Höfliche Revolutionen

Japans Thronwechsel setzt eine erfolgreiche Geschichte wandelbarer Tradition fort

30. April 2019 - 0:00 | von Volker Stanzel

DGAPstandpunkt 12, 30. April 2019, 4 S.

Kategorie: Staat und Gesellschaft, Politisches System, Politische Kultur, Japan

Japans neuer Kaiser Naruhito hat ein scheinbar unpolitisches Amt, aber große Bedeutung im sich rapide wandelnden Japan: In einer Dialektik zwischen Tradition und Moderne spielt er eine wichtige integrative Rolle. Dem scheidenden Kaiser Akihito gelangen Traditionsbrüche ohne Disruption. Die Regierung hat mit der Namenswahl für Naruhitos Regentschaft die „Harmonie“ als Referenzrahmen gesetzt. Als Tenno wird er für Japans Interesse am Erhalt der gefährdeten, für Japan wichtigen internationalen Ordnung stehen.

© REUTERS/Thomas Peter

Mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement hat die Öffentlichkeit Japans den Rücktritt des Kaisers Akihito am 30. April und die Übernahme des Thrones durch Naruhito, seinen Sohn, am 1. Mai erwartet. Das demokratischste Land Asiens und zugleich eine Monarchie altertümlichsten Zuschnitts? So ultramodern Japan heute sein mag, so traditionsreich ist es auch: Der Thronfolger wird der 126. Tenno in der langen Linie der seit fast anderthalb Jahrtausenden ununterbrochen herrschenden, einzigen verbliebenen Kaiserdynastie der Welt sein.

Der Thronwechsel ist zugleich weit über das Land hinaus relevant: Die einzigartige Institution des Tenno hat Japan seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Stabilität gegeben, wenn größte Umwälzungen den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdeten. Damit hat sie wesentlich dazu beigetragen, dass Japan ein verlässlicher Partner in einer Region sein konnte, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in unterschiedlichster Weise erschüttert und verunsichert wurde – wie etwa durch den Vietnamkrieg oder die Entwicklung der Volksrepublik China. Gerade für Deutschland als dem wichtigsten europäischen Wirtschaftspartner Ostasiens ist diese Verlässlichkeit Voraussetzung für eine langfristig orientierte Asienpolitik.

Disruptive Kontinuität in der demokratischen Monarchie

Dreißig Jahre lang war Akihito auf dem Thron. Er war auf seinen Vater Hirohito gefolgt, der von 1926 bis 1989 regierte und in noch nicht final geklärter Weise Mitverantwortung für Japans Anteil am Zweiten Weltkrieg trug. Die Zeit Hirohitos nach dem Krieg war die des Wiederaufbaus und des japanischen Wirtschaftswunders. Akihito wiederum erlebte nach seinem Amtsantritt im Alter von 55 Jahren den großen Einbruch der japanischen Wirtschaft, von dem das Land sich erst nach anderthalb Jahrzehnten erholte. Hinzu kamen Naturkatastrophen wie, am dramatischsten, der Tsunami vom 11. März 2011. In dieser Zeit unerwarteter Umbrüche war Akihito ein Ruhepol, ein ruhiger, ziviler Herrscher, dessen größter Ehrgeiz es war, wie er in seiner Antrittsrede angekündigt hatte, „dem Volk nahe zu sein“. Akihitos Regentschaft stand unter dem Namen „Heisei“ („Frieden nach innen und außen“).

Mit seinem Postulat, dem Volk nah sein zu wollen, brach der 125. Tenno sanft mit der Tradition, die eigentlich eine glanzvolle Abgehobenheit des Kaisers vorschrieb: Die Nähe zum Volk gelang Akihito durch viele geradezu spektakulär bescheidene Auftritte in der Öffentlichkeit, durch die fast gänzliche Abwesenheit von Skandalen in seiner Familie, vor allem durch seine Präsenz und die der Kaiserin nach den Katastrophen, die Japan immer wieder heimsuchten. 

Symbolisch für die Verbundenheit des Kaisers mit den Bürgerinnen und Bürgern wurden die Bilder der knienden Majestäten, wie sie die Überlebenden der großen Erdbeben von 1995, 2004 oder 2011 besuchten. Sein Thronfolger will die Nähe zum Volk weiterleben, mit der Akihito in der japanischen Seele eine zuvor so ungewohnte Saite zum Klingen brachte: Naruhito hat angekündigt, „Freude und Leid“ mit seinem Volk teilen zu wollen, und will sich darüber hinaus dem Umweltschutz widmen. Wie schon sein Vater wird er zeitgemäße Impulse setzen, ohne die jahrtausendalte Tradition zu unterminieren.

