Die Unabhängigkeit ist für Peking nicht verhandelbar

50 Jahre Autonome Region Tibet

9. September 2015 - 0:00 | von Eberhard Sandschneider

Interview mit Eberhard Sandschneider im Deutschlandradio Kultur vom 9. September 2015

Kategorie: China

Seit 50 Jahren gehört die Autonome Region Tibet zu China. Warum Peking dort immer wieder mit großer Härte durchgreift, erklärt der China-Kenner Eberhard Sandschneider von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Interview mit Eberhard Sandschneider im Deutschlandradio Kultur vom 9. September 2015

Nana Brink: Tibet. Es gibt ja viele Tibets, das Dach der Welt, die tibetische Kultur ist über Grenzen verteilt. Und ein Großteil liegt in der autonomen Region Tibet. Sie wurde heute vor 50 Jahren in der tibetischen Hauptstadt Lhasa begründet und gefeiert und mit dem 9. September sollte die Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China abgeschlossen werden. Die hatte ja mit dem Einmarsch chinesischer Truppen 1951 begonnen.

Professor Eberhard Sandschneider ist Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und beschäftigt sich seit Langem mit China und der Region. Ich grüße Sie!

Eberhard Sandschneider: Schönen guten Morgen!

Brink: Wo steht Tibet heute, wie fest ist es denn nun eingebunden in das Riesenreich China?

Peking lässt über alles mit sich reden, nur nicht über die Tibet-Frage

Sandschneider: Einerseits ist Tibet seit 50 Jahren wirklich fest eingebunden und die Volksrepublik lässt über alles mit sich reden, nur nicht über die Tibet-Frage.

Andererseits ist Tibet immer wieder einmal einer der wesentlichen Unruheherde in dem Gesamtkosmos der Volksrepublik China. Das ist das Spannungsverhältnis, das eigentlich seit 50 Jahren besteht und wohl auch noch die nächsten Jahre weiter bestehen wird.

Brink: Wir haben ja gesehen, 2008 gab es massive Unruhen, die auch blutig niedergeschlagen worden sind. Muss denn China dann immer wieder, ich sage mal, auch Gewalt aufwenden, um dieses Tibet im Griff zu halten?

Sandschneider: Ja, ganz offensichtlich, und das passiert auch: Überall dort, wo es Unruhen gibt, wo auch nur der Verdacht eines möglichen Aufstandes entsteht, greifen die chinesischen Behörden rigoros und mit zum Teil brutaler Härte durch.

Abschreckung ist ein Ziel, Kontrolle ist ein anderes Ziel. Es zeigt sich aber, dass mit solchen rein drakonischen Maßnahmen Tibet nur schwer zu befrieden ist.

Auch die Versuche, etwa durch wirtschaftliche Entwicklung mehr Zustimmung aus der tibetischen Bevölkerung zu bekommen, haben bis heute nur begrenzte Erfolge für China gezeitigt. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass Peking an der Zugehörigkeit Tibets zum chinesischen Staatsverbund unverbrüchlich festhält.

Brink: Warum, warum ist das so massiv?

Stabilität und Souveränität sind die beiden großen Generalziele Chinas

Sandschneider: Sie meinen die chinesische Reaktion? Man muss, glaube ich, verstehen in Anbetracht der Geschichte Chinas, der Zerrissenheit des Landes, die Rolle von ausländischen Mächten in den letzten beiden Jahrhunderten, der Krieg gegen Japan, der jetzt gerade nach 70 Jahren zu Ende gegangen ist - das alles prägt die politische Elite Chinas insgesamt und insbesondere auch die kommunistische Elite.

Stabilität und Souveränität sind deshalb die beiden großen Generalziele, an denen nicht gerüttelt wird, und das beobachtet man in Tibet, aber auch in der nördlich gelegenen uigurischen Provinz Xinjiang, man beobachtet es allerdings auch bei den Gebietsansprüchen Chinas, etwa im Ost- oder Südchinesischen Meer.

Brink: Wie reagiert denn die Bevölkerung in Tibet darauf? Steht man sich da immer noch unversöhnlich, oder stehen sie unversöhnlich den Chinesen, dem chinesischen Regime gegenüber?

Die schlimmste Zeit war die Phase der Kulturrevolution

Sandschneider: In Teilen natürlich schon, und das hat sehr viel auch damit zu tun, wie die chinesischen Behörden mit der tibetischen Kultur umgegangen sind.

Die schlimmste Zeit war sicherlich die Phase der Kulturrevolution, da sind Kulturgüter, religiöse Güter von Rotgardisten wirklich mutwillig zerstört worden.

Das muss man sich so vorstellen, als würde man in Deutschland die Kruzifixe von den Wänden nehmen, auf die Straße legen, einbetonieren und die Bevölkerung zwingen, darüberzulaufen, solche Dinge sind in Tibet passiert und die haben natürlich zu einem tief sitzenden Unmut geführt.

Auf der anderen Seite wissen wir nicht genau, wie die Teile der tibetischen Bevölkerung, die teilhaben können am chinesischen Modernisierungsprozess, diesen auch unterstützen.

Brink: Wie massiv sind denn diese Friktionen, die Sie gerade auch beschrieben haben? Kann es sein, Sie haben gesagt, China hält unbedingt daran fest, Tibet weiterhin einzugliedern. Kann das mal auseinanderbrechen? Wie schätzen Sie das ein? Oder kann es zu einem Problem werden für China, andersherum gefragt?

Die Gefahr, dass China auseinanderbricht, ist gering

Sandschneider: Na ja, ein Problem ist es schon, es ist ein Stabilitätsproblem, das permanent großer Aufmerksamkeit bedarf. Und das ist auch genau die Politik der Volksrepublik China, es gibt in Tibet keine noch so kleine Aufstandsbewegung, Unruhe oder was auch immer, was nicht sofort die massive Aufmerksamkeit der chinesischen Sicherheitsbehörden findet.

Ich halte insgesamt die Gefahr, dass China auseinanderbricht, für einigermaßen gering. Tibet und Xinjiang sind die beiden Westprovinzen, die natürlich am schwierigsten einzuschätzen sind, aber auch dort muss man sagen: Die Kosten einer Rezession wären so immens, dass kaum vorstellbar ist, dass das in absehbarer Zeit passiert.

Die eigentliche Stabilitätsfrage Chinas ist keine Frage des Zerbrechens, sondern eher eine Frage der inneren wirtschaftlichen und sozialen Stabilisierung.

Brink: Weshalb Sie gesagt haben, es ist ein Koloss auf tönernen Füßen?

Sandschneider: Ja, natürlich. Und wir haben es in den letzten Wochen ja auch erlebt ... das Platzen der Börsenblase in China, das passiert nun einmal, wenn man kapitalistisch-marktwirtschaftliche Strukturen einführt ... sofort die Aufmerksamkeit auch auf die Schattenseiten des unglaublichen Wirtschaftserfolgs von China richten.

Auch da darf man nicht übertreiben, auch diese Börsenblase wird vorbeigehen, auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden sich beheben, aber in China wachsen die Bäume eben auch nicht in den Himmel. Und ein Land, das 30 Jahre so schnell gewachsen ist, darf auch mal für geraume Zeit das Wachstumstempo verringern, ohne dass gleich die Welt zusammenbricht.

Brink: Professor Eberhard Sandschneider, Direktor am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Schönen Dank, Herr Sandschneider, für das Gespräch!

Sandschneider: Bitte sehr!

 
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