Buchkritik

01. März 2021

Porträt eines zersplitterten Landes

Warum kommt Frankreich nicht zur Ruhe? Neugierig und verwundert blickt man aus Deutschland auf die andere Rheinseite. Ein französischer Politologe und ein Ex-Berater Emmanuel Macrons gewähren Einblicke in die Gemütslage der Grande Nation.

Bild
Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Ist Frankreich in einer dauernden sozialen und politischen Abwärtsspirale gefangen? Fast hat man den Eindruck. Dabei hatten viele noch im Jahr 2017 auf einen Neuanfang gehofft. Mit der überraschenden Wahl Emmanuel Macrons zum Präsidenten schien die lange überfällige Versöhnung zwischen politischen Eliten und Bevölkerung greifbar. Macron galt als europäischer Visionär und potenzieller Reformer im eigenen Land.



Heute, vier Jahre später und ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl 2022, ziehen sich immer noch tiefe, schier unüberwindbare Gräben durch die Gesellschaft und Politik Frankreichs. Immer wieder aufflackernde Proteste, wachsender Nationalismus, der Aufstieg der extremen Rechten, islamistische Terroranschläge, Debatten um Religions- und Meinungsfreiheit sowie die Corona-Pandemie haben den Glauben der Franzosen an ihr Land erschüttert. Frankreich droht sich auf der Suche nach der eigenen Identität zu verlieren.



Kurzes einigendes Intermezzo

Für Jérôme Fourquet kommen die aktuellen Entwicklungen wenig überraschend. Bereits die Wahl Macrons, die in Frankreich gemeinhin als „big bang politique“ wahrgenommen wurde, habe sich weit im Voraus angekündigt, erklärt der Politikwissenschaftler in seinem Bestseller „L’archipel français: Naissance d’une nation multiple et divisée“.



Um den aktuellen Zustand der französischen Gesellschaft zu beschreiben, bedient sich der Autor der Metapher eines Archipels. Die Inseln dieses Archipels repräsentieren unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, deren Interessen zusehends auseinanderdriften und für sich existieren.



In der „Archipelisierung“ Frankreichs sieht Fourquet das Ergebnis eines gesellschaftlichen Fragmentierungsprozesses, der sich seit nunmehr 30 Jahren beobachten lasse. Seit Langem seien weder das konservative Lager noch die französische Linke imstande, eine Mehrheit der französischen Wählerinnen und Wähler an sich zu binden. Die Entstehung einer neuen Bewegung wie Macrons „La République en Marche“ war aus Fourquets Sicht eine geradezu logische Konsequenz.



Gleichwohl habe die Wahl Macrons nur ein kurzes einigendes Intermezzo in der jüngeren Geschichte Frankreichs gebildet. Heute seien die Trennlinien zwischen den gesellschaftlichen Gruppen deutlicher denn je.



Bastionen des Katholizismus

Die Auseinandersetzung mit diesen Trennlinien ist lange überfällig. Mit „L’archipel français“ füllt Jérôme Fourquet diese Lücke und sucht nach den Ursachen für die Zersplitterung Frankreichs. Er macht sie in erster Linie fest am Bedeutungsverlust ehemals strukturierender Elemente der französischen Gesellschaft wie etwa dem Katholizismus. Die katholischen Werte und Normen, die allem Laizismus zum Trotz bis vor wenigen Jahren das historische und kulturelle Fundament Frankreichs gewesen seien, hätten ihre Bedeutung für die Identität des Landes und für den Zusammenhalt der französischen Gesellschaft verloren.



Davon zeugen die quantitativen Datenerhebungen des renommierten Meinungs- und Marktforschungsinstituts IFOP, dessen Abteilung für Meinungsforschung Fourquet leitet. Demzufolge würden beispielsweise religiös geprägte Bräuche wie Taufen oder Hochzeiten heute deutlich seltener praktiziert. Auch die Namensforschung untermauert Fourquets These einer wachsenden Dechristianisierung Frankreichs. Traditionell-christliche Vornamen würden im Lande immer seltener an Neugeborene vergeben. Mit Schlüsselereignissen wie der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch die „loi Veil“ 1975 oder der Einführung der „Ehe für alle“ mit der „loi Taubira“ 2013 seien nun auch die letzten Bastionen des Katholizismus gefallen, so der Autor.



Fourquet bleibt jedoch nicht beim Katholizismus stehen, sondern bezieht eine ganze Reihe von weiteren Elementen in seine Analyse ein. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Immigrationsthematik, wirtschaftliche Dynamiken oder die Diversifizierung von Gesellschaft, Medien und Kultur. So offenbart sich Stück für Stück die tiefe Identitätskrise, in der die Grande Nation sich derzeit befindet.



Fourquets methodischer Ansatz ist ausgesprochen innovativ und seine empirische Argumentationskette sucht ihresgleichen. Wer Frankreich wirklich verstehen möchte, sollte „L’archipel français“ lesen.



Alte Werte und Aufbruch

Eine „Schieflage“ seines Landes konstatiert der ehemals höchste Offizier Frankreichs, Pierre de Villiers. Diese lediglich zu analysieren, reicht de Villiers jedoch nicht aus. In seinem neuen Buch „L’équilibre est un courage“ mit dem programmatischen Untertitel „Réparer la France“ zeigt er Wege aus der Misere auf. Das Buch lässt sich durchaus als Seitenhieb gegen Emmanuel Macron lesen, war de Villiers doch 2017 nach einem Disput mit dem Präsidenten über geplante Kürzungen im Verteidigungsetat von seinem Amt als Chef des französischen Generalstabs zurückgetreten. Seitdem hat er sich als Kritiker Macrons in Frankreichs politischer Landschaft etabliert.



