External Publications

March 08, 2020

Boom mit kleinen Dellen

Wenn es um die Wirtschaften der Visegrád-Gruppe geht, fallen Begriffe wie „Wunder“, werden Vergleiche mit den asiatischen Tigerstaaten bemüht. Aber was steckt wirklich hinter dem Aufschwung? Und: Wird er anhalten? Ein Blick nach Polen, in die Slowakei, nach Tschechien und Ungarn.

Image
Skoda Werk in Polen

Wunder an der Weichsel

Von Adam Traczyk

Ende des 18. Jahrhunderts, als sich das durch innere Konflikte gebeutelte Polen im Niedergang befand, schrieb der deutsche Naturforscher und Revolutionär Georg Forster an einen Freund: „Von der polnischen Wirtschaft, von der unbeschreiblichen Unreinlichkeit, Faulheit, Besoffenheit und Untauglichkeit aller Dienstboten … endlich von der Zufriedenheit der Polaken mit ihrem eigenen Misthaufen und ihrer Anhänglichkeit an ihre Vaterländischen Sitten, will ich weiter nichts sagen.“
Seither stand die Formel „polnische Wirtschaft“ in Deutschland stereotypisch für Ineffektivität und Faulheit. Heute gibt es wohl kaum noch jemanden, bei dem der Begriff derart negative Assoziationen weckt. Doch die Tatsache, dass Deutschlands östlicher Nachbar nach 1989 zum Wachstumsweltmeister und einem der wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik avancierte, ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt.
Dabei ist in Polen ein Wirtschaftswunder zu bestaunen, das vergleichbar ist mit denen der asiatischen Tigerstaaten wie Südkorea oder Taiwan. Seit dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um das 2,5-Fache – stärker als in jedem anderen europäischen Land in diesem Zeitraum. Seit 1992 wächst die polnische Wirtschaft ununterbrochen – im Schnitt um über 4 Prozent. Dabei handelt es sich nicht um ein Wachstum auf Pump; die Staatsverschuldung näherte sich nicht einmal der in den Maastricht-Kriterien vorgegebenen Grenze. Derzeit beträgt sie weniger als 50 Prozent des BIP. Die Arbeitslosenquote liegt laut Eurostat knapp unter 3 Prozent.
Trotz dieser imponierenden Zahlen war es erst die Finanzkrise, die Deutschlands Öffentlichkeit wohlwollender in Richtung Polen schauen ließ. Während die gesamte EU in eine Rezession stürzte, ging der polnische Wirtschaftsaufschwung unvermindert weiter. Gleichzeitig forderte Polen – im Einklang mit Berlin und im Gegensatz zu den Ländern des europäischen Südens – eine Einhaltung der Haushaltsdisziplin und unterstützte die deutschen Ansätze zur Lösung der Eurokrise.
Neben dieser Haushaltsdisziplin war es eine Mischung aus antizyklischer Investitionspolitik, die auch dank der EU-Fonds möglich wurde, und einer Liberalisierung des Arbeitsmarkts, die Polen unbeschädigt aus der Finanzkrise herauskommen ließ. Es handelte sich um ein deutlich raffinierteres Konstrukt als das deutsche Dogma der „schwarzen Null“. Hinzu kam, dass Polen aufgrund seines großen Binnenmarkts im Vergleich zu anderen Staaten der Region weniger anfällig für Erschütterungen von außen ist. Während etwa Slowenien Waren und Dienstleistungen im Wert von 95 Prozent des eigenen BIP exportiert, bleibt der Exportanteil Polens – ähnlich wie in Deutschland – unter 50 Prozent.
Wie war es möglich, dass sich ein Land, das noch 1989 eines der ärmsten Länder des sogenannten Ostblocks war, zum europäischen Wachstumsmotor entwickelte? Marcin Piątkowski, Wirtschaftsexperte bei der Weltbank, nennt gleich eine Reihe von Gründen: Aus der kommunistischen Periode sei eine egalitäre, inklusive und gut ausgebildete Gesellschaft erwachsen, die sich einig darin war, einen demokratischen und proeuropäischen Neustart zu wagen. Auf dieser Basis hätten sich eine Wirtschaftselite und eine neue Mittelschicht herausgebildet, die zusätzlich davon profitiert hätten, dass der Westen bereit war, Polen in die EU-Strukturen einschließlich des Binnenmarkts zu integrieren.
Eingeleitet wurde der Transformationsprozess durch eine nach dem damaligen Finanzminister benannte, auf schnelle Schaffung einer Marktwirtschaft ausgerichtete Schocktherapie, den Balcerowicz-Plan. Ohne Opfer ging das nicht ab – und die fanden sich, wie üblich, gerade unter den Schwächsten. Und so eröffnete der EU-Beitritt ein neues Kapitel in der Geschichte der polnischen Emigration. 2,5 Millionen Polen leben heute außerhalb der Grenzen ihres Heimatlands, ein Großteil davon in anderen EU-Mitgliedstaaten. Für viele von ihnen war die Auswanderung, meist auf die britischen Inseln, lebensnotwendig.
Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen die Arbeitslosenquote im Land an die 20 Prozent reichte. Doch noch heute beträgt der Anteil der Löhne am polnischen BIP gerade einmal 38 Prozent – damit ist man EU-Schlusslicht. Auf die daraus resultierende Missstimmung antwortete die PiS-Regierung mit einer Anhebung des Mindestlohns und einer großzügigeren Sozialpolitik, etwa durch die Einführung des Kindergelds 500+ in Höhe von rund 120 Euro monatlich.

