„Die Zivilbevölkerung wird geschützt“

Wie Drohnen die Kriegsführung verändern

29. June 2012 - 0:00

Kategorie: Sicherheitspolitik

DGAP-Sicherheitsexpertin Svenja Sinjen hält die Aufregung über Kampfdrohnen für verfehlt. "Auch Deutschland wird aufrüsten", sagt sie im Gespräch mit dem Südkurier.

Südkurier: Frau Sinjen, worin liegt der militärische Vorteil von Drohnen?

Es gibt viele Vorteile. Der Einsatz von Drohnen verbessert zunächst das militärische Lagebild. Durch ihre lange Stehzeit in der Luft können Drohnen ihr Ziel dazu stundenlang ohne Unterbrechung verfolgen. Darüber hinaus sind die Piloten keiner physischen Gefahr ausgesetzt. Ohne Piloten kann man auch Flugmanöver ausführen, die der menschliche Organismus nicht aushalten würde. Schließlich sind Drohen in der Regel leichter als bemannte Fluggeräte, wodurch man Kraftstoff und damit Kosten spart. Wie sich diese einzelnen Vorteile konkret auswirken,  sieht man allerdings erst in Einsatz selbst.

Machen Drohnen die Kriegsführung einfacher?

Nein, Krieg ist nie einfach. Allein die Verbesserung des Lagebilds kann aber schon dazu führen, dass militärische Operationen effektiver werden. Wenn Sie wissen, was auf dem Schlachtfeld passiert, können Sie die Situation besser für sich nutzen. Gleichzeitig können Sie ihre eigenen Soldaten besser schützen und unbeabsichtigte Kollateralschäden auf der gegnerischen Seite vermeiden. Gerade für Demokratien, die den Schutz des menschlichen Lebens als hohes Gut im eigenen Wertesystem verankert haben, ist dies ein wichtiger Punkt.

Was ist mit den Soldaten?

Wenn ein Flugzeug abgeschossen wird, besteht die Gefahr, dass der Pilot ums Leben kommt oder in Gefangenschaft gerät. Bilder von gefolterten oder getöteten Soldaten können eine Demokratie an den Rand ihrer politischen Durchhaltefähigkeit bringen. Der Fall Somalia, bei dem getötete amerikanische Soldaten an ihren Füßen durch Mogadischu geschleift worden sind, hat dies schmerzlich belegt.

Der Einsatz von bewaffneten Drohnen wird dennoch stark kritisiert. Warum?

Oft wird suggeriert, dass der Einsatz von bewaffneten Drohnen die Hemmschwelle militärischer Gewalt senkt. Ich bezweifele das. Drohnen ermöglichen zwar militärische Operationen, die vorher so nicht möglich waren; dass der Einsatz die Hemmschwelle senkt, ist damit aber nicht bewiesen. Jeder Einsatz von Waffengewalt – egal auf welche Weise – ist in einer Demokratie eine sehr schwere Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen wird. Auch hier kommt das Stichwort „Schutz des Lebens“ wieder zum Tragen. Unser Wertesystem bildet ein nicht zu unterschätzendes Korrektiv gegen die leichtfertige Anwendung militärischer Gewalt.

Trotzdem gibt es das Bild vom „Krieg am Joystick“. Ist es für die Soldaten nicht tatsächlich einfacher, mit dem Tod und dem Töten umzugehen?

Das müssen Sie letztlich den jeweiligen Soldaten fragen. Ich habe aber bisher noch keinen einzigen Soldaten getroffen, der den Eindruck erweckt hat, als würde er mit seiner Verantwortung leichtfertig umgehen.

Welche Länder setzen bereits bewaffnete Drohnen ein?

Bewaffnete Drohnen werden zurzeit hauptsächlich von den USA eingesetzt. Aber das wird sich sicher ändern.

Das heißt, Drohnen werden sich auch in anderen Ländern durchsetzen?

Drohnen allgemein haben sich bereits in anderen Ländern durchgesetzt. Es wird oft vergessen, dass es ein breites Spektrum jenseits bewaffneter Drohnen gibt. Aber auch bewaffnete Drohnen werden sich sicher weiter verbreiten. Technologische Neuerungen, die wichtige militärische Vorteile bringen, setzten sich in der Regel immer durch.

Sehen Sie ein verstärktes Wettrüsten bei bewaffneten Drohnen?

Rüstung findet nie in einem luftleeren Raum statt. Sie vollzieht sich immer in einem mehr oder weniger intensiven Wettbewerb mit den tatsächlichen oder potenziellen Gegnern. Jeder Akteur versucht, sich durch seine Rüstungsentscheidungen in eine strategisch vorteilhafte
Lage zu versetzen. Das war bisher so und wird auch so bleiben. Insofern verstärken Drohen den Rüstungswettbewerb nicht, sie sind Teil des Ganzen.

Wie setzt die Bundeswehr Drohnen ein? Sie hat bislang nur Drohnen zu Aufklärungszwecken.

Das Thema unbemanntes Fliegen gehört zu den vier zentralen Zukunftsbereichen der Luftwaffe. Bisher setzt die Bundeswehr Drohnen ausschließlich zu Aufklärungszwecken ein, zum Beispiel in Afghanistan. Die Debatte um eine Bewaffnung der deutschen Drohnen ist allerdings eröffnet und wird sicher zu hitzigen Auseinandersetzungen führen. Die Kritik an den amerikanischen Drohneneinsätzen in Pakistan gibt einen Vorgeschmack darauf. Ob und wann mit einer Bewaffnung in Deutschland zu rechnen ist, kann schwer vorausgesagt werden. In jedem Fall brauchen wir eine Versachlichung der Debatte, die Vor- und Nachteile aufzeigt. Bisher ist die Debatte zu stark auf das Thema „gezieltes Töten – ja oder nein?“ konzentriert. Die Frage, warum man seinen eigenen Soldaten zwar Aufklärungsergebnisse durch Drohnen zukommen lässt, aber keine schnelle Luftnahunterstützung, ist noch nicht plausibel beantwortet worden. Der Aspekt, dass die eigenen Soldaten unterstützt und geschützt werden können, kommt insgesamt viel zu kurz.

Drohnen sind nicht nur Kriegsmaschinerie – wie kann man sie zivil nutzen?

Der Begriff „Kriegsmaschinerie“ passt übrigens auch zum Thema „skeptisches Verhältnis zu militärischer Macht“. Solange es auf der Welt unvereinbare Interessen gibt, kann der Einsatz militärischer Macht nötig sein, um die eigenen Interessen zu wahren. Dafür muss man entsprechende Fähigkeiten bereithalten; auch Drohnen gehören dazu. Aber zu Ihrer Frage: 2011 sind zwei amerikanische Global Hawk gestartet, um in Fukushima zu überprüfen, ob die Notmaßnahmen zur Kühlung der Reaktoren funktioniert haben. Einen ebenso positiven Effekt hätten sie 2005 bei der Katastrophe in New Orleans haben können. Sie hätten das überschwemmte Gebiet nach Überlebenden absuchen können. Damals gab es aber noch keine Fluggenehmigung für den zivilen Luftraum. Die Bundesregierung beschäftigt sich derzeit auch
mit der Frage nach der zivilen Zulassung. Drohnen können also gerade bei Katastrophen verschiedenster Art eine wichtige Bedeutung haben.

Die Fragen stellte: Margit Hufnagel vom Südkurier.

 

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