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May 07, 2026

Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie:

Ein Leitfaden zur Überwindung kritischer Abhängigkeiten
Dr. Thomas Enders
Bild SPARTA II

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Auf dieser Webseite stellen wir lediglich das erste Kapitel der Publikation dar, den gesamten Text finden Sie als PDF-Dokument hier.


1. Präambel und Kernforderungen

Deutschland und Europa sind über die gesamte militärische Wirkkette strategisch abhängig: von militärischer Cloud über Luftverteidigung, Führungssysteme, Kommunikationsfähigkeiten, Satellitenaufklärung bis hin zu konventioneller und nuklearer Abschreckung. Mit dem zweithöchsten Verteidigungsbudget weltweit und einer wettbewerbsfähigen Industrie- und Technologiebasis hat Europa die strukturellen Voraussetzungen, bestehende Abhängigkeiten substanziell zu reduzieren und den Weg zu europäischer Souveränität im Sicherheits- und Verteidigungsbereich einzuschlagen. Dafür müssen jetzt die entsprechenden politischen Entscheidungen getroffen werden. Eine enge Verzahnung von militärischen, sicherheitspolitischen und industriellen Logiken ist erforderlich.

Dieses Papier benennt Europas Fähigkeitslücken und beschreibt den Zeithorizont sowie den notwendigen Finanzrahmen, um diese zu schließen. Gestützt auf Expertise aus Militär, Industrie und Wissenschaft, identifizieren wir zehn Handlungsfelder und skizzieren einen realistischen Pfad zur Umsetzung. Substanzieller Fortschritt hin zu eigenständiger europäischer Handlungsfähigkeit ist bereits mittelfristig innerhalb von 3–5 Jahren realistisch. Weitgehende Autonomie ist darüber hinaus in den meisten Bereichen in einem Zeitraum von 5–10 Jahren erreichbar, wenn dieses Ziel als politische Priorität im Rahmen einer gemeinsamen europäischen Anstrengung verfolgt wird. Die Frage des Ausbaus der europäischen nuklearen Abschreckung wird zwar für wichtig gehalten, aber hier nicht vertieft.

Die Kosten verteidigungspolitischer Autonomie Europas schätzen wir auf 150–200 Mrd. Euro bis 2030 und insgesamt auf etwa 500 Mrd. über das nächste Jahrzehnt. Dies reflektiert die Kosten der Souveränitätsagenda und ist im Rahmen der aktuellen Finanzplanung umsetzbar, wenn ein Drittel des geplanten Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets von jährlich 200 Mrd. Euro entsprechend investiert wird – oder etwa 10 % der gesamten europäischen Verteidigungsausgaben. Relativ zur Wirtschaftsleistung der EU plus UK und Norwegen entsprechen Ausgaben von rund 50 Mrd. pro Jahr über das nächste Jahrzehnt für die Souveränitätsagenda etwa 0,25 % des BIP. Der gesamte Finanzierungsbedarf von rund 500 Mrd. Euro ist zudem deutlich niedriger als das NextGeneration EU-Programm (750 Mrd.) zur Überwindung der Covid-Pandemie.

Der entscheidende Engpass ist daher weder Geld noch Technologie. Die Umsetzung des Programms hängt an politischer Priorisierung und Führung, industrieller Koordination und der Bereitschaft, die ineffiziente und teure Fragmentierung der europäischen Verteidigung hinter sich zu lassen. Gerade die Erfahrungen und Erfolge der Ukraine in den letzten Jahren zeigen, was möglich ist, wenn klare Zielsetzungen und technologische Prioritäten definiert werden.

Wir identifizieren 10 zentrale Fähigkeitslücken Europas, die auf dem Weg zu eigenständiger Handlungsfähigkeit adressiert werden müssen:

