Reformer und Mäzen

12. June 2019 - 0:00 | von Fritjof von Nordenskjöld

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In seiner langjährigen Präsidentschaft hat Dr. Arend Oetker die Gesellschaft nach innen und außen maßgeblich geprägt

Dramatischer konnte die Übernahme des Präsidentenamts der DGAP durch Dr. Arend Oetker nicht sein. Am 5. Januar 2005 starb völlig unerwartet mit nur 71 Jahren der Präsident der Gesellschaft, Alfred Freiherr von Oppenheim. Diesem war nur eine Amtszeit von etwas mehr als einem Jahr vergönnt, in der er – wie sein Vorgänger Hans-Dietrich Genscher – bemüht war, die Neuaufstellung der DGAP in Berlin voranzutreiben.

Alfred Oppenheim hatte Arend Oetker, so berichtet dieser selbst, das Versprechen abgenommen, im Falle seines Ausscheidens aus dem Amt seine Nachfolge zu übernehmen. Oetker war mit der Familie Oppenheim seit Langem freundschaftlich verbunden, arbeitete aber auch in der DGAP als Mitglied des Exekutivausschusses mit dem Präsidenten Oppenheim eng zusammen. Beim Ankauf des neuen Domizils der DGAP in der Berliner Rauchstraße im Jahr 1999 gehörten beide zu den Stiftern.

Arend Oetker, der zur Zeit des Todes von Alfred Oppenheim Präsident der Atlantik-Brücke war, honorierte das gegebene Versprechen ohne Zögern. Er kündigte die Niederlegung seines Amtes an und übernahm, zunächst kommissarisch, sofort tatkräftig die Präsidialgeschäfte der DGAP. Seine erste traurige Amtshandlung war die Ausrichtung der bewegenden Trauerfeier für seinen Vorgänger, bei der er dessen Einsatz für eine Neuausrichtung der DGAP würdigte.

Ein von Oppenheim begonnenes zukunftsweisendes Vorhaben, an dem auch Arend Oetker schon als Exekutivausschuss-Mitglied maßgeblichen Anteil hatte, war die Neugestaltung der Zeitschrift Internationale Politik. 1995 – noch in Bonn – war das ehrwürdige Europa-Archiv, das für alle Beamten des Auswärtigen Dienstes eine unerlässliche Quelle der wesentlichen internationalen Verträge war, umbenannt und Professor Dr. Werner Weidenfeld als Herausgeber gewonnen worden. Zusammen mit der 2003 bestellten neuen Chefredakteurin Sabine Rosenbladt und ihrer Kollegin Dr. Sylke ­Tempel hatte Arend Oetker die Arbeit an der inhaltlichen und äußeren Umgestaltung maßgeblich gefördert. Noch vor seiner formalen Wahl zum Präsidenten der DGAP am 3. Februar 2005 stellte er am 12. Januar 2005 die neue IP der Öffentlichkeit vor. Nachdem Professor Weidenfeld als Herausgeber zurückgetreten war, übernahm die DGAP unter seiner Leitung selbst die Herausgabe.

Eine enge Verbundenheit seit 50 Jahren

Bereits die damalige Aktion „IP“ macht deutlich, dass Arend Oetker als Präsident für die DGAP die ideale Besetzung ist: sachkundig, zupackend, großzügig. Sein Doppelstudium aus Wirtschafts- und Politikwissenschaft führte ihn fast zwangsläufig zur DGAP, die 1955 von den großen Persönlichkeiten der deutschen Politik und Wirtschaft gegründet worden war. Er wurde vor 50 Jahren Mitglied und ist seitdem der DGAP eng verbunden. Wie kaum ein anderer war er deshalb bei Amtsübernahme mit der Entwicklung der DGAP bestens vertraut. Das galt auch für die schwierige finanzielle Lage der Gesellschaft. Deren Einnahmen speisten sich aus Mitglieds- und Fördererbeiträgen, Spenden und Projektaufträgen für das Forschungsinstitut, die schwer zu kalkulieren waren. Eine besondere Belastung war durch den Umzug nach Berlin entstanden.

Eine der ersten Amtshandlungen von Arend Oetker war deshalb der Ausgleich des erheblichen strukturellen Defizits, mit dem der Beginn jedes Haushaltsjahrs belastet war. Durch Einsatz erheblicher privater Mittel mit gutem Beispiel vorangehend gelang es ihm, in kürzester Zeit weitere Großspender zu gewinnen, um das Problem langfristig zu lösen. Dabei kam ihm seine außergewöhnliche Vernetzung in Politik und Wirtschaft zu Nutze.

