Neue Studie zu den Russland-Sanktionen

Die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft werden überschätzt

Date
26 June 2017
Time
-
Event location
DGAP, Berlin, Germany
Invitation type
Invitation only

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Seit dem Inkrafttreten der europäischen Sanktionen gegen Russland und der russischen Gegensanktionen ist der russisch-europäische Handel spürbar zurückgegangen. Laut einer Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft wollen 91 Prozent der deutschen Unternehmen einen sofortigen oder schrittweisen Abbau des europäischen Sanktionspakets. Es ist umstritten, wie groß der tatsächliche Einfluss der Sanktionen ist. Parallel zu ihnen trafen auch der Verfall des Ölpreises und der Einbruch des Rubels die russische Wirtschaft.

In einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums („Die Wirkung der EU-Russland-Sanktionen auf das EU-BIP“) versuchte Berlin Economics nun, den sanktionsbedingten Rückgang des europäisch-russischen Handels und den damit verbundenen Effekt auf das deutsche BIP zu schätzen. Die Studie wurde im Rahmen einer DGAP-Podiumsdiskussion mit den Referenten Dr. Ricardi Giucci (Geschäftsführer von Berlin Economics) und Dr. Hanno Stöcker (geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russisches Wirtschaftsbunds) präsentiert.

Die Studie kritisiert viele bisherige Schätzungen in deren Plausibilität, sowohl hinsichtlich des Handelsvolumens als auch im Hinblick auf dessen Auswirkung auf das BIP. Zum einen seien Anpassungseffekte, also der Export an alternative Abnehmer auf dem Weltmarkt, nicht berücksichtigt worden, zum anderen der Umstand, dass Teile der Wertschöpfungsketten außerhalb der EU liegen und sich damit nicht auf die europäische Wirtschaftskraft auswirkten. Laut der aktuellen Studie führten die Sanktionen so lediglich zu einem Rückgang des europäischen BIP um etwa 0,03 bis 0,05 Prozent.

Hanno Stöcker lobte die Studie als geeignetes Mittel, um die Debatte zu versachlichen. Die Wirkung der Sanktionen auf die deutsche Wirtschaft sei zwar überschaubar, die betroffenen Branchen und Betriebe leideten jedoch ganz besonders darunter. Stöcker zeigte sich auch besorgt über die Auswirkungen auf das Investitionsklima und das grundsätzliche Vertrauen zwischen Handelspartnern in Deutschland und der EU einerseits und Russland andererseits. Zudem seien für Russland die Finanzsanktionen und das Einbrechen von Investitionen ein viel größeres Problem als der Rückgang des Handelsvolumens.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Deutschland im EU-Vergleich zwar die größten Lasten der Sanktionen trägt, diese jedoch in Relation zur Wirtschaftskraft andere Staaten, insbesondere die baltischen, deutlich schwerer getroffen haben.

Auch weisen die russischen Gegensanktionen erhebliche Schlupflöcher auf. So erreichen europäische Agrarprodukte wie Äpfel oder Käse den russischen Markt via Belarus oder Kasachstan im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion. Ein schrittweiser Ausstieg aus den Sanktionen, wie von der Bundesregierung angestrebt, erscheine aus wirtschaftlicher Sicht möglich und sinnvoll, so Stöcker. Demgegenüber stehe jedoch, dass Russland seine wesentlichen Verpflichtungen – einen echten Waffenstillstand und den Abzug russischer Truppen – nicht erfülle, was einen Abbau der Sanktionen als wenig wahrscheinlich erscheinen lasse.

Hier können Sie die gesamte Studie lesen.

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