Inhaltlich beschreibt der Autor zunächst, ähnlich wie Fourquet, Frankreichs Ringen um das eigene Selbstverständnis. Politik und Gesellschaft hätten sich teilweise voneinander entkoppelt, so de Villiers. Er zeigt das anhand der Proteste der „gilets jaunes“ (Gelbwesten), deren Identifikationsfigur de Villiers zeitweise selbst war. Kein Wunder also, dass ihnen im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Als Vertreter des „vergessenen Frankreichs“ sind die Gelbwesten für den Autor nicht nur eine soziale Bewegung von vielen; er sieht in ihnen den Ausdruck einer tiefen Gesellschaftskrise, deren Ausmaß und Spätfolgen heute noch nicht zu ermessen seien.



Stichwörter wie Politikverdrossenheit und Anti-Elitarismus fallen häufig bei de Villiers. Zugleich zeigt sich in seinem Buch immer wieder und quasi als Subtext, dass sich Frankreich weiterhin damit schwertut, aus seinen starken republikanischen und etatistischen Traditionen heraus den Aufbruch in die Moderne zu wagen.



Vor allem der Verlust der alten französischen Werte in einer sich rapide wandelnden Gesellschaft treibt de Villiers um. So kritisiert er unter anderem den mangelnden Nationalstolz seiner Landsleute. Während Frankreich im Ausland hochgelobt und verehrt werde, beobachtet de Villiers im Inneren Scham und überbordende Kritik an der eigenen Geschichte, Sprache und Kultur. Das Frankreich von heute mache sich kleiner als es sei.



Bildung als Schlüssel

De Villiers ist überzeugt: Es ist an der Zeit, sich für eine Richtung zu entscheiden und einen Fahrplan zu entwickeln, um Frankreich endlich zu „reparieren“ und dem Land zu altem Glanz zu verhelfen. Die Befriedung von Konflikten betrachtet der Autor als Aufgabe nicht nur der Politik, sondern auch der Gesellschaft.



Versöhnung erfordert Mut. Sich dafür bewusst zu entscheiden, sei Aufgabe der Citoyens, der Bürger, und dafür gelte es die Weichen rechtzeitig zu stellen. Und so spielt gerade Frankreichs Jugend in de Villiers Buch eine entscheidende Rolle. Sie müsse Frankreich wieder lieben lernen, meint der Autor, ihnen müssten die französischen Werte so früh wie möglich nahegebracht werden. In der Bildung der nachwachsenden Generationen liege der Schlüssel zu einer langfristigen Veränderung Frankreichs – und zu einer Überwindung der bestehenden Ungleichheiten.



Hier bedient der Autor eine aktuelle Debatte und trifft allem Anschein nach einen Nerv der französischen Gesellschaft. Erst im Herbst 2020 sorgte das „Gesetz gegen Separatismus“ für Kontroversen. Mittlerweile wurde es in „Gesetz zur Stärkung republikanischer Prinzipien“ umbenannt. Die Grundidee des Gesetzes bleibt, wenn auch unausgesprochen, dieselbe: Die Werte der Republik sollen als Gegenentwurf und Waffe im Kampf gegen einen radikalen Islam dienen und der Spaltung Frankreichs entgegenwirken.



Die hohen Verkaufszahlen von „L’équilibre est un courage“ seit seiner Erscheinung im Oktober 2020 sprechen für sich. Pierre de Villiers gelingt es, Frankreichs Abgehängten eine Stimme zu geben und das Ungleichgewicht in der Gesellschaft trotz seiner Rolle als ehemaliger Vertreter der französischen Elite anzusprechen. Interessanterweise wird das Buch in Frankreich als persönliche Bewerbung de Villiers um das Präsidentenamt gelesen. Sollte das die Absicht gewesen sein, so hat de Villiers ein ambitioniertes Programm entworfen, dessen Umsetzung nicht leicht werden dürfte.



Narrativ des Niedergangs

Beide hier vorgestellten Werke haben eines gemein. Sie zeigen, dass der französische Hang, einem gewissen Deklinismus zu frönen, ungebrochen ist. Abgeleitet vom französischen Wort „déclin“, zu Deutsch „Niedergang“, beschreibt der Begriff ein Phänomen, das sich seit Längerem bei Frankreichs Intellektuellen beobachten lässt: die ständige Reproduktion des pessimistischen Narrativs eines Niedergangs der Grande Nation.



Gleichwohl geben sich die Autoren diesem Weltbild nicht vollständig hin. Ihre Bücher bieten Anlass für Hoffnung, denn sie zeigen auf, dass ein Wunsch nach Veränderung der französischen Gesellschaft inhärent ist. Die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2022 wird zeigen, welchen Weg das Land künftig einschlagen will. Vielleicht bekommen wir dann auch wieder optimistischere Bücher von unseren Nachbarn zu lesen.

 

Hatim Shehata ist Research Assistant im Programm Frankreich/Deutsch-französische Beziehungen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

 

Jérôme Fourquet: L’archipel français. Naissance d’une nation multiple et divisée. Montrouge: Éditions du Seuil 2019. 384 Seiten, 22,00 Euro

Pierre de Villiers: L’équilibre est un courage. Réparer la France. Paris: Fayard 2020. 320 Seiten, 22,50 Euro

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2021, S. 124-126

Teilen

Themen und Regionen

Mehr von den Autoren