Die Autorität des Tenno: Umfassend, aber nicht (an)greifbar

Die Verbindung von Kontinuität und Wandel entspricht der ausgeprägten Abneigung der japanischen Kultur, Überholtes zum alten Eisen zu werfen. Dies zeigt sich in der Entwicklung des Tennosystems selbst: Der Ursprung des japanischen Herrscherhauses ist zeitlich nicht genau festzumachen, aber es dürfte das sechste Jahrhundert gewesen sein, als der Clan der heutigen Tennofamilie sich die Herrschaft über das Land erkämpfte und sich sogleich zu Abkömmlingen der höchsten Gottheit, der Sonnengöttin, erklärte. Die Herrschaft dieses Clans ging in endlosen Machtkämpfen schon nach etwa zweihundert Jahren zu Ende, die Zeit des Tennowesens aber nicht. 

Noch heute verkörpert der Tenno die japanische Kultur. Er symbolisiert sie dabei auf eine Weise, die auf den ersten Blick widersprüchlich scheint – umfassend und zugleich inkonkret, als Autorität unübertroffen und zugleich wenig greifbar, interpretierbar, aber kaum angreifbar. Das Verhältnis der Japanerinnen und Japaner zu ihrem Kaiser ist dementsprechend: In Umfragen erklären große Mehrheiten, den Tenno zu „mögen“, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was wissen sie denn auch konkret von ihm? Der Tenno darf kein öffentliches Wort sagen, das nicht vorab von der Regierung entworfen und aufgeschrieben wurde. Kein öffentlicher Auftritt, der nicht vom Hofamt mit der Regierung genauestens verabredet wurde. Diese Rolle schreibt die japanische Verfassung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor: Der Tenno soll nicht mehr Politik machen, nachdem er vor dem Krieg zu sehr vor den Karren der imperialistischen Führer des Landes gespannt worden war. 

Stille Macht: Die Dynamik zwischen Tenno und Regierung

Und doch hat der Tenno große Autorität. Wie sonst hat er die Regierung gezwungen, seinen Rücktritt zu billigen, der von einem Gesetz des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen wird? Er hätte seine Rede im August 2016, mit der er seinen Rücktrittswunsch aus Gesundheitsgründen zum ersten Mal öffentlich machte, nie halten können, wenn die Regierung nicht vorab zugestimmt hätte. Einen Wunsch des Tennos abzulehnen, war wiederum für die Regierung ausgeschlossen. Im Juni 2017 verabschiedete das japanische Parlament das Sondergesetz, das Akihitos Rücktritt ermöglichte. 

Akihito setzte ebenfalls hochpolitische Handlungen durch, als er Entschuldigungen für Japans Kriegsuntaten gegenüber Korea und Japan aussprach. Auch dieser Schritt gelang Akihito mit Hilfe der Autorität, die er der Regierung gegenüber besitzt, die aber keinesfalls öffentlich dargestellt werden kann. Wie sein Rücktrittswunsch war dies eine still und höflich vollzogene Revolution.

Dialektik von Alt und Neu: Der Kaiser als politische Funktion

Akihitos Regentschaft setzte in einer dialektischen Spannung zwischen Tradition und (leiser) Disruption den Prozess der Veränderung fort, der das Tennowesen insbesondere seit der sogenannten Meiji-Restauration ab 1868 prägte. Für die Erneuerer Japans in dieser Periode, die 1890 mit der Verfassung des Japanischen Kaiserreiches endete, war der Tenno nützlich: In der sich mit Hochgeschwindigkeit modernisierenden japanischen Gesellschaft schien er als Institution aus Sicht der Modernisierer geeignet, die traditionsverhaftete Identität Japans zu verkörpern. Die dem Tenno eigene Dialektik zwischen Tradition und Veränderung wurde in dieser Epoche angelegt. Zuvor waren ihm spätestens ab dem 9. Jahrhundert einzig noch seine religiösen Rechte als Gottheit und oberster Priester der Shinto-Religion und damit Garant des Wohlergehens des Landes verblieben. Später war er nurmehr ein in seinem Palast verarmender Gefangener der herrschenden Samurai-Familien.

Der Zusammenhalt des neuen Japans verdankt sich somit dieser Rolle des Kaisers: Er spiegelte, was immer die politischen Herrscher aus dem Land machten – Kolonialmacht, Diktatur und nun die neue demokratische Nachkriegsgesellschaft. Durch diese Funktion erhielt der Tenno unter Akihito einen Raum, den er in den vorangegangenen Jahrhunderten nicht besessen hatte. Akihito verkörperte auch den Individualismus des modernen Japaners, seine Weltoffenheit und seine Liberalität. Dies wird noch in der Gewandung des Kaisers deutlich: So finden die Zeremonien zur Abdankung und zur Thronbesteigung in Kleidern aus der Zeit vor tausend Jahren statt, die erste Begegnung des neuen Kaisers mit den ausländischen Botschaftern dagegen im Frack.

Von Geisha zu Manga: Das moderne Japan

Während der dreißig Jahre Akihitos auf dem Thron ist Japan eine zivile Friedensmacht geworden, neben der Bundesrepublik Deutschland eines der beliebtesten Länder weltweit. Statt an Geishas und Teezeremonie denkt der Betrachter Japans heute an Sushi und Mangas. Es ist eine tolerante, gelassene Gesellschaft, noch immer die drittstärkste Wirtschaft der Welt. Wer den Raum Tokio, das größte städtische Ballungsgebiet der Welt, besucht, der erlebt, wie reibungs- und fast anstrengungslos eine moderne Industriegesellschaft funktionieren kann. 