  1. Führungssysteme: Aufbau eines resilienten Führungs- und Kontrollsystems für gestörte Kommunikationslagen mit vernetzter Architektur und delegierter Auftragsführung bis zur taktischen Ebene.
  2. Skalierte autonome Systeme: europäische Massenproduktion für Drohnen und Loitering-Munition mit Kapazität für mehrere Millionen Einheiten pro Jahr, wartende Präzisionsmunition und unbemannte Bodensysteme müssen als zentrale europäische Produktionskapazität aufgebaut werden, anstelle der bisher üblichen Vergabe als einzelne Beschaffungslose.
  3. Bodengebundener Deep Precision Strike & sechste Generation Luftkampfsysteme: Entwicklung und Produktion europäischer weitreichender Präzisionswaffen, ballistischer Flugkörper, Hyperschallfähigkeiten, 6ter Generation Kampfflugzeuge und unbemannter Begleitplattformen mit Lieferketten außerhalb der US-Exportkontrolle.
  4. Luftverteidigung: Aufbau einer gestaffelten Verteidigung von Drohnenabwehr im Nahbereich über mittlere Flugabwehr bis Raketenabwehr; günstige Abfangsysteme und Kostenparität mit der Bedrohung sind zentrale Aufgaben.
  5. Satellitenaufklärung & Kommunikation: Aufbau einer europäischen Satellitenkonstellation für Aufklärung, Kommunikation und Navigation, damit Europa weniger abhängig von Starlink, GPS und nicht-europäischen Datenquellen wird.
  6. Space Launch: Europäischer souveräner Zugang zum All erfordert deutlich höhere Kapazitäten verschiedener Trägersysteme. Insbesondere muss das existierende Ariane-Programm durch kleine und mittlere Trägerraketen in hoher Startfrequenz ergänzt werden. Außerdem werden langfristig Schwerlastraketen mit wiederverwendbaren Stufen benötigt.
  7. Persistente Luftaufklärung (ISR): Beschleunigte Entwicklung von langfliegenden Aufklärungsdrohnen, damit Lagebilder dauerhaft erhoben und direkt in Führungs- und Wirksysteme eingespeist werden können.
  8. Militärische Cloud, Software & KI: Aufbau einer souveränen europäischen Daten- und KI-Infrastruktur, die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführt, auswertet und schnell bis zu den Einheiten im Einsatz bringt.
  9. Strategischer Lufttransport und militärische Einsatzversorgung: Transportflugzeuge, Luftbetankung, Verwundetentransport, einsatznahe Militärhospitäler und Schutz gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren.
  10. Elektronische Kampfführung, Unterdrückung und Zerstörung gegnerischer Luftverteidigung: Europa muss gegnerische Sensoren, Funkverbindungen und Luftverteidigung stören oder ausschalten können, um eigene Operationen gegen gut geschützte Gegner durchsetzbar zu machen.

Dieses Papier adressiert deutsche und europäische Entscheidungsträger. Deutschland trägt mit dem größten europäischen Verteidigungsetat besondere Verantwortung. Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie führt zwangsläufig über den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands für die europäische Verteidigung. Eine europäische Strategie ist auch im Interesse der deutschen Steuerzahler notwendig, um eine Fortsetzung der enormen Ineffizienzen durch europäische Fragmentierung der Verteidigung zu verhindern. Gemeinsame europäische Finanzierung muss zum Aufbau gemeinsamer europäischer Fähigkeiten eingesetzt werden. Die vorgeschlagenen Programme sind daher konsequent europäisch für ein „Team Europa“ im Format der „Coalition of the Willing“ ausgelegt, im Sinne eines gemeinsamen Vorgehens mit den Staaten Mittelosteuropas und Skandinaviens sowie mit den klassischen Partnern in Westeuropa und Großbritannien.

Kostenschätzungen sind notwendigerweise mit erheblichen Unsicherheiten belastet. Die Kostenprojektionen stützen sich auf öffentlich verfügbare Vergleichsdaten sowie Einschätzungen von Fachexperten aus Industrie und Wissenschaft. Aufgrund der Neuartigkeit zahlreicher Fähigkeitskategorien und des Fehlens belastbarer Referenzprojekte auf europäischer Ebene sind Abweichungen in einer Bandbreite von ±20–30 % je Kategorie methodisch zu antizipieren. Erkenntnisse aus vergangenen Rüstungs- und Beschaffungsprogrammen belegen aber, dass bei akutem Handlungsdruck und Ressourcenverfügbarkeit regelmäßig strukturelle Kostensenkungen und verkürzte Umsetzungszeiträume eintreten. Die wichtigsten Gründe hierfür sind Lernkurveneffekte, Prozessoptimierung und industrielle Skalierungspotenziale. Ein Fokus auf skalierbare europäische Technologien könnte zu erheblichen Kosteneinsparungen führen.

Ein erheblicher Teil der identifizierten Fähigkeitslücken ist bei entsprechender politischer Priorisierung innerhalb weniger Jahre adressierbar. Voraussetzung hierfür ist, dass Europa die strategische Dimension seiner verteidigungspolitischen Herausforderung als sein „Manhattan Project" begreift: eine Aufgabe, die gebündelten politischen Willen, koordinierte Ressourcenmobilisierung und institutionelle Handlungsfähigkeit in einem Maße erfordert, das historischen Großprogrammen technologischer und industrieller Mobilisierung vergleichbar ist.

Dieses Positionspapier ist entstanden in Zusammenarbeit von: Dr. Jeannette zu Fürstenberg, Prof. Dr. Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann, Dr. Thomas Enders, und anderen.

Bibliographic data

Enders, Thomas. “Der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie:.” May 2026.

Dieser Artikel wurde zuerst am 07.05. vom Kiel Institut für Weltwirtschaft veröffentlicht. 

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