Bericht

17. April 2020

Evaluation von Deradikalisierungsprogrammen

Themenpapier zu InFoEx Workshop, Berlin, 19.-20. September 2019

Die transnationale Dimension des gewalttätigen Extremismus macht eine umfassende Herangehensweise an Prävention erforderlich. Um eine wirksame Antwort zu ermöglichen, ist internationaler Wissensaustausch von zentraler Bedeutung. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Länder zunehmend auf die Prävention von gewaltbereitem Extremismus (Prevention of violent extremism, PVE) konzentrieren (im Gegensatz zu rein repressiven Maßnahmen der Terrorismusbekämpfung). Die Akteure müssen deshalb in der Lage sein, zu verstehen und zu zeigen, welche Maßnahmen wie und warum funktionieren.

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Evaluation

Im Rahmen des International Forums for Expert Exchange on Countering Islamist Extremism (InFoEx) befasste sich ein internationaler Workshop im September 2019 in Berlin mit der Frage, wie tertiäre Prävention von gewalttätigem Extremismus evaluiert werden kann. Dabei ging es vor allem um Maßnahmen in der Ausstiegsarbeit, d.h.um radikalisierte Personen aus ihren Milieus zu lösen, sie zu deradikalisieren und zu resozialisieren. In diesem Themenpapier werden die Ergebnisse dieses Austausches vorgestellt, der von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) organisiert wurde. An dem Workshop nahmen rund 30 Teilnehmende aus Australien, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und den USA teil, um sich über ihre Erfahrungen, die gewonnenen Erkenntnisse und inspirierende Evaluierungspraktiken auszutauschen. In dem Papier werden zuerst Beispiele aus verschiedenen Ländern zur Bewertung von Programmen der tertiären PVE vorgestellt. Anschließend geht es um die Herausforderungen und bewährten Praktiken, die in der Diskussion von den Teilnehmenden hervorgehoben wurden. Das Papier enthält schließlich auch praktische Empfehlungen internationaler Experten und Expertinnen.

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich die folgenden zentralen Empfehlungen für Akteure, die an der Konzeption, Planung, Finanzierung und Durchführung von Evaluierungen von tertiärer PVE und -Programmen im In- und Ausland beteiligt sind:

 

Zentrale Empfehlungen

1) Etablieren Sie bei Praktikern und Praktikerinnen sowie Geldgebern eine Evaluierungskultur, indem Sie die Evaluierungsperspektive von Anfang einbeziehen, in die Programmgestaltung integrieren und Gelegenheiten schaffen, um darüber zu sprechen, was funktioniert und was nicht.
2) Denken Sie darüber nach, partizipative Evaluierungskonzepte einzusetzen. Berücksichtigen Sie multiple Perspektiven und stellen Sie ein Klima des Vertrauens zwischen Praktikern und Praktikerinnen sowie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen her, damit diese offen und auf Augenhöhe kommunizieren können.
3) Stellen Sie sicher, dass Programme und Projekte der tertiären Extremismusprävention langfristig finanziert und nachhaltig sind, um Vertrauensbeziehungen zu den betroffenen Personen aufzubauen. Dadurch kann eine mit deutlichem zeitlichem Abstand durchgeführte zweite Runde von Interviews mit Klienten und Stakeholdern in die Evaluation einbezogen werden.
4) Schaffen Sie Möglichkeiten für die Praktiker und Praktikerinnen sowie Gutachter und Gutachterinnen, sich in Bezug auf die Evaluierung von Programmen, Projekten und Maßnahmen der tertiären PVE (noch weiter) zu professionalisieren.  
5) Stellen Sie sicher, dass zwischen den an der Evaluation beteiligten Akteuren ein intensiver und strukturierter Austausch über bewährte Praktiken, relevante Forschungsergebnisse und Antworten der Politik stattfindet, beispielsweise durch nationale und internationale Workshops und Runde Tische.

 


Über das Projekt International Forum for Expert Exchange on Countering Islamist Extremism (InFoEx)

InFoEx ist ein Gemeinschaftsprojekt des Forschungszentrums für Migration, Integration und Asyl des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). InFoEx sammelt von 2019 bis 2020 bewährte Praktiken von Praktikern und Praktikerinnen in der Tertiärprävention im In- und Ausland sowie Erkenntnisse von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die auf diesem Gebiet forschen. Ziel des Projekts ist es, empirische Befunde zu (De-)Radikalisierungsprozessen zu erheben, wobei der Schwerpunkt auf deren praktischer Anwendbarkeit für Deradikalisierungsbemühungen liegt. Zu diesem Zweck initiierte das BAMF-Forschungszentrum einen Verbund wissenschaftlicher Mitarbeitenden, die bei den bzw. über die lokalen Partner-Beratungsstellen der BAMF-Beratungsstelle „Radikalisierung“ sowie bei verschiedenen Forschungseinrichtungen angestellt sind. Diese wissenschaftlichen Mitarbeitenden bilden zusammen mit den Beratenden der lokalen Beratungsstellen die Hauptmitglieder von InFoEx.

Über den Workshop in Berlin, 19-20. September 2019

Unter den rund 30 Teilnehmenden befanden sich Netzwerkpartner der BAMF Beratungsstelle „Radikalisierung“ aus der Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen sowie Praktiker und Praktikerinnen und Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Australien, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und den USA. Um den Workshop auf die Bedürfnisse seiner Akteure abzustimmen, teilten die in Beratungsstellen und Forschungseinrichtungen in Deutschland eingebetteten wissenschaftlichen Mitarbeitenden – in Absprache mit den Beratenden in ihren lokalen Beratungsstellen – vor dem Workshop ihre spezifischen Informationsbedürfnisse mit.

Bibliografische Angaben

DGAP Bericht Nr. 10, 27. April 2020, 24 Seiten

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