Dies ist ein Auszug des Berichts "Marokko als Migrationspartner". Für den kompletten Inhalt (inklusive Fußnoten), laden Sie bitte das digitale PDF herunter.
Executive Summary
Marokko ist ein zentraler Partner in der europäischen Migrationsaußenpolitik. Als wichtiges Herkunfts-, Transit-, und Zielland für Migrant:innen positioniert sich Marokko seit einigen Jahren als „Migrations-Champion“ des afrikanischen Kontinents und vereinbart bilaterale Migrationspartnerschaften mit europäischen Ländern – zuletzt mit Deutschland im Januar 2024. Allerdings ist öffentlich wenig bekannt, wie diese Migrationszusammenarbeit praktisch funktioniert und welche Effekte sie hat.
Diese Studie vergleicht die Migrationszusammenarbeit Marokkos mit Deutschland, Frankreich und Spanien und analysiert drei Bereiche:
1. Ziele und Prioritäten der vier untersuchten Länder. Marokko formt seine Migrationszusammenarbeit anhand klarer übergeordneter politischer Interessen. Insbesondere will es internationale Unterstützung für den Plan gewinnen, die Westsahara als autonomes Gebiet unter marokkanische Souveränität zu stellen, und sein Image als zuverlässiger internationaler Partner für europäische und afrikanische Länder pflegen. Migrationspolitisch will das Königreich die legale Migration in bestimmten Sektoren fördern, seine Grenzen kontrollieren und seine Diaspora wirtschaftlich und kulturell einbinden. Die Interessen der europäischen Länder liegen primär in den Bereichen Rückkehr, legale Arbeits- und Bildungsmigration und der Eindämmung irregulärer Migration – im Fall Spaniens bedeutet das insbesondere die Grenzkooperation.
2. Art und Formate der Zusammenarbeit. Das zentrale Format der bilateralen Migrationszusammenarbeit mit Marokko ist die Permanente Gemischte Migrationsgruppe (GMMP) – ein von Marokko initiiertes Instrument, in dessen Rahmen regelmäßige Treffen zwischen Vertreter:innen Marokkos und der jeweiligen europäischen Staaten stattfinden. Darüber hinaus sind klassische Kooperationsformate, insbesondere hochrangige politische Besuche, wichtig.
3. Effekte der Migrationszusammenarbeit. Die Effekte der Migrationszusammenarbeit mit Marokko sind in Deutschland, Frankreich und Spanien je nach Handlungsfeld unterschiedlich ausgeprägt:
Arbeitsprozesse: Die GMMP fördert persönliche Kontakte und Vertrauen zwischen den Beamt:innen und bringt daher klaren qualitativen Nutzen. Quantitative Entwicklungen, wie die Zahl der aus Europa zurückkehrenden oder regulär nach Europa einreisenden Marokkaner:innen, hängen hingegen auch von weiteren Faktoren ab, insbesondere dem Zustand der diplomatischen Beziehungen und innenpolitischen Maßnahmen.
Rückkehr: Die Zusammenarbeit in der GMMP und verbesserte diplomatische Beziehungen scheinen zu mehr Rückführungen aus Deutschland und Frankreich beigetragen zu haben, aber interessanterweise nicht aus Spanien. Dort sind die Rückkehrzahlen derzeit trotz verbesserter Zusammenarbeit mit Marokko sechsmal so niedrig wie zu Vor-Corona-Zeiten – wohl auch wegen innenpolitischer Maßnahmen zur Regularisierung von irregulär aufhältigen Migrant:innen.
Legale Migration: Die verstärkte Arbeitsmigration aus Marokko ist teilweise durch Zusammenarbeit, aber mehr durch unilaterale Politikmaßnahmen wie dem 2020 eingeführten und 2023 ausgeweiteten Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Deutschland erklärbar. Die Zahlen für ausgestellte Arbeitsvisa sind seitdem um mehr als das Zehnfache gestiegen. Visavergabeprozesse scheinen jedoch trotz der bereits erfolgten Personalaufstockungen nach wie vor ein Problem zu sein. Spanien und Frankreich dagegen bearbeiten seit Langem eine hohe Zahl an Visaanfragen aus Marokko und führten entsprechende administrative Anpassungen durch.
Irreguläre Migration: Durch die (auch mit europäischen Geldern finanzierten) Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen Marokkos verlagerten sich die Abfahrtsorte der zwei wichtigsten Migrationsrouten durch Marokko (westliche Mittelmeerroute und westafrikanische Route) in den letzten Jahren mehrfach. Dies hat den Nebeneffekt, dass die Zusammenarbeit mit weiteren Ländern entlang der neuen Routen, wie Senegal und Mauretanien, notwendig wird, und diese dann ihren zunehmenden Verhandlungsspielraum politisch nutzen können.
