External Publications

Oct 14, 2026

Innovationskultur kann man nicht beschaffen

Max Becker
Sebastian Schwartz
Soldat mit Tablet-Computer vor einer alten Backsteinmauer
License
All rights reserved

Die Ukraine zeigt mit ihrem Battle Management System Delta, wie vernetzte Kriegsführung funktioniert. Die Bundeswehr hat mit SitaWare vergleichbare Software beschafft. Doch es fehlt die Kultur, die Software als Daueraufgabe versteht und nicht als Beschaffungsgegenstand.

Share

Eine der bekanntesten und sichtbarsten Entwicklungen der ukrainischen Kriegsführung ist der immer weiter fortschreitende Einsatz von Drohnen und autonomen Systemen in allen Domänen. Damit diese im Gefecht zusammenwirken, hat die Ukraine auch bei der Software neue Maßstäbe gesetzt: Und zwar mit ihrem Battlefield Management System Delta.

Das System führt Daten aus Drohnen, Aufklärung und Meldungen der Truppe in Echtzeit zu einem gemeinsamen Lagebild zusammen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Informationen aus einem Drohnenfeed, Satellitenaufklärung oder dem Auslesen von Telegram-Chats gewonnen wurden. Der Soldat an der Front sieht es auf dem Smartphone, die Vier-Sterne Generälin in der Kommandozentrale. Jede Ebene erhält die Information, die sie für ihre Aufgabe braucht, aber alle arbeiten im selben System.

In Deutschland blickt man fasziniert darauf und fragt sich: Warum können wir das nicht? Die unbequeme Antwort: An der Software liegt es nicht. Es fehlt die Kultur, die Software als Daueraufgabe versteht und nicht als Beschaffungsgegenstand.

Mit SitaWare hat die Bundeswehr eine Lösung eingeführt, die auch bei vielen Nato-Partnern im Einsatz ist und sich im Gefechtsstand ebenso bedienen lässt wie auf dem Smartphone. Also alles gut? Leider nicht. Die Frage nach der richtigen Software führt in die Irre, weil es sich um die falsche Betrachtungsebene handelt.

Das eigentliche Erfolgsrezept von Delta ist kein Code, sondern eine Arbeitsweise. Das System lebt vom ständigen Feedback der Front. Wer dort im Einsatz ist, weiß am besten, was gebraucht wird, und daran richtet sich die Entwicklung konsequent aus. Neue Funktionen werden binnen Wochen, nicht Jahren, eingeführt. Delta ist nicht perfekt, aber ständig in Bewegung. Der Druck zu liefern, ist unmittelbar und existenziell.

Das setzt Vertrauen in die Nutzer voraus und den Freiraum, Fehler machen zu dürfen. Genau darum geht es beim Denken in Software: Fehler werden passieren. Entscheidend ist die Bereitschaft, schnell nachzusteuern und das Problem zu beheben.

Hinzu kommt der Takt: Wirksame Softwareentwicklung ist kein einmaliger Beschaffungsvorgang, sondern der Startpunkt einer nie endenden Reise. Innovation entsteht nicht per Befehl, sondern aus den Anforderungen des Realbetriebs. Ohne belastbare Rückkopplung zwischen der kleinsten taktischen Einheit und den Entwicklerinnen und Entwicklern bleibt jedes System hinter seinen Möglichkeiten. Größere Vorhaben ab 25 Millionen Euro benötigen in Deutschland die Zustimmung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags, Anpassungen folgen dem Rhythmus von Vorlagen und Haushaltsjahren. Wer in Wochen nachbessern will, scheitert an Prozessen, die auf so große Zeitabschnitte ausgelegt sind.

Schließlich ist die Frage der Vernetzung entscheidend. Ein Battlefield Management System kann nur zusammenführen, was digital angeschlossen ist. Viele Waffensysteme und Sensoren der Bundeswehr sind dafür nie gebaut worden; Schnittstellen fehlen, das Lagebild bleibt lückenhaft. Das ist kein technischer Zufall, sondern Folge einer Beschaffungslogik, die in einzelnen Plattformen denkt statt in Netzwerken. Solange jedes System für sich bestellt, geprüft und abgenommen wird, bleibt auch die beste Software ein Papiertiger.

Was also tun? Drei Schritte würden viel verändern:

  1. Erstens sollte Software nicht wie Großgerät beschafft werden. Sie braucht ein festes Jahresbudget für ihre permanente Weiterentwicklung, damit nicht jede neue Funktion ein eigenes Beschaffungsverfahren durchlaufen muss.
  2. Zweitens gehören Entwicklungsteams dauerhaft in die Truppe. Ideen und Bedarfe von unten müssen verlässlich ankommen, statt im Dienstweg zu versanden.
  3. Drittens bedarf es einer politischen Zusage, dass Fehler in Erprobung und Einführung erlaubt sind. Das gilt für die militärische Führung ebenso wie für das Parlament, das Risiken nicht nur kontrollieren, sondern auch tragen muss. Wer General werden will, sollte auch einmal mit einem Projekt gescheitert sein und daraus gelernt haben. Solange schon ein einziger Fehlschlag die Karriere beendet, wird niemand etwas wagen.

Die Ukraine hat unter existenziellem Druck gelernt, dass im modernen Krieg Geschwindigkeit entscheidet. Deutschland kann diese Lektion lernen, bevor der Ernstfall eintritt. Die Software ist längst beschafft. Die Kultur, die sie wirksam macht, fehlt noch.

Bibliographic data

Becker, Max, and Sebastian Schwartz. “Innovationskultur kann man nicht beschaffen.” October 2026.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 14.10.2026 bei Table.Briefings erschienen.