Langjährige Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt, dem Finanzministerium und dem Bundesrechnungshof schlossen sich an. Dabei ging es um die an sich widersprüchliche „partielle“ institutionelle Förderung durch den Bund. Diese war erforderlich geworden, um unter Wahrung der politischen Unabhängigkeit der DGAP eine langfristige staatliche Unterstützung der Gesellschaft zu sichern. Auch die überkommenen Mitglieder- und Fördererstrukturen wurden reformiert: Mitglieder wurden aktiv geworben und der bis dahin eher geschlossene Verein sollte durch attraktive Programme und eine professionelle Medienarbeit Breitenwirkung in der neuen Hauptstadt entfalten.

Um die Mitglieder stärker an die Gesellschaft zu binden, schuf Arend Oetker die Kamingespräche, bei denen die Mitglieder mit den Wissenschaftlern des Forschungsinstituts über aktuelle außenpolitische Themen diskutieren können. Eine große Mitgliederattraktion wurden die Studienreisen in neue mitteleuropäische EU-Staaten. Die hochrangigen internationalen Vortragsveranstaltungen, die zum Teil auch einer breiteren Öffentlichkeit und den Medien zugänglich waren, wurden intensiviert. Diese Bemühungen zeigten einen beachtlichen Erfolg: Hatte die DGAP im Jahr des Amtsantritts von Arend Oetker 1400 Mitglieder, so hat sich diese Zahl bis heute auf 2800 verdoppelt.

Schwieriger war und ist die Erhaltung und Erweiterung des Fördererkreises der Wirtschaft. Die meisten der oft seit Gründung der DGAP ­maßgeblichen Unterstützer der Gesellschaft haben ihren Unternehmenssitz nach wie vor im Rheinland. Anders als in Bonn nehmen die entscheidenden Persönlichkeiten nur noch in Ausnahmefällen an den Veranstaltungen des Hauses teil. Ihre Hauptstadtvertreter entscheiden damit letztlich, ob die DGAP aus Sicht der Firma weiterhin förderungswürdig ist. Entsprechend intensiv betrieb und betreibt Oetker die Pflege dieses Kreises. Seine persönlichen Beziehungen zu vielen Unternehmensführern sieht er allerdings auch heute noch als seine zentrale Aufgabe.

Den vielen Veranstaltungen im neuen Haus einen angemessenen Rahmen zu geben, war für Arend Oetker immer ein wichtiges Anliegen. Er begann, auch unter Einsatz privater Mittel, ein umfangreiches Umbau- und Verschönerungsprogramm der offiziellen Räume. Die im Dohnanyi-Saal untergebrachte Bibliothek wurde in das gegenüber liegende ehemalige Gesandtenbüro der kurzlebigen Gesandtschaft des Königreichs Jugoslawien verlegt. Die Richterbank des ehemaligen Alliierten Rückerstattungsgerichts aus dem Dohnanyi-Saal wurde abgebaut und dem Haus der Geschichte in Bonn überlassen. Das dahinter liegende ovale ehemalige Richterzimmer stattete Arend Oetker mit eigenen Möbeln aus, es wurde zu einem Besucherzimmer für hochrangige Gäste; und der Dohnanyi-Saal wurde zu einem vielseitig verwendbaren weiteren Veranstaltungsraum umgestaltet. Gänge und Hallen wurden farblich aufgefrischt, mit neuen Lampen versehen und mit Kunstwerken aus Oetkers Sammlung belebt.

Es hätte kein besseres Signal für den Anspruch der DGAP geben können, mit Beginn der Ära Oetker einen angemessenen Platz in der Berliner politischen Szene einzunehmen, als die Feier zum 50. Jahrestag ihrer Gründung. Diese wurde am 3. Juni 2005 in der Berliner Philharmonie mit Bundespräsident Horst Köhler und zahlreichen in- und ausländischen Würdenträgern begangen. Auch hier hat Arend Oetker über seine besondere Verbundenheit mit der Philharmonie und unter Einsatz persönlicher Mittel einen wesentlichen Beitrag zu dieser Veranstaltung geleistet.