Die Bundesregierung sollte fünf Empfehlungen für die zukünftige deutsche Migrationszusammenarbeit mit Marokko und anderen Drittstaaten beherzigen:
1. Falls die Bundesregierung Marokko als Partnerland priorisieren möchte, sollte sie die GMMP unter Leitung eines hochrangigen Beamten weiterführen. Die neue Leitung sollte die Übergabe so gestalten, dass die ausschlaggebenden guten Beziehungen und Kontakte erhalten bleiben, insbesondere zu den zentralen Akteuren im marokkanischen Innenministerium und Außenministerium. Zudem sollte sich die deutsche Leitung mehr mit anderen europäischen GMMP-Leitungen austauschen, um ihre Verhandlungsfähigkeit zu stärken.
2. Deutschland sollte die Visakapazitäten in Marokko ausbauen und strategischer an Stoßzeiten anpassen. Lange Wartezeiten auf Termine und Bürokratie sind nach wie vor hartnäckige Hürden. Hier sollte Deutschland von Frankreich und Spanien lernen, die ihre Visumsverfahren angepasst haben, um höhere Antragszahlen zu bewältigen. Dies ist umso dringender, da sich die Zahl der Arbeitsvisa von Marokko nach Deutschland seit 2020 mehr als verzehnfacht hat. Das Auswärtige Amt sollte die Auslandsvertretung in Marokko anweisen, Visaanträge stärker thematisch zu bündeln, und temporäre Personalaufstockungen zu Stoßzeiten einplanen, etwa zu Beginn des Wintersemesters an deutschen Hochschulen.
3. Deutschland sollte außerdem stärker als bisher seine Soft Power ausbauen. Das könnte nicht nur über hochrangige Besuche auf Minister- oder Staatssekretärsebene funktionieren, die in der Vergangenheit eher selten waren, sondern auch über Sprachförderung und Bildungskooperationen. Da für Marokko die Studierendenmobilität von großer Bedeutung ist, könnte Deutschland beispielsweise die Zahl der DAAD-Stipendien erhöhen. Außerdem sollte Deutschland die durch die GIZ-Projekte aufgebauten Arbeitsbeziehungen und Strukturen besser nutzen, um die Fachkräftemigration von Marokko nach Deutschland auszubauen.
4. Deutschland sollte die schleppenden Migrationskooperations-Formate mit anderen Ländern so anpassen, dass die Partnerländer sie aktiv mitgestalten können. Eine der wichtigsten Lehren aus der Migrationszusammenarbeit mit Marokko ist: Die Umsetzung gemeinsamer Pläne gelingt eher, wenn das Partnerland selbst das Kooperationsformat gestaltet. Das GMMP-Format funktioniert vor allem deshalb, weil die marokkanische Seite es als ihr eigenes Instrument ansieht.
5. Schließlich sollte die Bundesregierung eine einheitliche Länderliste erarbeiten, die die priorisierten Partnerländer festlegt und für alle Ministerien und Behörden gilt. Derzeit haben verschiedene Ministerien und Behörden unterschiedliche Fokusländer, was ein kohärentes Vorgehen Deutschlands erschwert und Ressourcen unnötig bindet.
Einführung
Ein Tor zwischen Europa und Afrika: So sieht sich Marokko selbst. Aus europäischer Sicht hat Marokko drei Migrationsfunktionen. Erstens ist es ein wichtiges Herkunftsland: 2,2 Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner hatten Ende 2024 eine Aufenthaltsgenehmigung in der Europäischen Union. Zweitens ist Marokko eines der Haupttransitländer für Menschen, die Europa aus Afrika erreichen wollen: Zwei wichtige Migrationsrouten, nämlich die westliche Mittelmeerroute und die westafrikanische Route, führen durch das Land nach Spanien. Drittens wird Marokko zunehmend zu einem Zielland: Zwischen 2014 und 2024 wuchs die registrierte ausländische Bevölkerung in Marokko um über 70 Prozent, wobei ein immer größerer Anteil aus anderen afrikanischen Ländern stammt.
Marokkos Migrationsinteressen sind daher umfassend. Das Land möchte die Potenziale seiner Diaspora besser nutzen, die legale Migration in ausgewählten Bereichen fördern und sich zunehmend als „Migrations-Champion“ des afrikanischen Kontinents positionieren. Darüber hinaus verfolgt Marokko auch in seiner Migrationsaußenpolitik ein übergeordnetes politisches Ziel, nämlich internationale Unterstützung für seinen Autonomieplan für die Westsahara zu finden.
