Seit Jahrzehnten verabschiedet die Volksrepublik China regelmäßig ihren sogenannten Fünfjahresplan, der die Prioritäten für Wirtschafts-, Industrie- und Gesellschaftspolitik festlegt. Im März 2026 wurde der 15. Fünfjahresplan vorgestellt. Das Dokument ist nicht als strenge Vorschrift gedacht, sondern als Wegweiser und starkes Signal an chinesische Provinzen und Städte, Unternehmen, insbesondere Staatskonzerne, sowie andere relevante Akteure. Es legt dar, in welche Richtung die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) das Land steuern will.
Biomanufacturing: Warum es von strategischer Bedeutung ist
Im aktuellen Plan wird ein Bereich zugleich als Zukunftsbranche sowie als Kerntechnologie hervorgehoben: das Biomanufacturing. Biomanufacturing (dt. auch „Bioproduktion“ bzw. „biotechnologische Produktion“ und engl. u.a. Biosolutions) ist ein zentrales Zukunftsfeld von strategischer Bedeutung.
Bei der biologischen Fertigung werden lebende Zellen – etwa Bakterien, Hefen oder andere Mikroorganismen – gezielt eingesetzt, um Produkte im industriellen Maßstab herzustellen, die mit traditionellen chemischen Verfahren nur schwer oder gar nicht zu erzeugen sind. Zum Einsatz kommen dabei Bioreaktoren oder Fermenter, in denen genetisch modifizierte Zellen spezifische Proteine oder andere Moleküle kontrolliert produziert werden. Dazu zählen Lebensmittelzutaten, aber auch „Active Pharmaceutical Ingredients“ (APIs), pharmazeutische Wirkstoffe, etwa Impfstoffe und Insulin, sowie moderne Zell- und Gentherapien.
Aufgrund großer Investitionen und Fortschritte in China wird dieser Sektor zunehmend ins globale geopolitische Spannungsfeld rücken. Europa muss daher den Wettbewerb in dieser Industrie, aber insbesondere die Produktionskapazitäten, kritischen Komponenten und Innovationstreiber dringend als strategische Ressource begreifen – und handeln. Es sollte vor allem auf eine sehr vorsichtige Komplementarität mit Chinas Wirtschaft setzen, Biotech-Allianzen etablieren und die Biosicherheit ausbauen.
Zwar wird in der High-Tech-Agenda der Bundesregierung Biotechnologie als Schlüsseltechnologie berücksichtigt, doch die strategische Relevanz dieser Industrie scheint in Deutschland und Europa noch immer nicht ausreichend erkannt zu werden. Andere Länder hingegen thematisieren dies schon seit Jahren, darunter die USA. Diese haben mit der Errichtung der „National Security Commission on Emerging Biotechnology“ im Jahr 2022 zahlreiche Handlungsempfehlungen und Gesetzesvorschläge erarbeitet und in einem Abschlussbericht im Jahr 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Empfehlungen haben eine Welle an Gesetzesvorhaben in der Biotechnologie ausgelöst. Auch in China wird die Bedeutung dieser Branche erkannt, unter anderem im kommenden Fünfjahresplan.
Verkennt Deutschland die Bedeutung dieses Schlüsselsektors, läuft es Gefahr, – sollten zum Beispiel aufgrund eines Lieferausfalls aus China gewisse biotechnologisch hergestellte Produkte nicht mehr erhältlich sein – ohne Zugang zu essenziellen Produkten zu bleiben. Zudem besteht das Risiko, dass Europa die Verbreitung von schädlichen biotechnologischen Produkten nicht adäquat kontrolliert und die wirtschaftliche Ausschöpfung dieser Zukunftsbranche verpasst.
Industrien und Technologien in Chinas Fünfjahresplan
Der nächste Fünfjahresplan hat als zentralen Bestandteil einen Katalog mit strategisch prioritären Industrien und Technologien (siehe Tabelle auf Seite 3). Diese Industrien oder Technologien sollen durch eine Reihe von verschiedenen Maßnahmen unterstützt werden – von der Förderung der Grundlagenforschung bis hin zur Industriecluster-Bildung. Um die Verschiebung der Schwerpunkte in Peking zu erkennen, lohnt es sich, einen Vergleich der Kataloge des 14. (2021-2025) und 15. Fünfjahresplans (2026-2030) anzustellen.
