Das Zeitalter des Optimismus ist vorüber

Vortrag von Gideon Rachman

30.01.2012 | 19:00 - 20:30 | DGAP Rauchstr. 17 10787 Berlin | Nur für Mitglieder

Vortrag

Kategorie: Globalisierung

Das Zeitalter des Optimismus ist vorüber. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008, die bis heute nachwirkt, ist eine neue Ära angebrochen. Der Glaube an eine von Win-Win-Denken geprägte Globalisierung schwindet, stattdessen gewinnen die Regeln des Nullsummenspiels wieder an Aktualität. So lauteten die zentralen Thesen, die Gideon Rachman am Abend des 30. Januar 2012 seinem Publikum in der DGAP vorstellte.

Foto: DGAP

Anlässlich eines Berlin-Besuchs, der mit der Deutschland-Veröffentlichung seines neuen Buches „Nullsummenwelt“ zusammenfiel,  erläuterte der außenpolitische Chefkommentator der „Financial Times“ im Gespräch mit Almut Möller, Programmleiterin des Alfred von Oppenheim-Zentrums für Europäische Zukunftsfragen der DGAP, seine Sicht aktueller Entwicklungen in der Weltpolitik – von der Euro-Krise über den Aufstieg Chinas und anderer Schwellenländer bis hin zum vermeintlichen Machtverlust der USA.

Die Globalisierung in der Krise

Die drei Jahrzehnte vor der Krise, beginnend mit Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen in China 1978, seien durch die fortschreitende Liberalisierung der Weltmärkte gekennzeichnet gewesen, führte Rachman aus.  Der Untergang der Sowjetunion 1991 habe dem Westen zu neuem intellektuellen Selbstbewusstsein verholfen. Nationalstaatliche Strukturen in den internationalen Beziehungen habe man für überholt gehalten, die Ideen von Global Governance und transnationaler Integration hätten im Vordergrund gestanden. Doch mit der Wirtschafts- und  Finanzkrise schwinde auch der Glaube an das System. „In einer wirtschaftlich erfolgreichen Welt war  es leicht, Win-Win- Situationen zu erkennen. Doch in der Krise wird diese Annahme mehr und mehr hinterfragt“,  sagte Rachman.

Das neue Denken in Nullsummen sei auch in den sich mehr und mehr verschärfenden amerikanisch-chinesischen Beziehungen zu beobachten. Noch vor einigen Jahren habe man in den USA geglaubt, die ökonomische Liberalisierung und der Aufstieg Chinas würden Demokratisierungsprozesse dort und somit auch positive Auswirkungen auf die Weltordnung zur Folge haben. „Man nahm an, die freie Marktwirtschaft funktioniere wie ein trojanisches Pferd, das automatisch die Demokratie ins Land bringt“, erläuterte Rachman. Heute konkurrierten beide Nationen wie  nie zuvor um den Status der  Supermacht. Dies schlage sich auch in der Politik der Regierung Obama nieder, die den Währungsdisput mit China zu einem der wichtigsten außenpolitischen Probleme der USA erklärt habe.

Europa gefangen im Nullsummenspiel

Auch die jüngsten Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union, so Rachman, symbolisierten diese Trends in vielerlei Hinsicht. Sei man früher der Ansicht gewesen, eine vertiefte europäische Integration, insbesondere auf Währungsebene, würde die Gemeinschaft insgesamt ebenso stärken wie die einzelnen Mitglieder, kämen heute, im Angesicht der anhaltenden Euro-Krise, erhebliche Zweifel auf. In wirtschaftlich vergleichsweise stabilen Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden empfänden es die Menschen nun vermehrt als unfair, für die gesamte Gemeinschaft derart stark zur Verantwortung gezogen zu werden, während auf der anderen Seite Länder wie Griechenland unter dem europäischen Spardiktat litten und Angst hätten, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. „Heute geht man in der EU eher davon aus, sich gegenseitig ärmer zu machen, nicht reicher“, brachte Rachman das von Nullsummenlogik geprägte Denken auf den Punkt.

Das zentrale Problem Europas sei heute eine Einheitswährung, so Rachman weiter.  Für das Ausmaß an politischer Integration, das zur Untermauerung des Euro notwendig wäre, fehle es den Euro-Ländern an einem tragfähigen Gemeinschaftsgefühl. Die nationale Identität werde noch immer höher bewertet, so Rachman. Auch einen konkreten Lösungsansatz gebe es nicht: „Vielerorts wird nach ‚mehr Europa’ gerufen, doch hinter dieser Forderung verbergen sich unterschiedliche Ideen. Während die Deutschen damit zum Beispiel striktere Haushaltsauflagen meinen, denken die Italiener an Euro-Bonds.“

Die Veranstaltung war zugleich die Premiere der deutschen Ausgabe von Gideon Rachmans Buch „Nullsummenwelt. Das Ende des Optimismus und die neue globale Ordnung“ (EditionWELTKIOSK).

Moderiert wurde sie von Almut Möller, Programmleiterin des Alfred von Oppenheim-Zentrums für Europäische Zukunftsfragen, DGAP.

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