Mehr als Warenaustausch

Die Liste der Faktoren, die in den vergangenen Jahrzehnten zur heutigen starken Verflechtung der Wirtschaften Polens und Deutschlands geführt haben, ist lang: die politische Stabilität und die rasche Umsetzung der rechtlichen und institutionellen EU-Standards; eine investitionsfreundliche Wirtschaftspolitik; billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte sowie last not least die geografische und kulturelle Nähe. Zwischen Januar und Oktober 2019 hat Polen Großbritannien als sechstgrößten Handelspartner Deutschlands überholt. Das Handelsvolumen der beiden Staaten wuchs in dieser Zeit um 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und erreichte 130 Milliarden Euro – und ist damit doppelt so hoch wie das zwischen Deutschland und Russland.
Trotzdem bleiben die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen stark asymmetrisch. Während der Austausch von Waren mit Polen gerade einmal 5 Prozent des deutschen Außenhandels ausmacht, beläuft sich die Bilanz auf polnischer Seite auf 25 Prozent. Nichtsdestoweniger hängen in Deutschland rund eine halbe Million Arbeitsplätze vom Export nach Polen ab.
Doch das Wesen der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen erschöpft sich nicht im Warenaustausch. Polnische Unternehmen spielen eine herausragende Rolle in der deutschen Produktionskette. Das hat nicht nur mit billigen Arbeitskräften zu tun, sondern ebenso mit Polens hochentwickelten Technologiestandards. Eine Analyse der Wertschöpfungsstruktur ergibt, dass der Anteil der Waren aus dem Sektor der sogenannten hohen und mittelhohen Technologie den Anteil der niedrigtechnologischen Produkte überragt.
Die Verflechtung beider Wirtschaften wird besonders sichtbar am Beispiel der Automobilindustrie. Polen ist hinter Deutschland und Frankreich der drittgrößte Produzent von Autoteilen in der EU. Der Spitzenabnehmer ist Deutschland. Nahezu ein Drittel des polnischen Exports nach Deutschland machen technische Komponenten aus, die wiederum in deutschen Exportprodukten verarbeitet werden. So hat Polen einen entscheidenden Anteil an der deutschen Exportweltmeisterschaft.
Mittlerweile entwickelt Polen seinerseits eigene Exportschlager. Die Busse der Firma Solaris, die 2018 von der spanischen Gruppe CAF aufgekauft wurde, befahren die Straßen vieler Weltmetropolen – von Berlin über Athen bis Dubai. Ähnliche Erfolgsgeschichten sind auch in eher überraschenden Branchen zu bestaunen: Eine der wertvollsten börsennotierten Handelsgesellschaften Polens ist CD Projekt, Entwickler der international erfolgreichen Computerspielserie The Witcher.
Nichtsdestotrotz stellt sich für die Zukunft der polnischen Wirtschaft eine entscheidende Frage: Wie kommt man raus aus der Falle der mittleren Einkommen und schafft den Schritt auf die höchste Entwicklungsstufe? Einst als Reservoir günstiger Arbeitskräfte geschätzt, leidet Polen derzeit selbst unter einem Arbeitnehmermangel. Das ist der Grund, warum das Land – der immigrationsfeindlichen Rhetorik der Regierung zum Trotz – zum Spitzenreiter heranwächst, was die Zahl der aufgenommenen Migranten anbelangt. Von 3,2 Millionen im Jahr 2018 in der EU erteilten Aufenthaltserlaubnissen für Personen aus Nicht-EU-Staaten fallen 635 000 auf Polen, 91 000 mehr als in Deutschland. Auch bei der Gewährung von Arbeitserlaubnissen liegt das Land ganz vorne: 2018 waren es 330 000. Laut OECD ist Polen zudem Rekordhalter beim Anwerben von Leiharbeitern aus dem Ausland: 2017 waren es 1,1 Millionen, vor allem aus der Ukraine, aber auch aus Asien. Schätzungen zufolge werden in Polen in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren drei bis vier Millionen Arbeitnehmer fehlen. Neben der weiteren Öffnung des Arbeitnehmermarkts für Ausländer bedeutet das auch einen härteren Wettkampf der Arbeitgeber um Arbeitskräfte – unter anderem mit höheren Löhnen.
Zudem muss der nächste Entwicklungsschritt der polnischen Wirtschaft mit einem technologischen Upgrade einhergehen. Im internationalen Vergleich der Roboterdichte in der Industrie liegt man abgeschlagen hinten: Kommen in Deutschland auf 10 000 Arbeitnehmer 338 Roboter, so sind es in Polen gerade einmal 42. Hier dürfte das größte Entwicklungspotenzial für die deutsch-polnische Zusammenarbeit liegen. Die deutschen Unternehmen schätzen zwar die hochqualifizierten polnischen Arbeitskräfte, als Standort für ihre Forschungszentren wählen sie Polen allerdings bislang selten aus – im Gegensatz zu Investoren aus anderen EU-Ländern, den USA und zuletzt sogar China. Dabei wäre es von beiderseitigem Nutzen, wenn Deutschland hier mehr in Forschung und Entwicklung investierte und sich das Know-how der polnischen Ingenieure und Informatiker zunutze machte. Sollten die Investitionen aus Deutschland ausbleiben, wird sich Polen verstärkt nach anderen Partnern umschauen.
Welche Auswirkungen auf die weitere Entwicklung Polens die Angriffe der Regierung auf Rechtsstaat und Gewaltenteilung haben werden, ist noch nicht abzusehen. Bislang ist keine Schwächung des Vertrauens von Investoren zu verzeichnen. Doch nach der Theorie von Daron Acemoglu und James A. Robinson sind es die starken, demokratischen und inklusiven Institutionen, die eine Garantie für Fortschritt und Wohlstand sind. So war es auch in Polen.