Es überrascht daher nicht, dass Marokko seit einigen Jahren zunehmend bilaterale Migrationspartnerschaften mit europäischen Ländern vereinbart – unter anderem 2024 mit Deutschland. Denn es sind längst nicht nur die europäischen Länder, die die Zusammenarbeit mit Marokko vorantreiben, sondern Marokko, das selbst aktiv, strategisch, parallel und bilateral mit europäischen Ländern kooperiert.
Allerdings ist wenig öffentlich darüber bekannt, wie diese bilaterale Migrationszusammenarbeit funktioniert und welche Effekte sie bringt. Diese Studie soll dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen. Sie vergleicht systematisch, wie Marokko mit Deutschland, Frankreich und Spanien im Bereich Migration zusammenarbeitet.
Diese Studie beantwortet vier Forschungsfragen:
- Welche Ziele und Prioritäten verfolgen die vier untersuchten Länder in der bilateralen Migrationszusammenarbeit? (Kapitel 2)
- In welchen Formaten ist die Zusammenarbeit zwischen den Ländern organisiert? (Kapitel 3)
- Was sind die Effekte der Migrationszusammenarbeit laut Vertreter:innen von Regierungen, internationalen Organisationen und Zivilgesellschaft? (Kapitel 4)
- Welche Lehren kann Deutschland aus dem Vergleich mit Spanien und Frankreich für die Migrationskooperation mit Marokko ziehen? (Kapitel 5)
Die vorliegende Studie hat fünf Einschränkungen.
Vertraulichkeit beschränkt Detailtiefe: Erstens sprachen viele Interviewpartner:innen nur unter der Bedingung, dass die Autorinnen die Informationen komplett oder teilweise vertraulich behandeln. Das lieferte den Autorinnen zwar wertvolle Kontextinformation, sie konnten diese jedoch weder veröffentlichen noch breit diskutieren. Der vorliegende Bericht basiert daher ausschließlich auf freigegebenen Informationen. Zudem bleibt die Interviewliste (siehe Anhang) teilweise anonym, um die Identität der Interviewpartner:innen zu schützen.
Ungleiche Zugänge: Die Zugänge zu Interviewpartner:innen waren thematisch ungleich verteilt. Die Autorinnen nutzten das Schneeball-Prinzip, um Interviewpartner:innen anzuschreiben. Je nach Ministerium, Land und Thema war der Zugang unterschiedlich. Die Autorinnen führten beispielsweise mehr Interviews mit Regierungsvertreter:innen aus Deutschland und Frankreich als aus Spanien und Marokko. Um diese Einschränkung zu kompensieren, führten die Autorinnen mehr Experteninterviews zu den Themenfeldern, in denen der Zugang zu Regierungsvertreter:innen schwieriger war.
Deutschlandbezug: Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert und von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik durchgeführt. Zwar stellten die Forscherinnen in jedem Interview klar, dass sie nicht die deutsche Bundesregierung vertreten, dennoch kann es sein, dass Interviewpartner:innen ihre Antworten wegen dieses Bezugs zu Deutschland und zur deutschen Regierung zurückhaltender formulierten.
Zeitraum: Die Forscherinnen führten die Interviews zwischen April und September 2025. Entwicklungen, die nach diesem Zeitraum stattfanden, konnten die Interviewpartner:innen nicht berücksichtigen. Weder der Regierungswechsel in Frankreich noch die Ernennung eines neuen Botschafters für Migrationszusammenarbeit in Deutschland konnten in den Interviews thematisiert werden.
Diese Studie hat zwei Ziele: erstens das Wissen und Verständnis von Regierungsvertreter:innen und der breiten Öffentlichkeit über die bilaterale Migrationskooperation zu stärken und zweitens konkrete Empfehlungen zu geben, wie Deutschland seine Migrationszusammenarbeit verbessern kann.
Mehrere Visualisierungen sollen den Leser:innen dabei helfen, die hier dargestellten Informationen leichter nachverfolgen zu können. Abbildung 3 gibt einen schnellen Überblick über die Migrationszusammenarbeit der vier Länder in den letzten vierzig Jahren, inklusive relevanter Abkommen und Meilensteine. Abbildung 9 erklärt Grundlagen der handelnden Akteure. Weitere Grafiken (v.a. in Kapitel 4) verdeutlichen die quantitativen Entwicklungen in den Bereichen Rückkehr, legale Migration und irreguläre Migration.
