01. November 2018

Dornröschenschlaf am EU-Außenposten

In der ostkroatischen Stadt scheint Deutschland manchmal näher als Zagreb

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Sonnenhungrige Kroatien-Urlauber finden eher selten den Weg nach Osijek. Dabei ist die Hauptstadt Slawoniens, unweit der Grenze zu Ungarn, Serbien und Bosnien-Herzegowina gelegen, allemal einen Besuch wert.

Osijek oder Essegg, wie die Stadt zur Zeit der Habsburger Monarchie auf Deutsch bezeichnet wurde, liegt direkt an der Drau und an den Ausläufern des Sumpfgebiets Kopacki rit und besticht mitwunderschöner Naturkulisse ­sowie K.u.k.-Charme: von der ­barocken Festungsstadt Tvrda aus dem 18. Jahrhundert über die Jugendstilbauten in der Europska Avenija bis hin zum 1866 erbauten Nationaltheater in der Oberstadt. Aber auch die jüngere Geschichte Kroatiens prägt das Stadtbild. Über zwei Jahrzehnte nach dem „Heimatkrieg“ von 1991 bis 1995 ist so manche Fassade noch immer von Granateneinschlägen gezeichnet.

Verlässt man die schön ­sanierte Innenstadt, kommt man in verschlafene Gassen. In manchen sind bei jedem zweiten Haus am helllichten Tag die Rollläden heruntergelassen, an vielen Mauern und Fenstern sind „Zu verkaufen“-Schilder angebracht. 108 000 Einwohner wurden bei der letzten Volkszählung 2011 für Osijek registriert. Doch hat in den vergangenen Jahren ein regelrechter Exodus eingesetzt: 2016 wanderten rund 2100 Menschen, vor allem aus dem Umland, zu – und gleichzeitig fast 3000 ab, der Großteil von ihnen ins Ausland. 2017 stammte laut offiziellen Angaben jeder zehnte der 47 000 Einwohner, die Kroatien verließen, aus der Gespanschaft Osijek-Baranja; Beobachter gehen davon aus, dass die Abwanderung ins Ausland noch wesentlich höher ist als die Statistik ausweist. So wird Osijek nicht nur durch die Anwesenheit jener Menschen geprägt, die geblieben sind, sondern auch durch die Abwesenheit jener, die die Stadt nicht mehr mit ­Leben füllen.

Siedelten sich ab dem 18. Jahrhundert Handwerker, Kaufleute und Landarbeiter aus den deutschsprachigen Gebieten in Osijek an, die noch in der Zwischenkriegszeit gut ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, verlaufen die Migrationsströme heute in die andere Richtung. Bereits in den vergangenen Jahrzehnten kamen viele Menschen aus der Region als Gast­arbeiter, in den neunziger Jahren als Kriegsflüchtlinge in die Bundesrepublik. Kaum eine Familie, die nicht einen Onkel, eine Schwester, einen Sohn in Deutschland, Österreich oder der Schweiz hat. Kaum ein Gespräch im Café oder auf der Straße, in dem nicht die Wörter Njemacka (Deutschland) oder njemacki (deutsch) fallen. Und unter den zahlreichen nach Sehnsuchtsorten benannten Café-Bars findet sich neben Amsterdam, London und San Francisco natürlich auch Berlin. Zu einer neuen Welle der Abwanderung kommt es, seitdem Deutschland am 1. Juli 2015 die Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für kroatische Staatsangehörige aufgehoben hat. So wird diese Freizügigkeit zum vorerst meistgenutzten Vorteil des EU-Beitritts.


Geringe Löhne, hohe Preise

Die Lebensumstände in Osijek könnten euphemistisch als Herausforderung bezeichnet werden. Einkaufen kann man rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Doch mit welchem Geld? Die Preise für Lebensmittel und Benzin sind hoch, nur Dienstleistungen sind günstig, denn sie werden von Menschen erbracht, die spärlich bezahlt werden. Osijek und die Gespanschaft Osijek-Baranja haben eine der höchsten Arbeitslosenraten des Landes, im August lag sie bei 16,5 Prozent, die hohe Abwanderung dürfte die Arbeitslosigkeit dabei noch drücken. Doch auch wer einen Job hat, kommt angesichts niedriger Gehälter – der durchschnittliche Netto-Stundenlohn beträgt fünf Euro – und hoher Lebenshaltungskosten nur schwer über die Runden. Außerdem sind die Möglichkeiten begrenzt, sich vor Ort beruflich weiterzuentwickeln. Einer der größten Arbeitgeber für Abgänger der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften ist das Callcenter, wo sie die Beschwerden von Bankkunden aus europäischen Ländern in verschiedenen Sprachen entgegennehmen.

Nicht nur die Küste, auch die Hauptstadt Zagreb scheint weit entfernt. Zum einen geografisch: Wer kein Auto hat oder sich die Autobahnmaut von 17 Euro pro Strecke nicht leisten kann, muss für die 280 Kilometer mindestens vier Stunden in Bus oder Bahn verbringen. Umgekehrt verirren sich Einwohner aus anderen Landesteilen auch nur äußerst selten nach Osijek.

Zum anderen politisch: Das Bruttoinlandsprodukt, zu dem der Tourismus 18 Prozent beiträgt, wird zu großen Teilen an der Küste und in der Hauptstadt Zagreb erwirtschaftet. Im Osten des Landes haben viele Menschen das Gefühl, dass sie längst abgehängt wurden und die Bemühungen, ihre Lebenssituation konkret zu verbessern, sich in engen Grenzen halten. Politik? Damit wollen sie nichts zu tun haben, sehen sie in ihr doch nicht die Lösung, sondern die Wurzel ihrer Probleme. Und so liegt die Stadt weiter im Dornröschenschlaf. Junge Menschen, die sie aufwecken könnten, wandern ab.

Theresia Töglhofer ist Associate Fellow am Alfred von ­Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen der DGAP. Von 2015 bis 2018 unterrichtete sie an der Universität ­Osijek.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November-Dezember 2018, S. 122-123

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