Schwerpunktverschiebungen des 15. Fünfjahresplans:
Neue Listen sind in gewissen Branchen stärker spezifiziert: Wurde KI früher eher allgemein als strategische Schlüsseltechnologie bezeichnet, gilt nun „verkörperte KI“ als Zukunftsbranche (siehe Spalte „Entwicklung neuer Industrien“). Das deutet auf eine Reife des KI-Sektors hin und darauf, dass China verkörperte KI – anders als große Sprachmodelle – als eigenen strategischen Ansatz im Wettbewerb mit den USA positionieren will. Gleichzeitig wird KI als gesamtes Feld weiterhin Förderung in der Grundlagenforschung erhalten (siehe Spalte „Spitzeninnovationen“) und in mehreren ambitionierten Vorhaben eingebettet, wie der „KI+“-Initiative, die die breite Anwendung von KI-Systemen in der chinesischen Wirtschaft anstrebt.
Branchen, die für die deutsche und europäische Industrie relevant sind, werden weiterhin aufgeführt: Der industrielle Maschinenbau, insbesondere Werkzeugmaschinen, bleibt weiterhin priorisiert. Denn hier holt China auf, ist aber noch nicht auf dem internationalen Niveau. Für eine deutsche Kernbranche, die in China und auf Drittlandsmärkten zunehmend unter Druck steht, verschärft das die Lage. Ein Positionspapier des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) aus dem Jahr 2025 kritisiert eingeschränkten Marktzugang und stark subventionierte chinesische Wettbewerber. Auch Merz sprach das Thema bei seinem jüngsten Besuch in China an. Die erneute Priorisierung signalisiert wachsende Herausforderungen für deutsche Exporte. Ebenso bleibt die Luftfahrt weiterhin relevant. Während des Chinabesuchs des Bundeskanzlers verkündete die Führung im Land die Absicht, bis zu 120 Airbus-Flugzeuge zu kaufen. Diese Großbestellung deutet weiterhin auf die Spitzenposition der europäischen kommerziellen Luftfahrtindustrie. Chinesische Bemühungen aufzuholen – wie zum Beispiel durch das COMAC-Projekt – haben noch keinen umfangreichen Erfolg erzielt und bedürfen deshalb weiterhin staatlicher Unterstützung.
Kerntechnologien sollen durch „außerordentliche Maßnahmen“ unterstützt werden: Der Drang zur technologischen Eigenständigkeit nimmt zu. China verspürt durch die geopolitische Auseinandersetzung mit den USA enormen Druck und setzt deshalb auf Autarkie in einem immer größeren Teil der chinesischen Wirtschaft. Wie genau diese Maßnahmen aussehen werden, ist noch unklar, aber deutsche und europäische Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass in diesen Branchen chinesische Alternativen entwickelt werden.
Biomanufacturing als Zukunftsbranche und Kerntechnologie: Im 15. Fünfjahresplan wird nur eine Branche sowohl als Zukunftsindustrie als auch als Kerntechnologie ausgewiesen. Daraus ist zu erwarten, dass sich staatliche Forschungsmittel und die Förderung von KMU in den kommenden Jahren besonders stark auf diesen Bereich konzentrieren werden.
Chinas Ziel: Autarkie in der Biotechnologie
Wie auch bei anderen Branchen, etwa der Künstlichen Intelligenz und besonders dem KI-Tech-Stack sowie bei Hochleistungschips, bemüht sich China, eigene Alternativen zu kritischen Inputs in der Biotechnologie zu entwickeln. Diese sollen die Sanktionsmacht der USA untergraben und der Volksrepublik dazu verhelfen, nicht mehr auf Lieferungen von Firmen aus den USA und Europa angewiesen zu sein.
Auch in den Landesmedien herrscht eine rege Debatte zu Chinas kritischen Abhängigkeiten in der Biotechnologie. Darunter wird auch offen angesprochen, wo besondere Schwachstellen im heimischen Ökosystem bestehen.
In einem Gastbeitrag in der People’s Daily, der offiziellen Parteizeitschrift der KPCh, skizzierte der renommierte chinesische Synthetik-Biologe Tan Tianwei, Rektor der Beijing University of Chemical Technology, zentrale Herausforderungen für das chinesische Biomanufacturing. Insbesondere Schlüsseltechnologien im Bereich Genome-Editing sowie essenzielle Produktionsstämme stammen häufig aus dem Ausland. “Stämme” (oder strains auf Englisch) sind genetisch definierte Varianten von Mikroorganismen oder Zelllinien, die sich in bestimmten Eigenschaften unterscheiden. In der industriellen Biotechnologie sind leistungsfähige Produktionsstämme ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Wer über eigene Stämme verfügt, ist weniger abhängig von ausländischen Patenten, Lizenzen oder Lieferungen. Auch wichtig sind bestimmte Komponenten für Bioreaktoren, die weiterhin importiert werden müssen.