Eine Erfolgsgeschichte: die Regionalforen

Der Amtsantritt von Arend Oetker brachte einen straffen Führungsstil ins Haus. Er erwies sich schnell und erweist sich bis heute als ein sehr aktiver Präsident, der sich stets auf dem Laufenden hält und eng mit der Geschäftsführung zusammenarbeitet. Trotz seiner vielen in- und ausländischen Verpflichtungen ist er bei Gesprächsrunden im Haus präsent, auch über eine enge Anbindung seiner stets überaus tüchtigen Assistentinnen und Assistenten. Eine alljährliche Besonderheit ist der im Winterurlaub handschriftlich verfasste „Hirtenbrief“ an die Geschäftsführung, in dem er seine Vorstellungen darüber, was in der DGAP im bevorstehenden Jahr zu geschehen hat, übermittelt.

Von den vielen Vorgaben, die so im Laufe der Jahre erfolgreich Gestalt angenommen haben, möchte ich zwei Beispiele nennen: die Gründung der Regionalforen sowie der Jungen DGAP.

Schon mit dem Umzug nach Berlin hatte die DGAP einen Großteil ihrer Mitglieder am alten Sitz zurücklassen müssen. Aus diesem Kreis entstand das erste Regionalforum mit eigener Führung und eigener Programmgestaltung. Mit der Zeit entwickelten sich hieraus die Foren in Köln und Düsseldorf. Um auch die übrigen in der Bundesrepublik verstreut lebenden Mitglieder stärker an die Gesellschaft zu binden, entwickelte Arend Oetker ein flächendeckendes Netz von vergleichbar strukturierten Foren in München, Hamburg, Stuttgart und Dresden.

Junge DGAP: eine Investition in die Zukunft

Bei jeder Mitgliederversammlung wurde der hohe Altersdurchschnitt der Mitglieder bedauert. Anders als in Bonn fehlten in der Großstadt Berlin regelmäßige Neuzugänge aus den Reihen der aktiven Mitglieder des Auswärtigen Amtes, um zu einer Verjüngung beizutragen. Arend Oetker entschloss sich deshalb zu einem gewagten Experiment: Er rief die Junge DGAP ins Leben, offen für alle jungen Leute und Berufsgruppen, bis zu einer Altersgrenze von 35 Jahren. Dabei war nicht sicher, ob sich in dieser kritischen Lebensphase überhaupt eine nennenswerte Zahl von jungen Menschen die Zeit für außen-und sicherheitspolitische Diskussionen nehmen würde. Nach etwas mühsamen Anfängen hat sich aber eine überraschende Erfolgsgeschichte ergeben. Der Kreis der Interessenten hat sich über die sozialen Netzwerke beeindruckend entwickelt auf heute knapp 1000 Mitglieder, die keine Schwierigkeiten haben, interessante Vortragende für ihre selbst organisierten Veranstaltungen zu gewinnen. Der oder die jeweilige Vorsitzende haben Sitz und Stimme im Vorstand der DGAP.

In der bis heute 14-jährigen Amtszeit von Arend Oetker, die in dieser Länge bis auf den Gründungspräsidenten Günter Henle keiner seiner Vorgänger auch nur annähernd erreicht hat, ist die DGAP in Berlin zu einer geachteten und beachteten Institution geworden. Oetker hat die Gesellschaft in dieser langen Zeit nach innen und nach außen maßgeblich geprägt und reformiert. Bei allen Erfolgen sind ihm schwierige Zeiten nicht erspart geblieben. Dreimal haben in seiner Amtszeit die stellvertretenden geschäftsführenden Präsidenten bzw. Generalsekretäre, auf die er sich bei der Umsetzung seiner Vorhaben stützen konnte, gewechselt. Die bewegten Abgänge von Chefredakteurin Sabine Rosenbladt und des Forschungsdirektors Professor Dr. Eberhard Sandschneider, der schreckliche Unfall von Dr. Daniela Schwarzer, vor allem aber der tragische Unfalltod der überaus kreativen und allseits beliebten Chefredakteurin Dr. Sylke Tempel bleiben markante Einschnitte seiner Amtszeit.

Nun unternimmt Arend Oetker wieder eine weitgehende Strukturreform. Die Personalunion der Leiterin des Forschungsinstituts mit der neu geschaffenen Position der Direktorin der DGAP in Person von Frau Dr. Daniela Schwarzer unter Verzicht auf den bisherigen Generalsekretär und die Professionalisierung der immer anspruchsvolleren Verwaltung der Gesellschaft durch einen Vollzeit-Verwaltungsdirektor sollen der DGAP längerfristige Stabilität und Effizienz sichern. Der Präsident wird auch diese neue Herausforderung in ­bewährter Weise meistern.

Fritjof von Nordenskjöld, Botschafter a. D., war von 2004 bis 2010 stellvertretender geschäftsführender Präsident der DGAP.

 
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