Dennoch ist Japan heute einigermaßen hilflos den großen Machtverschiebungen unserer Zeit ausgeliefert und orientiert sich auf Wohl und Wehe an den USA sogar Trumpschen Zuschnitts. Als wäre das nicht genug, brummt die Wirtschaft nur noch mäßig, denn die großen Unternehmen investieren lieber im Ausland. Die lockere Geldpolitik unter Premierminister Shinzo Abe gerät zunehmend in die Kritik, die Staatsverschuldung ist mit 234 Prozent des Bruttoinlandproduktes noch immer eklatant. Wegen der Überalterung der Gesellschaft gibt es immer weniger Arbeitskräfte und auch immer weniger Konsumenten: Mehr als ein Viertel der japanischen Bevölkerung (27,05 Prozent) waren nach Angaben der Weltbank im Jahr 2017 älter als 65 Jahre; Japan hat damit weltweit die älteste Bevölkerung, noch vor Deutschland, das mit 21,45 Prozent an zweiter Stelle liegt.

Der neue Kaiser Naruhito, der am Mittwoch den Chrysanthementhron besteigt, wird also gefordert sein. Sein erster Gast ist übrigens US-Präsident Donald Trump. Japan wird mit Spannung zuschauen, wie sich bei dessen Besuch zwei Welten begegnen: der bescheidene Weltbürger mit der großen traditionsreichen Institution im Rücken und der lautstarke Traditionsverächter, mächtigster Mann der Welt. Naruhito wird die schwierige Aufgabe zu meistern haben, Trump das Interesse Japans am Erhalt der engen japanisch-amerikanischen Beziehung in schwieriger Zeit deutlich zu machen, ohne in seinen Äußerungen auch nur ein Jota vom vorgegebenen Redetext abweichen zu dürfen. Es ist die wortlose Kommunikation zwischen den beiden, die für Naruhito zur Bewährungsprobe werden wird. Maßstab wird die souveräne Handhabung vergleichbar schwieriger Begegnungen durch Naruhitos Vater sein, damals mit den Präsidenten Chinas und Koreas. 

„Reiwa“: Von der Friedensepoche zur Vision „schöner Harmonie“

Kaum etwas veranschaulicht die Veränderungen, auf die sich der neue Kaiser einlassen und denen er als Integrationsfigur in der japanischen Gesellschaft entgegenwirken muss, deutlicher als die Bezeichnung, die Premierminister Abe für die neue dynastische Periode unter Naruhito ausgesucht hat. Die Namensnennung ist eine für die japanische Öffentlichkeit bedeutsame Regelung: Traditionell wird dem Tenno mit der Thronbesteigung für seine Regentschaft ein glücksverheißender Name mitgegeben, mit dem danach offiziell die Jahre gezählt werden: Nach Akihitos Fokus auf Frieden („Heisei“) wählte Abe für die neue Periode unter Naruhito „Reiwa“ („schöne Harmonie“), zwei Schriftzeichen aus einer Gedichtsammlung des achten Jahrhunderts. 

Der Name gestattet mehrere Konnotationen: Eine mögliche Übersetzung des Begriffs ist auch „schönes und geordnetes Japan“, ein Begriff, den Abe bereits während seiner ersten Regierungszeit 2006 postulierte, als er zum Ziel erklärte, ein „schönes Japan“ zu schaffen. Ein anderer möglicher Kontext ist der altgriechische Begriff des „kosmopolitischen“ Staats, der damals als „schön geordneter Staat“ verstanden wurde. Hat Abe dies im Sinn gehabt, dann entspräche dies der heutigen globalen Verflechtung Japans. 

Egal, welcher Wendung der Vorzug gegeben wird, so greift die neue Botschaft jedoch eines auf: Die dynastische Periode unter Naruhito wird Herausforderungen der inneren und äußeren Ordnung entgegnen müssen. Entsprechend der dialektischen Rolle des Kaisers, integrative Traditionsgestalt in einer sich wandelnden modernen Gesellschaft zu sein, ist damit der Referenzrahmen für Naruhitos Regentschaft definiert, der zugleich das Programm der Regierung untermauert.

Insbesondere der Fokus auf Japans Rolle in der globalisierten Welt entspräche den Neigungen Naruhitos. Auf zahlreichen Auslandsreisen hat er seinen Vater Akihito vertreten, er hat in Oxford Geschichte studiert, seine Frau Masako war Diplomatin und studierte an der Universität Harvard Wirtschaftswissenschaften und ebenfalls in Oxford internationale Beziehungen. In Blaubeuren lernte sie am Goethe-Institut Deutsch. Wenn der Tenno und seine Familie Japans demokratische Kultur, seine international ausgerichtete Gesellschaft und sein ultramodernes Wesen spiegeln sollen, dann dürfte Naruhito darauf vorbereitet sein.

 
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