Im Dezember 2025 wurde in der chinesischen Parteizeitschrift „Outlook Weekly“ ein ausführlicher Artikel zur Entwicklung des chinesischen Biomanufacturing-Ökosystems publiziert. Darin wurde eine Reihe von chinesischen Experten befragt, die ein granulares Lagebild aufzeichnen. „Chassis-Organismen und Enzyme sind die ‚Chips‘ der Biomanufacturing-Industrie“, erklärt Jiang Xianzhi, Gründer und CEO von MoonBiotech, einem chinesischen Biotech-Unternehmen in dem Artikel. Sogenannte „Chassis-Organismen“ bezeichnen in der Synthetischen Biologie robuste, genetisch gut charakterisierte Mikroorganismen, die als standardisierte Plattform für gezielte genetische Modifikationen dienen. Er argumentiert weiter: „Wer über einzigartige mikrobielle Ressourcen verfügt, sichert sich die Führungsrolle in der biologischen Innovation.“
China hat auch schon erste Initiativen im Bereich der Biotechnologie angestoßen. Im Jahr 2025 verkündete das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie und die chinesischen Akademien der Wissenschaften ein Konsortium von fast 30 chinesischen Forschungsakteuren, um einen chinesischen Bioreaktor oder Fermenter zu entwickeln. Fermenter sind große stahlfassähnliche Behälter, in denen Zellen oder Mikroorganismen mit kontrollierten Werten von Sauerstoff und Nährstoffen gehalten werden. Bioreaktoren werden manchmal als die „chip foundries“ der Biotechnologie bezeichnet. Ähnlich wie „foundries“ große Stückzahlen an Mikrochips herstellen, dienen Bioreaktoren in der biotechnologischen Herstellung dazu, Produkte oder Wirkstoffe in großen Mengen zu produzieren.
Europas Handlungsoptionen: mehr Unabhängigkeit in der biotechnischen Herstellung
Deutschland und die EU müssen Chinas Bestrebungen für mehr Unabhängigkeit in der Biotechnologie erkennen. Erfolgt dies nicht, besteht die Gefahr, dass in immer größerer Zahl chinesische Angebote die europäischen ersetzen.
Daher sollten folgende Schritte unternommen werden:
Komplementarität mit China strategisch angehen: Während des jüngsten Chinabesuchs von Friedrich Merz betonte Staats- und Parteichef Xi Jinping nach Angaben des chinesischen Außenministeriums die Komplementarität des 15. Fünfjahresplans mit Deutschland. Für Berlin bedeutet das, strategisch und interessengeleitet zu agieren – auch im Kontext des „EU Biotech Act“ und der deutschen Hightech-Agenda. Europa zählt zwar zu den führenden Innovationsstandorten in der Biotechnologie, läuft jedoch Gefahr, im verschärften Wettbewerb mit China maßgeblich zurückzufallen, insbesondere wenn chinesische De-Risking-Vorhaben, wie zum Beispiel in der Entwicklung eines eigenen chinesischen Bioreaktors, nicht wahrgenommen werden.
Biosicherheit verstärken: Deutschland sollte Gesetze und Maßnahmen, mit deren Hilfe die Verbreitung von schädlichen, biologisch hergestellten Schadstoffen und Krankheitserregern minimiert wird, vorantreiben. Dazu zählt auch, dass das Verfahren für die Prüfung von Synthese-relevanten Daten, also zum Beispiel von genetischen Daten, mit denen biologische Stoffe wie Krankheitserreger hergestellt werden könnten, Teil eines stärker ausgebauten Biosicherheits-Ansatzes wird. Sensible Daten für synthetische Biologie umfassen konkret auch Informationen zur Herstellung von Giften und anderen Materialien, die militärisch eingesetzt werden können. Der vorgestellte „EU Biotech Act“ ist ein sinnvoller Ansatz, ein EU-weit harmonisiertes Screening einzuführen. Dieser sollte im finalen Text weitergeführt werden.
Biotech-Allianzen: Ähnlich wie Partnerschaften, die derzeit für gemeinsame Projekte bei kritischen Mineralien unterzeichnet werden, sollten die EU-Kommission und die Bundesregierung Partnerschaften im Bereich Biomanufacturing abschließen. Beim De-Risking in der biotechnischen Herstellung spielen die Produktionskapazität und -fähigkeit eine zunehmend entscheidende Rolle. Partnerschaften mit Japan, Südkorea und Indien sind hier besonders vielversprechend.
