Erinnerung und Aufarbeitung in Deutschland

Wie gegenwärtig ist die Vergangenheit? Das 3. International Diplomats Programme in Berlin

10.11.2011 | 09:00 - 20:00 | DGAP | Nur für geladene Gäste

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Was tut Deutschland zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus? Welche Aufgaben hat der Bundesbeauftrage für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR? Was können politische Stiftungen tun, um auch im Ausland Demokratie und Pluralismus zu fördern? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer des International Diplomats Programme während ihres Programmtags in Berlin, der sie an verschiedene Orte der jüngeren deutschen Geschichte führte.

Im Gespräch mit Herbert Ziehm, dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Auskunft, und Karsten Jedlitschka, Leiter des Grundsatzreferats der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU), erhielten die Nachwuchsdiplomaten umfangreiche Einblicke in die Arbeit der Behörde. Wie groß der Informationsbedarf auch zwei Jahrzehnte nach der Wende sei, werde an den 42.000 Anfragen an Akteneinsicht deutlich, die den Bundesbeauftragten im vergangenen Jahr erreichten. Das Ausmaß der Bespitzelung von über fünf Millionen DDR-Bürgern und Ausländern werde anhand der archivierten Unterlagen deutlich: Jedlitschka verweist auf 111 Aktenkilometer, 47 Kilometer Mikrofiches sowie 1,6 Millionen Fotos, Videos und Filme. Entscheidend, so Ziehm auch mit Blick auf den Arabischen Frühling, sei die sichere Verwahrung der Unterlagen. Gingen Unterlagen verloren oder würden sie teilweise zerstört, dies zeige das Beispiel einiger osteuropäischer Länder, werde jede gesellschaftliche Debatte über die Aufarbeitung der Vergangenheit erschwert.

Die Demokratie auch im Ausland stärken

Nicht nur bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, auch bei der Stiftungsarbeit im Ausland steht die Stärkung der demokratischen Gesellschaft im Vordergrund. Dies wurde in Kurzvorträgen der Vertreter politischer Stiftungen deutlich. Michael Lange von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Jürgen Stetten von der Friedrich-Ebert-Stiftung,  Ernst Hebeker von der Hanns-Seidel-Stiftung sowie Bernd Asbach von der Heinrich-Böll-Stiftung, Charles du Vinage von der Friedrich-Naumann-Stiftung und Verena Liebel von der Rosa-Luxemburg-Stiftung betonten bei aller Unterschiedlichkeit die inhaltlichen Gemeinsamkeiten ihrer Arbeit: Stiftungsarbeit im Ausland sei nicht nur ein Informationskanal neben den bilateralen diplomatischen Beziehungen, sondern eine wesentliche Ergänzung. Die Stiftungen unterstützen hauptsächlich ausländische Oppositions- und zivilgesellschaftliche Gruppen; sie stärken daher nicht nur die pluralistische Demokratie im Ausland, sondern leisten auch wichtige Aufklärungsarbeit innerhalb Deutschlands. Entscheidungsträger könnten sich so ein besseres Bild von der politischen Situation in den Zielländern machen.

Topografie des Terrors: Angst und Willkür in zwei Diktaturen

Wie sehr sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrer jüngeren Geschichte – vor allem auf das Dritte Reich und die DDR – gewandelt hat, zeigte sich im Gespräch mit Gabriele Camphausen, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung des BStU, und Thomas Lutz, Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung „Topographie des Terrors“. Eine Atmosphäre der Angst und Willkür habe die oppositionelle Arbeit in beiden Diktaturen stark erschwert, so Camphausen. Auf die Frage, wie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte in der Bundesrepublik aus Sicht der Stasi-Opfer verlaufen sei, antwortete sie, dass die hierzu durchgeführten Studien ein sehr gemischtes Bild zeichneten. Und vielleicht sei dies ein entscheidendes Ergebnis der Forschung zur nationalsozialistischen Diktatur und zur DDR: dass es nicht nur „eine“ Gesellschaft gegeben habe, sondern dass die Motive für politischen Opportunismus, aber auch für Opposition und Widerstand äußerst vielfältig gewesen seien. 

Das International Diplomats Programme ist eine Initiative des Auswärtigen Amts und der BMW Stiftung Herbert Quandt, die mit Unterstützung der DGAP durchgeführt wird. Jährlich werden zwölf junge Diplomaten aus dem Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika, Süd-, Ost- und Südostasien nach Deutschland eingeladen. Im Rahmen des einjährigen, englischsprachigen Programms sollen sich die Teilnehmer mit der deutschen Politik, Wirtschaft und Kultur auseinandersetzen.

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