesichts der bislang ablehnenden Haltung der Bundesregierung sind langwierige Verhandlungen zu erwarten, die im Falle eines Scheiterns mit hohen politischen Risiken verknüpft wären.

Entscheidend ist die Einbindung kreditstarker Gründungsstaaten mit Triple-A-Rating, um die Bank von Beginn an stabil aufzustellen. Satzung, Governance und Standorte sollten zugleich die Interessen der Partner sichern und spätere Mitglieder berücksichtigen. Fest steht: Das fehlende Fremdkapital für eine echte Skalierungsfinanzierung, die es für den Aufbau der Resilienz- und Abschreckungskapazität in Europa braucht, ist insbesondere aufgrund der Regulierung kommerzieller Banken ein strategisches Problem, das bündnisweit nicht gelöst ist. Staatliche Großaufträge allein lösen dieses Problem nicht auf. Deutschland sollte mit geeigneten Partnern daher zeitnah strategische Finanzierungsinitiativen lancieren, um diese Lücke zu schließen. Der Markt allein kann und wird es nicht richten.

Bibliografische Angaben

Becker, Max, and Jobst v. Hoyningen-Huene. “Warum Deutschland Mit­initiator einer multilateralen Resilienzbank sein sollte .” DGAP Memo 22 (2026). German Council on Foreign Relations. April 2026. https://doi.org/10.60823/DGAP-26-43578-de.
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